Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Arbeit

Ohne Ausbildung zur Festanstellung

07.10.2012 | 17:52 Uhr
Ohne Ausbildung zur Festanstellung
Martin Reiss ist mittlerweile Produktionsleiter bei Gera Chemie in Mülheim. Sein Chef gibt auch ungelernten Kräften eine Chance, nur hat er Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden.Foto: Mathias Schumacher

Essen.   Auch Geringqualifizierte profitieren momentan von der guten Wirtschaftslage und können sich zum Teil die Jobangebote aussuchen. Ein Revier-Unternehmer kann drei Stellen nicht besetzen.

Kaum ein Wirtschaftsverband in Deutschland, der nicht über den Fachkräftemangel stöhnt . Doch nicht nur bei den Akademikern und gut Ausgebildeten verzeichnen die Unternehmen einen Personal-Engpass. Auch Geringqualifizierte haben dank der brummenden Konjunktur derzeit gute Chancen auf eine Festanstellung, sagt das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Zahl der gering qualifizierten Arbeitslosen in NRW ist nach Angaben der Agentur für Arbeit von 441.322 (2009) stetig auf aktuell 389.713 gesunken.

Bisher war sich die Wissenschaft einig darüber, dass es für Geringqualifizierte – Menschen ohne Berufsausbildung – in einer zunehmend technisierten Welt immer schwieriger werde, eine Arbeit zu bekommen. In der Bevölkerung ist die Quote der Ungelernten nach Angaben mehrerer Forschungseinrichtungen mit 15 Prozent seit Jahren konstant.

„Wir haben festgestellt, dass für viele einfache Tätigkeiten nur noch Qualifizierte genommen werden“, sagt Gerhard Bosch, Arbeitsmarktforscher an der Uni Duisburg/Essen . Dies gelte für den Dienstleistungssektor ebenso wie für industrielle Arbeitsplätze. Es gibt jedoch Unternehmer in NRW, die auch Arbeit für Geringqualifizierte anbieten und Schwierigkeiten haben, ihre Stellen zu besetzen.

Schnell hocharbeiten

Wie Gerd Kleemeyer, der aus Bremen stammende Chef der Gera Chemie in Mülheim an der Ruhr. Der Betrieb beschäftigt 15 Mitarbeiter und produziert unter anderem Dämmmaterial und Abdichtungen für das Baugewerbe. Derzeit hat Kleemeyer drei Stellen für Produktionshelfer zu besetzen. Als junge ungelernte Kraft, sagt er, könne man sich von 8,50 Euro Stundenlohn schnell auf 9,50 Euro und „nach einer Weile im Betrieb“ und über Weiterbildungen auf 12,50 Euro pro Stunde hocharbeiten.

Gerd Kleemeyer, Chef der Gera Chemie in Mülheim an der Ruhr. (Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool)

Dazu beteiligt sich der Arbeitgeber an der Pensionskasse und zahlt einen Fahrtkostenzuschuss. Damit erhalten die Angestellten mehr als die 4,1 Millionen Beschäftigten in Deutschland, die nach Angaben des Instituts für Arbeit und Qualifikation weniger als sieben Euro pro Stunde verdienen.

In Sozialsystemen eingerichtet

Für einen Großteil der Bewerber sei dies kein Anreiz. „Bei 30 Prozent habe ich das Gefühl, die kommen nur, um sich unterschreiben zu lassen, dass sie ein Bewerbungsgespräch aufgesucht haben“, klagt Kleemeyer. Andere scheuten die Verantwortung, die in einem kleinen Betrieb von jedem Mitarbeiter übernommen werden müsse. „In großen Belegschaften kann man abtauchen, ich brauche Leute, die mitdenken“, sagt Kleemeyer.

Dass sich ein Anteil von etwa zehn Prozent der arbeitslosen Ungelernten in den Sozialsystemen eingerichtet habe, schließt auch Gerhard Bosch nicht aus. Er warnt jedoch davor, zu generalisieren. „Die meisten Menschen ohne Job wollen arbeiten.“ Aus Sicht von Alexander Kubis vom IAB in Nürnberg trägt auch die allgemein gute Wirtschaftslage zur schwachen Resonanz auf die Stellenangebote bei Gera Chemie bei: „Mittlerweile werden auch geringqualifizierte Kräfte stark nachgefragt. Zum Teil können sie sich das beste Angebot aussuchen“.

