Papst Franziskus: "Die Welt braucht mehr Zärtlichkeit"

"Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit", sagte Papst Franziskus in seiner Weihnachtspredigt. Auch deutsche Kirchenvertreter machten das Leid von Flüchtlingen und fehlende Mitmenschlichkeit zum zentralen Thema ihrer Ansprachen.
"Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit", sagte Papst Franziskus in seiner Weihnachtspredigt. Auch deutsche Kirchenvertreter machten das Leid von Flüchtlingen und fehlende Mitmenschlichkeit zum zentralen Thema ihrer Ansprachen.
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Was wir bereits wissen
Das Leid von Flüchtlingen und fehlende Mitmenschlichkeit sind 2014 die zentralen Themen der Weihnachtspredigten des Papstes und deutscher Geistlicher.

Rom/Köln/Essen.. Führende Vertreter der Kirchen in Nordrhein-Westfalen haben sich für die Flüchtlinge stark gemacht. Der Kölner Kardinal Rainer Woelki forderte auf einer Weihnachtskarte dazu auf, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Auf der Vorderseite der Karte befindet sich ein rotes Herz mit einem kleinen Türchen - wenn man das öffnet, sieht man das Jesuskind, das auf der Innenseite abgebildet ist. Öffnet man die Karte, liest man: "Auch Jesus war ein Flüchtling. Öffnen Sie Ihr Herz für unsere neuen Nachbarn!"

Ähnlich predigte Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen: Jesus selbst sei ein jüdisches Flüchtlingskind gewesen, betonte Kurschus in ihrer Predigt am ersten Weihnachtstag in Bielefeld. Wer Weihnachten feiert, komme an dieser Geschichte nicht vorbei. "Wer heute Stimmung macht gegen die, die fliehen mussten und bei uns Schutz und ein besseres Leben suchen, verrät den Christus, auf den sich das "christliche Abendland" beruft", sagte die leitende Theologin der westfälischen Evangelischen Kirche laut Manuskript.

Mit deutlichen Worten kritisierte Kurschus auch Stimmungsmache gegen Muslime wie bei den "Pegida-Demonstrationen" in Dresden: Dort seien Weihnachtslieder gegen eine angebliche Islamisierung gesungen worden. Die Kunde von der Geburt des Versöhners und Erlösers sei auf diese Weise benutzt worden als Kampfmittel gegen Fremde, sagte Kurschus in Bielefeld.

Weihnachtsbotschaft Auch andere Bischöfe wollen in ihren Weihnachtspredigten das Thema Flüchtlinge in den Mittelpunkt stellen. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck kritisierte schon am Dienstag in seiner Botschaft mit scharfen Worten öffentliche Proteste gegen eine vermeintliche Überfremdung der Gesellschaft: "Das Boot ist lange noch nicht voll. Es ist absurd zu behaupten, dass Justiz, Kultur und Politik hierzulande vor einer Islamisierung stünden." Der Bischof des Bistums Essen bezog sich damit auf die Kundgebungen von "Pegida" und ähnlichen Gruppierungen gegen eine angebliche Überfremdung Deutschlands.

Auch der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowsi, setzte sich für Flüchtlinge ein. Er beklagte, dass sie auf ihrem unfreiwilligen Weg nach Europa sofort abgeschätzt und bewertet werden. In seiner Predigt an Heiligabend verwies Rekowski auf die zentrale Weihnachtsbotschaft. "Gerade Menschen auf der Flucht haben bei Gott einen unzerstörbaren Wert, haben Würde, lange bevor sie auch nur einen Cent zur Steigerung des Bruttosozialproduktes beigetragen haben", sagte der Präses in der Düsseldorfer Johanneskirche.

Papst fehlt Zuneigung in der Welt

Papst Franziskus hat am Heiligen Abend in der Christmette fehlende Zuneigung in der Welt bemängelt. "Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit", sagte das Oberhaupt der 1,2 Milliarden Katholiken während seiner Predigt im Petersdom in Rom. Zugleich hob der Pontifex am Mittwochabend die Geduld Gottes hervor.

Gauck In und vor der Basilika hatten sich Tausende Menschen versammelt, um den Worten des Papstes zuzuhören. Franziskus sagte bei seiner Predigt: "Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren?"

Der 78-jährige Argentinier sprach von dem Licht, das mit der Geburt Jesu in die Welt gekommen sei. "Auch wir sind in dieser Heiligen Nacht durch die Finsternis, welche die Erde umhüllt, zum Haus Gottes gekommen." Gott kenne "keinen Wutanfall und keine Ungeduld. Er ist immer da, wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn".

In seiner Weihnachtsansprache am Donnerstag geißelte der Papst Gewalt und Hass im Nahen Osten, in Afrika und in der Ukraine. "Den Retter der Welt, bitte ich, dass er auf unsere Brüder und Schwestern im Irak und in Syrien schaue, die seit zu langer Zeit unter den Auswirkungen des Konfliktgeschehens leiden und mit den Angehörigen anderer ethnischer und religiöser Gruppen grausame Verfolgung erleiden", sagte Franziskus am ersten Weihnachtsfeiertag auf dem Petersplatz in Rom.

Die Botschaft, die der Papst von der Loggia des Petersdoms sprach, und der Segen "Urbi et Orbi" sind ein Höhepunkt der christlichen Weihnacht. Zehntausende Menschen verfolgten die Worte live auf dem Petersplatz und brachen in Jubel aus, als der Papst den Balkon betrat. Millionen sahen im Fernsehen oder im Internet zu.

Weihnachtsansprache Der Herr möge dem ganzen Nahen Osten Frieden schenken, "indem er die Anstrengungen derer unterstütze, die sich tatkräftig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen", fuhr das Oberhaupt der Katholiken fort. Jesus möge auf alle schauen, die in der Ukraine leiden, "und gewähren, dass dieses geschätzte Land die Spannungen überwinde, den Hass und die Gewalt besiege".

Franziskus ruft Flüchtlingslager im Irak an

Vor der Christmette am Heiligabend hatte Franziskus ein Flüchtlingslager für verfolgte Christen im Nordirak angerufen, um den Menschen dort Mut zu machen. In dem Lager bei Erbil haben Tausende vor der Gewalt der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Zuflucht gesucht.

Der lateinische Patriarch Fuad Twal forderte bei der Weihnachtsmesse in Bethlehem den Wiederaufbau des Gazastreifens und die Verbesserung der Lebensbedingungen seiner Bewohner. Der dritte aufeinander folgende Krieg in Gaza vor vier Monaten habe Tausende von Opfern gefordert, beklagte Twal in der Geburtskirche.

"Noch schlimmer ist, dass all diese Opfer umsonst gewesen zu sein scheinen: An den Wurzeln des Problems hat sich nichts geändert. Das israelische Volk lebt weiterhin in Angst und Unsicherheit, während das palästinensische Volk weiterhin nach Unabhängigkeit und Freiheit ruft und Gaza wartet darauf, zum dritten Mal neu aufgebaut zu werden. Dieser Krieg hat den Hass und das Misstrauen zwischen den beiden Völkern vertieft und es in eine Spirale der Gewalt und der Repressalien gebracht", sagte Twal in seiner Predigt.

Zehntausende Christen aus aller Welt nahmen am Mittwoch an den traditionellen Weihnachtsfeiern im Heiligen Land teil. (dpa)