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Bologna-Prozess

NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als "vollwertigen Abschluss“

14.08.2012 | 20:28 Uhr
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als "vollwertigen Abschluss“
Der Bachelor-Abschluss bleibt zehn Jahre nach seiner Einführung umstritten. Es sei falsch, junge Menschen so schnell durch die Uni zu schleusen, argumentieren Kritiker.Foto: Knut Vahlensieck

Düsseldorf.   Seit 2002 läuft der Umbau der Hochschulen. Über den Erfolg von Bachelor und Master gehen die Meinungen auseinander. Während der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz den Wert der neuen Abschlüsse anzweifelt, ist NRW zufrieden. Wissenschaftsministerin Svenja Schule verteidigt den Bachelor als "vollwertigen Abschluss".

Solch klare Worte vernimmt man selten aus dem akademischen Elfenbeinturm. Horst Hippler, Karlsruher Professor und Präsident der deutschen Hochschulrektoren, hat zehn Jahre nach dem Start der Studienabschlüsse „Bachelor“ und „Master“ eine vernichtende Bilanz gezogen. „Eine Universität muss mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. Das tut sie mit dem Bachelor nicht“, sagte er der „Süddeutschen ­Zeitung“.

Bologna-Prozess
Die Launen der Wirtschaft - von Tobias Blasius

Der Bologna-Prozess ist nicht die Erfolgsgeschichte, die Bildungspolitiker in ihm gerne sehen. Dennoch darf man sich bei der Ausrichtung des Studiums nicht ausschließlich an den Bedürfnissen der Wirtschaft richten, dafür ist diese viel zu launisch.

Es sei falsch, junge ­Menschen in nur sechs Semestern durch die Hochschulen zu schleusen. Selbst die Wirtschaft habe dem „Jugendwahn“ längst abgeschworen, Unternehmen suchten heute „Persönlichkeiten, nicht nur ­Absolventen“.

Freiräume selbst gestalten

Das Echo aus NRW, dem Land mit der höchsten Hochschuldichte in Europa, ließ nicht lange auf sich warten. „Der Bachelor ist ein vollwertiger Hochschulabschluss, den man nicht kleinreden sollte“, widersprach NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD). Die Akzeptanz in den Unternehmen sei groß, sonst läge die Arbeitslosigkeit bei „Bachelor“-Absolventen nicht bei weniger als drei Prozent. „Es liegt in der Verantwortung der Hochschulen, die Lernmodule so zu gestalten, dass den Studierenden mehr Freiräume zur Persönlichkeitsentwicklung bleiben. Das steht nicht im Widerspruch zur Bologna-Reform“, so die Ministerin.

Bologna-Reform
2650 Studiengänge sind schon umgestellt

Seit zehn Jahren befindet sich die Hochschullandschaft im Umbruch. Mit der „Bologna- ­Reform“ verabredeten die euro­päischen Staaten eine Angleichung ihrer Abschlüsse. Diplom, Magister und Staatsexamen werden seither ersetzt durch das internationale ­Basis-Zertifikat „Bachelor“ nach sechs Semestern (drei Jahren) und die Weiterqualifizierung zum „Master“ (noch einmal zwei Jahre).

In NRW gibt es heute in fast allen Disziplinen rund 2650 Bachelor- und Masterstudiengänge. Ausnahmen bilden die Fächer Medizin und Rechtswissenschaften. Die Studenten belegen „Module“ und sammeln Leistungspunkte nach dem „European Credit Transfer System“. Zwar wurden im Zuge der Reform Lehr­inhalte entschlackt, im Gegenzug jedoch neue Prüf- und Anwesenheitspflichten eingeführt. Kritiker beklagen eine zunehmende „Verschulung“ des Studiums, das keine umfassende akademische Bildung mehr ver­mittle. Das kurze „Bachelor“-Studium steht zudem im Ruf, eine Schmalspur-Ausbildung zu sein.

Die zumeist jungen Absolventen finden jedoch in der Regel leicht eine Anstellung, die Arbeitslosenquote liegt hier bei unter drei Prozent.

Es wird immer wieder bezweifelt, dass die „Bologna-Reform“ tatsächlich den gewünschten internationalen Austausch befördert hat. „Dieses Versprechen ist nicht wirklich erfüllt worden“, klagt der Präsident der deutschen Hochschulrektoren, Horst Hippler. Dagegen besagt eine Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung in Kassel, dass 27 Prozent der „Bachelor“- und „Master“-Absolventen Auslandserfahrung aufweisen. Bei Absolventen herkömmlicher Studiengänge waren es nur 19 Prozent.

Bologna – die norditalienische Stadt als Wiege des europäischen Hochschulwesens im 12. Jahrhundert – ist Namenspatronin für den Prozess der internationalen ­Angleichung der Studienord­nungen, der vor zehn Jahren begann. Die deutschen Abschlüsse Magister und Diplom werden seither systematisch ersetzt durch das Kurzstudium „Bachelor“, das mit weiteren vier Semestern zu einem „Master“ veredelt werden kann.