Am häufigsten von Arbeitslosigkeit betroffen

In der chemischen Industrie sind beispielsweise in diesem Jahr Lohnerhöhungen von 4,5 Prozent ausgehandelt worden. Ungelernte Kräfte, die in Unternehmen arbeiten, die Tariflohn zahlen, erhalten nach Angaben der Gewerkschaft IGBCE in Westfalen somit 2490 Euro brutto im Monat, in der Region Nordrhein sind es 2480 Euro. Damit beträgt der Stundenlohn bei 37,5 Wochenstunden rund 16 Euro.

Auch wenn momentan die Chancen für Geringqualifizierte besser geworden sind, eine Stelle zu finden, ist die Gruppe immer noch die am häufigsten von Arbeitslosigkeit betroffene. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Menschen in NRW ohne Job gilt als geringqualifiziert.

  • Laut Sozialgesetzbuch gelten Menschen als gering qualifiziert, wenn sie ohne Ausbildungsabschluss sind oder mit Abschluss berufsfremd auf Helferebene tätig gewesen sind. Doch Vorsicht: Auch ein Studienabbrecher, der nach einem Informatik-Studium ohne Abschluss eine gut dotierte Stelle annimmt, gilt statistisch als ungelernt.
  • Für die Agentur für Arbeit stellen Geringqualifizierte ein Potenzial dar, um mögliche Fachkräfte-Lücken zu schließen, die sich demografiebedingt in den kommenden Jahren ergeben können.

Gregor Boldt



Kommentare
Aus dem Ressort
Sauerländer soll Hooligan-Demo in Berlin angemeldet haben
HoGeSa
Die Polizei befürchtet, dass sich die Bilder von der Hooligan-Randale am letzten Sonntag wiederholen: Für den 15. November ist in Berlin eine Demonstration "Gegen Salafisten, Islamisierung und Flüchtlingspolitik" angemeldet. Der Anmelder soll zum Hooligan-Umfeld gehören - und aus NRW kommen.
15.000 Ausländer sollen laut UN für den IS kämpfen
Terrormiliz
Die militärischen Erfolge des Islamischen Staates (IS) im Irak und in Syrien bescheren der Miliz nach Angaben der Vereinten Nationen einen nie dagewesenen Zulauf von Kämpfern aus dem Ausland. 15.000 Männer und Frauen sollen in den beiden Länder für die Terroristen kämpfen.
Präsident von Burkina Faso tritt nach Massenprotesten zurück
Demonstrationen
Nach tagelangen Massenprotesten im westafrikanischen Burkina Faso hat Präsident Blaise Compaoré sein Amt niedergelegt. Zunächst hatte er am Donnerstag lediglich angekündigt, auf eine weitere Amtszeit zu verzichten. Danach hatten sich am Freitag erneut Zehntausende aufgebrachte Menschen versammelt.
Drei Muslime aus dem Münsterland schließen sich dem IS an
Terrorgefahr
Wenigstens drei Muslime aus dem Münsterland sollen sich der Terrororganisation IS angeschlossen haben. Die jungen Männer wohnten in Ibbenbüren und waren anscheinend gut integriert. Der Kontakt zu den Männern ist abgebrochen. Muslimische Verbände und Vereine in Ibbenbüren zeigten sich schockiert.
Rüttgers als Zeuge: "Ministerpräsident baut keine Archive"
Landesarchiv
Ex-Ministerpräsident Rüttgers ist der letzte Zeuge im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Millionenskandal „Landesarchiv“. Die Schuld an der Kostenexplosion weist er von sich: „Ein Ministerpräsident baut keine Archive“. Die Abgeordneten lässt er spüren, dass er in einer anderen Liga spielt.
Umfrage
Statt mit Aufkleber will Verkehrsminister Dobrindt die Pkw-Maut mit automatischer Nummernschild-Erkennung an den Autobahnen kontrollieren lassen. Was halten Sie davon?

Statt mit Aufkleber will Verkehrsminister Dobrindt die Pkw-Maut mit automatischer Nummernschild-Erkennung an den Autobahnen kontrollieren lassen. Was halten Sie davon?