NRW-Schulministerin will Turbo-Abi entschlacken
15.12.2010 | 18:46 Uhr 2010-12-15T18:46:00+0100
Düsseldorf.Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die Gymnasien in NRW bei der verkürzten Schulzeit von acht Jahren bis zum Abitur. Schulministerin Löhrmann verspricht, gestresste Schüler trotzdem zu entlasten. Etwa durch eine Kürzung der Hausaufgaben.
Die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur bleibt. Dennoch möchte Schulministerin Sylvia Löhrmann den Alltag der gestressten Schülerinnen und Schüler verbessern. Löhrmann versuchte am Dienstag erst gar nicht, um den heißen Brei herumzureden. Ihre Rede zum Thema Schulzeitverkürzung an den Gymnasien sei für sie „kein außerordentliches Vergnügen“, gestand die Grüne im Landtag gleich zu Beginn ein. Denn die von der rot-grünen Koalition groß angebotene Rückkehr der Schulen zum Abitur in neun Jahren (G 9) findet landesweit nur müde Resonanz. Ganze zehn der 630 Gymnasien beabsichtigen bisher, ihre Schüler ab Sommer 2011 wieder in neun Jahren zum Abi zu führen. Das Interesse gilt längst der Frage, wie man Stress und hohe „stoffliche Belastung“ in Zeiten des Turbo-Abiturs reduziert. „Hier muss etwas geschehen“, folgerte Löhrmann, „systematisch und gründlich – aber kein Schnellschuss“.
Einen unterrichtsfreien „pädagogischen Tag“ erlaubt sie den Gymnasien, um die von ihrem Haus beschriebenen Maßnahmen zu diskutieren und – freiwillig – in den Schulalltag zu übernehmen. Denn der Bedarf ist höchst unterschiedlich: Einige Schulen haben den Hebel zu G 8 recht reibungslos umgelegt, andere sind mit den neuen Strukturen stark überfordert. Handlungsbedarf sieht Löhrmann auf sieben Feldern:
Gleichgewicht zwischen Haus- und Schulaufgaben
Bei einem prallvollen Stundenplan muss vor allem ein „neues Gleichgewicht“ zwischen Haus- und Schulaufgaben gefunden werden. Nur noch das „wirklich Notwendige“ soll daheim erledigt werden. „Nach einem Schultag bis in den Nachmittag ist für Hausaufgaben kein Platz mehr“, sagt Löhrmann klipp und klar. Das sei zwar geltende Erlasslage, aber offenbar längst nicht überall angekommen.
Den Fachkonferenzen in den Schulen will die Landesregierung mit Muster-Curricula helfen, ihre schulinternen Lehrpläne anzupassen und dort, wo es möglich ist, abzuspecken. Damit sollen in erster Linie mehr Freiräume geschaffen werden, um Unterrichtsstoff besser wiederholen oder vertiefen zu können. Ergänzungsstunden sollen von den Schulen flexibel genutzt werden können, um die individuelle Förderung der Schüler zu verbessern.
Eine deutliche Entlastung von Schülern und Lehrern verspricht sich Löhrmann durch einen neuen Rhythmus im Schulalltag. Schon jetzt rücken immer mehr Gymnasien vom üblichen 45-Minuten-Takt ab, ihre Schüler lernen in Einheiten von 60, 75 oder 90 Minuten. Damit soll Platz erschaffen werden für längere Lernphasen und intensiveres Üben. Löhrmann: „Der so angelegte Unterricht kann viel stressfreier gestaltet werden.“
Mehr Hilfen für Lehrer
Seit dem Schuljahr 2006/2007 starten die Schüler in Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen ihre zweite Fremdsprache in Klasse 6. Mehr Erfolg verspricht sich Löhrmann, wenn sich der Unterricht stärker am Alter, den Vorkenntnissen und – wenn möglich – an den Herkunftssprachen der Kinder orientiert. Dazu kündigte sie mehr Hilfen für die Lehrer an. Vor allem bei Fremdsprachen sollen Schüler vom häuslichen Lernen entlastet werden.
Neben dem Ausbau des Ganztags und der pädagogischen Übermittagsbetreuung soll die Lehrerausbildung verbessert werden. Bisher seien Diagnose- und Beratungskompetenz, aber auch die Anforderungen durch individuelle Förderung nicht ausreichend beachtet worden. Und: Schulen sollen stärker vernetzt werden, um voneinander lernen zu können.
Einen Befreiungsschlag bei G 8 werde es nicht geben, mahnte Löhrmann, jede Schule müsse ihr eigenes Konzept entwickeln. Dass die G 9-Ära in NRW zu Ende geht und es kein einfaches Zurück mehr gibt, rief ihr die Opposition in Erinnerung. Die Ministerin ergreife die „Flucht nach vorn“, kritisierten CDU und FDP, denn sie habe sich „in eine Sackgasse manövriert“.
