Ob meine Familie noch lebte?

„Mutter, ich habe sie gesehen, die Engländer“

Das Ende des Krieges erlebte ich in Celle, wo meine Mutter mit uns vier Kindern, ich war mit zwölf Jahren die Älteste, bei unserer Evakuierung aus Mecklenburg bei Verwandten Station gemacht hatte.

Anfang April wurde Celle bombardiert. Wir rannten in den Keller. Da uns Steine und Mörtel um den Kopf flogen, hatten wir Angst, dass das Haus über uns zusammenstürzen und uns begraben könnte. Nach der ersten Angriffswelle liefen wir deshalb in einen nahe gelegenen Wald. Aber hier gerieten wir erneut in große Gefahr, da die Waffen-SS Jagd auf KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen machte, die wohl aus einem Eisenbahnwaggon, der am Bahnhof gestanden hatte, entkommen waren. Wir warfen uns immer wieder auf den Boden, um nicht von Kugeln getroffen zu werden. Nach dem Luftangriff konnten wir aber unsere bisherige Bleibe nicht mehr bewohnen. Zum Glück fanden wir aber Unterschlupf bei einer anderen Verwandten.

Wir mussten wochenlang mit elf Personen in einer kleinen Zwei-Zimmer Wohnung hausen. Wie jeden Tag ging ich mit einer Erwachsenen einkaufen. Plötzlich stand ein riesiger Panzer auf der Straße, gefolgt von weiteren Fahrzeugen. Aus der Luke oben schaute ein britischer Soldat, ein Gewehr in der Hand. Ich war erschrocken und dachte, wir müssten jetzt unsere Taschen abstellen und mit erhobenen Händen an einer Hauswand stehen bleiben. Bei einer falschen Bewegung würde womöglich auf uns geschossen. Mein Herz klopfte wie wild. Der Soldat auf dem Panzer aber sprach deutsch und wies uns an, ruhig weiter zu gehen, aber die Hände aus den Taschen zu nehmen. Wir taten, wie er uns geheißen hatte und kamen mit unseren Einkäufen unbehelligt zu Hause an.

Aufgeregt rannte ich zu meiner Mutter. „Mutter, ich habe sie gesehen, die Engländer. Die sehen aus wie wir! Das könnten unsere Brüder sein.


SS-Soldaten forderten, die weiße Fahne abzunehmen

18. April 1945: Der Geschützdonner der heranrückenden amerikanischen Truppen kam immer näher. Leipzig war schon besetzt und nun standen die amerikanischen Panzer vor unserem Dorf Mölbis. Großalarm wurde ausgelöst und wir sollten alle in die Keller gehen. Unsere Mutter kramte ein weißes Betttuch heraus, befestigte es an einer Wäschestütze und hing die „weiße Fahne“ zum Fenster hinaus.

Plötzlich standen zwei SS-Soldaten vor der Haustür und forderten unsere Mutter auf, sofort die weiße Fahne abzunehmen. Meine Mutter weigerte sich und sagte: „Die Amerikaner stehen doch schon am Dorfeingang und der Krieg ist ohnehin für uns verloren.“ Die SS-Soldaten sagten: „Weiße Fahne runter oder wir sprengen ihr Haus in die Luft.“ Meine Mutter hat die Fahne wieder ins Haus geholt und die beiden Soldaten gingen. Unser Vater, der bei der Heimatflak diente, hat die russischen Wlassow-Soldaten entlassen und ist nach Hause gekommen. Seine Wehrmachtssachen hat er sofort gegen Zivil gewechselt. Später nähte unsere Mutter aus der Uniform für uns Hosen. Mein Bruder Herbert, 15 Jahre, kam auf die Idee, die Jungvolkuniform anzuziehen und forderte mich (12 Jahre) auf, das Gleiche zu tun. Beide uniformiert, Fahrtenmesser am Koppel, liefen wir den Panzern entgegen. Die Amis, farbige Soldaten, haben sich fast totgelacht.

Sie haben uns auf den Panzer gehoben, Zigaretten in die Hand gedrückt, mit Schokolade gefüttert und fotografiert. Zwischenzeitlich hat uns der Vater gesucht und auch entdeckt. Da brach über uns die Hölle ein. Vater packte uns, mein großer Bruder bekam eine ordentliche Tracht Prügel. Ein amerikanischer Soldat hat dann die Prügelszene beendet. Der Vater liebte sowieso keine Braunhemden und gleich gar nicht, dass wir in diesem Aufzug zum Ami gingen.

