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NRW will zurück ins Atomzeitalter

21.04.2008 | 00:32 Uhr

Düsseldorf. Steht die Kernkraft vor einer Renaissance? In der Düsseldorfer Regierungskoalition wird der Ruf nach einem Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomenergie immer lauter. Die Industrie buhlt derweil um Aufträge aus dem Ausland.

Vorbild für die NRW-Energiepolitik? Reaktor im norddeutschen Brunsbüttel. (Bild: David Hecker/ddp)

Helmut Stahl hat einen Alptraum. "Eines Tages", so der CDU-Fraktionschef im Landtag, "könnten wir das letzte gallische Dorf der zurückgebliebenen Atomaussteiger in Europa sein". Deutschland als atomfreie Zone, umgeben von Nachbarn, die ihre Energie aus Kernenergie beziehen - ein Schreckensszenario?

Für Stahl ist dies so. "Kernkraftwerke ermöglichen uns als einzige eine Stromproduktion ohne schädliche Klimagase", betont er. Der Christdemokrat will heute in Düsseldorf ein Eckpunkte-Papier seiner Fraktion zur "Energiezukunft in NRW" vorlegen. Kern: In einem künftigen Energiemix ist die Atomkraft unverzichtbarer Bestandteil.

Zumindest bei seinem Koalitionspartner läuft Stahl mit seinen Forderungen offene Türen ein. Die FDP mahnt seit langem, der noch von Rot-Grün im Bund beschlossene Ausstieg aus der Kernkraft (siehe Info-Box) müsse revidiert werden. "Angesichts unserer CO2-Einsparziele", legte Liberalen-Landeschef Andreas Pinkwart nun nach, "sollten wir unsere leistungsfähigen und sicheren Atomkraftwerke länger am Netz halten". Öffentliche Proteste fürchtet er offenbar nicht: "Die Einstellung zur Atomenergie hat sich gewandelt."

Erst vor kurzem sah sich eine Delegation der FDP-Landtagsfraktion im niedersächsischen Grohnde um, wo ein Meiler mit älterer Technologie am Netz ist. "Ich war sehr beeindruckt von der Sicherheit", berichtet FDP-Generalsekretär Christian Lindner von dem Ortstermin.

Die Rechnung, die CDU und FDP aufmachen, lautet: Standorte für neue Kohlekraftwerke, die derzeit einen Großteil der Energielast in NRW tragen, sind kaum noch zu finden. Sobald ein neues Projekt publik wird, formiert sich vor Ort eine breite Front gegen die ungeliebten "Klimakiller-Anlagen". "Und die erneuerbaren Energien", so FDP-General Lindner, "könnten die durch die Abschaltung der Atommeiler entstehende Versorgungslücke nicht schließen". Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse stießen alsbald an ihre Grenzen: "Das reicht nicht."

CDU und FDP fordern zudem unisono, sich nicht von der Atom-Forschung zu verabschieden. "Wir müssen da noch viel mehr investieren", sagt FDP-Chef Pinkwart. Als nordrhein-westfälischer Innovationsminister hat er die Weichen dafür gestellt, bereits vor einiger Zeit machte er den Weg frei für drei Lehrstühle in der Kernenergieforschung an der Uni Aachen, die nach Plan der rot-grünen Vorgängerregierung nicht wieder besetzt werden sollten. Pinkwart: "NRW darf sich nicht abkoppeln vom internationalen Fortschritt."

International - dies ist auch das Stichwort für die in NRW stark vertretenen Energiekonzerne. Während Unternehmen wie RWE oder Eon hinter den politischen Kulissen arbeiten, den Ausstiegsbeschluss zu kippen oder zumindest längere Laufzeiten für die Meiler herauszuschlagen, sind Branchenriesen aus NRW auf Auftragssuche im Ausland. Die Ankündigung der britischen Regierung etwa, die Kernenergie wieder stärker zu fördern, hat die gesamte Branche elektrisiert.

Die Opposition hält von einer Renaissance der Kernkraft nichts. "Am Atomausstieg wird nicht gerüttelt", betonte SPD-Energie-Experte Norbert Römer. Und der Grünen-Abgeordnete Reiner Priggen warf CDU und FDP vor, sie befänden sich auf einer "energiepolitischen Geisterfahrt".

Von Walter Bau

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