Weitere wichtige Landtagsbeschlüsse im Überblick:
Abschaffung des Grundschulgutachtens
Für die angekündigte Stärkung des Elternwillens steht vor allem die Abschaffung des verbindlichen Grundschulgutachtens, das bisher vorschreibt, welche weiterführende Schule ein Kind nach der Grundschule besucht. Damit entfällt auch der Prognose-Unterricht, mit dem ein Kind im Streitfall getestet wurde. Bereits erteilte Empfehlungen der Grundschulen sind nicht mehr verbindlich.
Keine Kopfnoten mehr
Die drei umstrittenen Kopfnoten werden nach dem Landtags-Beschluss abgeschafft. Sie sollen schon nicht mehr auf dem Halbjahreszeugnis Anfang Februar erscheinen. Stattdessen können die Schulen den Eltern in schriftlich ausgearbeiteter Form eine Rückmeldung über das Arbeits- und Sozialverhalten der Kinder geben. Darüber muss bei Bedarf jeweils die Schulkonferenz entscheiden.
Kommunen können Grundschulbezirke wieder einführen
Die Grundschulbezirke werden nicht flächendeckend wieder eingeführt, aber die Kommunen können dies in Eigenregie durchsetzen. Dann muss ein Kind im Einzugsbereich der Wohnung eingeschult werden. Rot-Grün hält es für vorteilhaft, wenn Grundschulkinder einen gemeinsamen Schulweg haben und nachmittags zusammen spielen können. Außerdem sei das Schulangebot besser planbar.
Wiedereinführung der Drittelparität
Mit der Wiedereinführung der sogenannten Drittelparität dreht die Koalition eine weitere Gesetzeskorrektur zurück, die von der Regierung Rüttgers beschlossen worden war. Künftig haben Lehrer, Eltern und Schüler wieder zu je einem Drittel Stimmrecht in der Schulkonferenz. Bisher hatten Lehrer 50 Prozent plus der Stimme des Schulleiters. Die Änderung gilt ab dem kommenden Schuljahr.

17:02
Frau Löhrmann wäre gut beraten, den Grundschulen endlich mal im .... zu treten. Die Grundschulen sind mittlerweile zu einen erweiterten Kindergarten verkommen. Sinnlos werden dort die Jahre verplempert mit wenig Inhalten. Auf den weiterführenden Schulen streuben sich die Haare bei jedem Lehrer über das unterschiedliche Niveau der neuen Schüler. Fast kaum ein Kind ist in der Lage beim Übergang in Klasse 5 fehlerfrei einen Text vorzulesen, und dass auch sogar auf dem Gymnasium. In Fach Englisch geht das Niveau soweit auseinander, dass für einige die alten Bücher herausgeholt werden müssen, da sie in der Schule fast nichts gelernt haben, außer englische Texte zu singen. Die Grundschule muss für die Kinder besser genutzt werden. Gerade im Grundschulalter lernen die Kinder am schnellstens. Nicht so begabte Kinder müssen gezielt gefördert werden. Viele Kinder verlieren im dritten oder vierten Schuljahr aufgrund Unterforderung die Lust am lernen.
16:52
Die Abschaffung des Grundschulgutachtens ist mehr als überfällig oder man sollte eine Regelung einführen, die streng nach Noten geht. Wie z. B. Bayern: besser 2,33 Gymnasium, 2,66 Realschule darüber hinaus Hauptschule. Beim CDU eingeführten System war es ja so, dass nur die Meinung der Lehrer zählt. Trotz guter Schulnoten hieß es: Ihr Kind ist für das Gymnasium zu schüchtern oder zu zappelig und was sonst noch alles... Die Kinder mußten dann in die Ehrenrunde Prognoseunterricht in den Osterferien. Damit ist zumindest jetzt Schluß.
Beim Thema G8 ist unser Grüne Schulministerin jedoch ideologieverblendet. G8 ist bisher ein klarer Fortschritt und der Zentralabschluß bietet mehr Chancengleichheit. Es kann nicht sein, dass sich ein Oberstufenschüler an der Gesamtschule anhöhren muss, er hätte nur ein ABI 2. Klasse! Zu wünschen wäre es für die Zukunft, dass es endlich einen bundesweiten einheitlichen Abschluß und ein einheitliches Schulsystem gibt. Aber jedes Herzogtum kocht sein eigenes Süppchen. Der Förderalismus gehört in die Steinzeit!
14:09
ooops , zu schnell getippt :-(
Soll heißen ...bietet unser ...
14:08
#24
Natürlich soll niemand einer falschen Einschätzung machtlos gegenüber stehen. Das ist de facto ja auch nicht so.
Aber mal ganz ehrlich :
Wie häufig dürften denn wohl die Grundschullehrer im Vergleich zu den Eltern mit ihren Prognosen / Einschätzung falsch liegen?
Der Trend , jedes Kind auf das Gymnasium zu schicken, ist m.E. verkehrt, weil die Kinder im Falle eines Scheiterns leiden müssen.
Ich habe selber Kinder , die das Gymnasium mit Erfolg durchlaufen haben; auf diesem Weg haben sie schlichte Geister mit zu ambitionierten und beratungsresistenten Eltern leider verabschieden müssen.... Passiert dann eben.