Bürger wurden nach Buchenwald gefahren

Nach Auflösung der Reichsführerinnenschule in Kartz/Uckermark fuhren 42 Mädchen und fünf Führerinnen in eine Schule, circa 70 Kilometer von Schneidemühl. Die russische Front rückte immer näher. Gegen Ende Januar 1945 verließen wir fluchtartig das Dorf. Über verschiedene Stationen kam ich nach Weimar. Von dem KZ Buchenwald, mir war es völlig unbekannt, wurde nie gesprochen. Tagsüber wurden wir oft von Tieffliegern beschossen, die Amerikaner standen kurz vor Thüringen. Gegen Ende April heulten plötzlich ungewöhnlich lange die Sirenen. Wir suchten schnell den Kellerraum auf. Plötzlich hörten wir lautes Gerassel auf den Straßen. Die Amerikaner waren mit ihren Panzern und Geschützen in Weimar einmarschiert. Ein Mann zeigte Mut, ging nach oben und kehrte nach kurzer Zeit zurück. „Kommt alle rauf, die Amis sind da. Wir brauchen keine Angst vor ihnen zu haben.“ Am nächsten Tag wurde das KZ Buchenwald entdeckt. Es war nicht zu fassen, was dort geschehen war. Viele Häftlinge strömten in die Stadt, für uns gab es kaum noch etwas zu kaufen. Viele Bürger wurden nach Buchenwald gefahren, damit sie sich dort ein Bild machten. Es war grauenhaft.

Ende Juni wurde Thüringen an die Russen übergeben. Wieder kam Angst auf. Ob meine Familie in Dortmund noch lebte? Am 20. September 1945 ging ich unter Ängsten und Strapazen bei Heiligenstadt über die grüne Grenze. Meine Familie traf ich drei Tage später in Wellinghofen an. Die Freude war unbeschreiblich.

Wie braune Käfer krochen Panzer über die Hauptstraße

Bei Kriegsende lebten wir, einige Lehrer und Schulkameraden, 14 bis 15 Jahre alt, nach unserer Flucht aus dem Riesengebirge in einem kleinen Dorf in der Nähe von Neuenmarkt-Wirsberg. Über Prag, Pilsen und Eger kamen wir damals in umgebauten Güterwagen zunächst nach Coburg, wo wir einige Wochen in einem HJ-Heim untergebracht wurden, später dann in einem Gasthof. Gelegentlich kam ein Trupp deutscher Soldaten vorbei, ihre ersten Fragen waren nach der Himmelsrichtung Westen und ob irgendwo SS stationiert oder durchgezogen sei.

Und irgendwann waren wir dann im Niemandsland, nur versprengte Landser trafen wir gelegentlich im Wald. Sonst herrschte Ruhe. Einige Tage später hörten wir weiter weg ein lautes metallisches Getöse, das wir nicht sofort einordnen konnten. Doch dann dämmerte es uns. Das konnten nur die anrückenden amerikanischen Panzer sein. Wir gingen auf Erkundungstour. Unbemerkt schlichen wir die Dorfstraße entlang und durch den Wald. Tatsächlich, wie große braune Käfer krochen Panzer die Hauptstraße entlang, dazwischen Jeeps und Soldaten. Diese bedrohliche Schlange hielt am Rande der Bebauung an, und einer der Panzer schwenkte seinen Turm nach links und nach rechts. Immer in Deckung rannten wir durch die Tannen zurück um Gasthof. Als wir berichteten, was wir gesehen hatten, wurden alle auf die Zimmer geschickt mit dem Auftrag, die Fensterläden zu schließen und sich still zu verhalten. Die Haustür wurde verriegelt.

Als ein Jeep von der Straße abbog und ein Gewehrkolben Augenblicke danach gegen die Eingangstür krachte, war Holland in Not. Auf ein weibliches Wesen werden sie wohl nicht gleich schießen, dachten wir. Also überredeten wir unsere Köchin, die Tür zu öffnen, wir Jungen, blieben hinter ihr im Flur. Das müsste gelingen, um Blut zu vermeiden.

Und als unsere Lehrer ihnen erklärten, wer wir seien, keine versprengten Hitlerjungen oder Soldaten, entspannte sich die Lage. Wir Jungen wurden von den G.I. mit Schokolade und Cornedbeef versorgt. Dankbar bin ich den Menschen, die uns auf dem Weg ins Ruhrgebiet geholfen haben.