NRW steckt weitere 100 Millionen Euro in Kindertagesstätten

Krippenkinder brauchen viel Aufmerksamkeit und Förderung.
Krippenkinder brauchen viel Aufmerksamkeit und Förderung.
Foto: dpa
Die Landesregierung investiert weitere 100 Millionen Euro, um die Förderung von Kindern in Kitas zu verbessern. Doch Experten reicht das nicht. Die Kita-Träger befürchten, dass der rasante Ausbau der Betreuung für Kleinkinder zu einem massiven Qualitätsverlust führt.

Essen/Düsseldorf.. Nordrhein-Westfalen investiert zusätzliche 100 Millionen Euro, um die Förderung in Kitas zu verbessern. Das sieht der vom Kabinett beschlos­sene Entwurf zur Revision des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) vor. Eine nach Größe der Kita gestaffelte Personal­pauschale umfasst 55 Millionen Euro, erklärte Familienministerin Ute Schäfer (SPD) bei der Vorstellung des Entwurfs. Demnach erhalten Kitas zwischen 4000 und 10.000 Euro Fördermittel pro Jahr zusätzlich.

Kitas in Brennpunkten sollen eine ­zusätzliche Personalpauschale von ­mindestens 25.000 Euro im Jahr erhalten. Profitieren werden davon etwa 1800 Kitas in Nordrhein-Westfalen – ­also jede fünfte. Erzieherinnen will die Landesregierung durch Küchenhilfen in der Mittagszeit entlasten.

Mehr Zeit für Pädagogik

Die einen haben Hunger, die anderen wollen nach Hause. Wenn Mittagszeit ist in den 9300 Kitas in Nordrhein-Westfalen, haben Erzieherinnen alle Hände voll zu tun. Sie tragen Essen auf, räumen es ab, sitzen mit den Kindern am Tisch. Eltern kommen und gehen, das allgemeine Gewusel ist groß.

Nun will die Landesregierung mit der Reform des Kinder-Bildungsgesetzes (KiBiz) die Erzieherinnen gerade in dieser stressigen Zeit entlasten – mit Geld für Küchenhilfen, damit Zeit bleibt für die Pädagogik am Mittagstisch. 500 Euro pro Gruppe soll es geben. Für Peter Wenzel, der als Leiter des Kita-Zweckverbandes für die katholischen Tagesstätten im Bistum Essen spricht, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Doch um die Personalnot zu beheben, „dafür reicht es nicht aus“.

Noch ist der Personalschlüssel in den Krippen gut

Immerhin können Erzieherinnen die Gelder flexibel verwenden – also nicht nur für Haushaltshilfen, sondern auch für Vertretungen oder Leitungszeiten. Bei einem hohen Krankenstand kann das schon mal den größten Druck rausnehmen, doch das Dilemma, dass Erzieherinnen oft genug allein mit einer Gruppe klarkommen müssen – „das löst die Pauschale nicht“.

Sprachförderung Wenzel sorgt sich um die Qualität der Kitaerziehung – ebenso wie Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes. „Wir laufen Gefahr, dass die Befürchtungen konservativer Kreise wahr werden und durch die frühe Kita-Betreuung die Bindungsfähigkeit gestört wird“, sagte er dieser Zeitung. Hilgers befürchtet, dass der schnelle Kita-Ausbau den Personalschlüssel für Gruppen mit Kleinkindern unter drei Jahren verschlechtert.

Tatsächlich kommen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung in NRW auf eine Erzieherin im Durchschnitt 3,3 U-3-Kinder. Ein im Prinzip guter Wert, der auf internationalen Standards beruht. Doch bundesweit, rechnet Hilgers vor, seien im ersten Halbjahr dieses Jahres die U-3-Plätze von knapp 600 000 auf 800 000 angewachsen, gleichzeitig sei die Personalnot groß. „Ich bezweifele, dass NRW bei der nächsten Erhebung immer noch so einen guten Personalschlüssel hat“, sagte Hilgers.

Mehr Personal für „Brennpunkt-Kitas“

Rot-Grün kontert diese Befürchtungen mit einer zusätzlichen halben Fachkraftstelle in sozialen Brennpunkten („KITAplus“) mit hoher Arbeitslosen- und Sozialhilfequote – das kostet die Landeskasse immerhin 45 Millionen Euro mehr. Rot-Grün werde schließlich nach dem U3-Ausbauprogramm nun den Schwerpunkt auf die Qualität in den Kitas legen, sagte die grüne Familienexpertin Andrea Asch.

Dass sich eine gute Kita-Betreuung nicht nur um den Personalschlüssel, sondern auch um ganz praktische Dinge dreht, machte Familienministerin Schäfer (SPD) deutlich: Viele Eltern von Unter-Dreijährigen wünschten eine Betreuung in der Nähe des Arbeitsplatzes, sagte sie. Also kündigte sie einen finanziellen Ausgleich zwischen den Kommunen bei der Betreuung gemeindefremder Kinder an. Außerdem müssen Kommunen Eltern zur Planungssicherheit innerhalb von sechs Monaten ein konkretes Angebot für einen Betreuungsplatz machen.

Die CDU-Forderung nach einer Ausweitung der Kita-Öffnungszeiten auf 18 Uhr findet sich nicht im Entwurf. Dafür sei die kommunale Jugendhilfe zuständig, hieß es.