Abgesehen bittet unser - noch bestehendes- Schulsystem (noch) die Möglichkeit, Spätentwicklungen Rechnung zu tragen.
Kritischer wird es, wenn so etwas wie die Einheitsschule mit GU (!) kommt und alle Schüler aufgenommen werden (müssen) , die den Sprung zum Gymnasium nicht geschafft haben.
runningvalentino
13:31
@22 von runningvalentino
Falsche Einschätzungen seitens der Lehrer wird es immer geben.
Da haben Sie Recht.
Und trotzdem soll man Ihrer Meinung als Eltern dieser falschen Einschätzung machtlos gegenüberstehen?
Tolle Logik!
10:49
#22
Natürlich hat der Betreffende die Grundschule vor ca. 20 Jahren verlassen. Aber im Kern der Aussage geht es doch darum, dass er, wenn es bereits damals die Verbindlichkeit der Schulempfehlung gegeben hätte, heute nie Arzt wäre. Insofern kann ich es nur begrüßen, dass die Verbindlichkeit abgeschafft wurde.
Im Übrigen hat der Bekannte mehrere Kinder - und alle sind Spätentwickler. Sie sind alle über die Realschule auf das Gymnasium gekommen.
Kinder sind halt verschieden. Und über den Niedergang - ich will jetzt nicht in das Lehrer-bashen einsteigen. Zu denken gab es mir aber schon, als der Klassenlehrer meiner Tochter zu mir sagte, sie hätte den Knall noch nicht gehört.
Auf meine Nachfrage hin präzisierte er seine Aussage dahin, sie käme ja noch immer fröhlich pfeiffend in die Schule. Das war die Aussage eines ausgebildeten Pädagogen, dem ein fröhliches Kind in der Schule suspekt war.
09:45
Ach frusto,
der geschilderte Einzelfall des jetzigen Mediziners muss doch schon ca. 20 Jahre zurück liegen. Ob sich die Schullandschaft in der Zwischenzeit vllt geändert hat ,hm???
Falsche Einschätzungen seitens der Lehrer wird es immer geben. Das sind Menschen, keine Wahrsager ! Ergo geben diese EXPERTEN ihre Einschätzungen immer unter Vorbehalt. Aber, warum um alles in der Welt sollten die Eltern soooo viel reliabler hinsichtlich ihrer Prognosen sein? Oder ist da vllt der Wunsch der Vater/ die Mutter des Gedanken. Fragen Sie doch einmal die Philologen über den Niedergang des Niveaus am Gymnasium.
Worauf gründen Sie denn Ihre profunde Erkenntnis hinsichtlich des Zufallsprinzips bei der Festsetzung der Kopfnoten? Waren Sie etwa bei den Konferenzen anwesend ? Glaube ich eher nicht!
Uneingeschränkt Recht geben muss ich Ihnen mit Ihrem letzten Satz! Dieser Pfusch lässt sich aber nicht an EINER Partei festmachen. Da wurden in den letzten Jahrzehnten viel Schindluder getrieben, Ende offen :-( !
Nur, die Lehrer trifft an der Misere die geringste Schuld, glauben Sie es mir nur !
runningvalentino
09:20
Begrüßung des Direktors beim Elternabend zum Übergang des Kindes in die Oberstufe: Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Politik den Stoff von drei Jahren nun in zwei Schuljahre gepresst hat. Ergebnis- 36 Pflichtstunden die Woche plus Hausaufgaben - kein Sportverein mehr, keine Musikschule, da dafür keine Zeit mehr ist.
Ich weiß nicht, ob das von den Kommentatoren, die nun klagen, tatsächlich so gewünscht ist.
Und zu den Kopfnoten - die wurden doch nach dem Zufallsprinzip verteilt - ich spreche aus Erfahrung, da ich drei Kinder auf einer Schule habe.
Da brachte es doch zum Abschluss des letzten Schuljahrs eine Lehrerin fertig, Noten für ein Kind zu verlesen, dass bereits zum Halbjahr die Schule verlassen hatte. Ich begrüße als Vater die Maßnahmen der neuen Landesregierung uneingeschränkt und habe noch ein weiteres Beispiel:
Der Sohn eine Bekannten sollte auf die Hauptschule - Kommentar der Grunschullehrerin : Tun Sie sich und dem Kind einen Gefallen - schicken Sie ihn auf die Hauptschule!
Trotzdem zur Realschule, von dort Gymnasium und Abitur. Anschließend Medizin studiert. Jetzt ist er bereits seit Jahren erfolgreicher Arzt.
So viel zur Vebindlichkeit der Empfehlung. Hätte es diese bereits damals gegeben, wäre dieser Junge wahrscheinlich Arbeiter geworden.
Nirgendswo wird so viel rumgepfuscht wie im Kultussektor- zum Nachteil unserer Kinder.
07:52
Sehr gut, Frau Löhrmann! Der CDU-Murks in der Bildungspolitik NRWs wird wieder rückgängig gemacht! Die Entschlackung des Turbo-Abis war längst überfällig. Weiter so!
07:21
Pisa läßt grüßen.
Die Deutschen Politiker sind nicht mehr ganz klar im Kopf !!!
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