Im Prüfungsjahr 2011 haben ­allein in NRW 33 730 Studierende die Hochschulen schon nach sechs Semestern mit dem „Bachelor“-Zeugnis wieder verlassen. Seit dem Wintersemester 2011/12 sind auch die großen Lehramtsstudiengänge an Rhein und Ruhr auf die neue Studienstruktur umgestellt. War die größte Umwälzung der deutschen Hochschullandschaft am Ende doch ein Irrtum?

Professor Martin Sternberg, Vorsitzender der Rektoren der NRW-Fachhochschulen, protestiert: „Die Akzeptanz der Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt ist zurecht sehr hoch.“ Zwar gebe es in einzelnen Branchen wie im Baubereich eine heimliche Sehnsucht nach dem Diplom-Titel, insgesamt werde die Reform aber gut angenommen. Sternberg wirft dem Hochschulrektoren-Präsidenten Hippler vor, unnötig einen Widerspruch zwischen den neuen Abschlüssen und einer umfassenden Persönlichkeitsbildung zu konstruieren: „Keine Hochschule ist daran gehindert, den Studierenden Freiräume und alternative Bildungsangebote zu verschaffen.“

Zu wenig Plätze für „Master“

Wissenschaftsministerin Schulze hat mit den NRW-Hochschulen zuletzt eine Selbstverpflichtung verabredet, um die Studienbedingungen zu verbessern. Fach für Fach solle durchforstet werden, „wo Kritik an Prüfungsdichte, Anwesenheitspflichten oder am Übergang vom Bachelor zum Master berechtigt ist“, so Schulze. Allen Mängeln zum Trotz gebe es unbestreitbare Erfolge: Die Studienzeiten seien kürzer, die Abbrecherquoten rückläufig, die Zahl der Auslandaufenthalte höher.

Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) fällt ein differenziertes Urteil: „Die Studienreform ist eine gute Sache, die Umsetzung krankt etwas“, so VDI-Sprecher Marco Dadomo. Die Studiengänge und besonders der Bachelor seien zu theorielastig. Ursula Gather, Vorsitzende der NRW-Hochschulrektoren, warnt vor einem ganz anderen Problem: der fehlenden Finanzierung zunehmend notwendiger Master-Plätze. „Befähigten und studienwilligen Bachelor-Absolventen“, so die Rektorin der TU Dortmund, „muss die Möglichkeit geboten werden, einen adäquaten Masterstudienplatz zu finden.“

Tobias Blasius


Kommentare
15.08.2012
11:27
Die Spinner und Phantasten ...
von casella | #9

.. werden in absehbarer Zeit die "Früchte" ihrer diversen visionär und im guten Glauben verbrochenen Politik und Entscheidungen - nicht nur im Hochschulbereich - ernten. Aber - es wird ihnen nicht schmecken. Das Volk, dass derzeit schon zwangsweise beginnt die eingebrockte Suppe auszulöffeln, wird sich zudem dann als extrem "dankbar" erweisen.

15.08.2012
11:07
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als
von piedro | #8

Man Man Man ,das Politiker, wenn sie schon von der Realität keine Ahnung haben, nichtmal die Klappe halten können. Bachelor waren nie und werden nie von der Industrie gebraucht. Bestenfalls haben diese Leute das Wissen eines Technikers bzw. Meisters, dies jedoch ohne Praxisbezug. Jedes Unternehmen wird ehr eigenen Leute auf entsprechende Positionen befördern als externe Bachelor einzustellen die von tuten und blasen keine Ahnung haben. Eine Techniker oder Meister geht jahrelang zur Abendschule, kennt meist die Unternehmen und entsprechenden Produkte. Wenn ich einen Akademiker will, nehme ich einen Master-absolventen, ansonsten einen Techniker oder Meister. Wenn man in europa vergleichbare Studienabschlüsse haben will, sollen die anderen gefälligst das deutsche Modell kopieren. Das war über jahrzehnte ein Garant für gut ausgebildete Akademiker und weltweit führende ochschulen. Alles Kaputt gemacht durch Politker die zwar Akademiker sind, aber offensichtlich zu blöd für die Realität sind

15.08.2012
10:14
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als
von nussknacker | #7

fragt doch mal die Betroffenen, ob sie mit Bacherlor einen Arbeitsplatz bekommen?

Meine Tochter hat intensiev 1 Jahr erfolglos gesucht und musste danach auch noch den Masterstudiengang beginnen. Ende offen!

15.08.2012
09:48
Holland: Mit jedem Bachelor ein Masterplatz verbunden
von somjotien | #6

In Holland ist standardmäßig an jeden Bachelorstudienplatz ein anschließender Masterstudienplatz angebunden; weil die Holländer davon ausgehen, dass ein Bachelor ohne Master keinen Sinn macht.

Also hat jeden per se einen Anspruch auf einen Masterstudienplatz.

Dagegen die Situation im Bildungs-Entwicklungsland NRW:
"Problem: der fehlenden Finanzierung zunehmend notwendiger Master-Plätze."

Mit jedem Tag, wo nichts passiert, verspielen wir unsere Ressource Bildung.

Wie sagte, Meinhard Miegel (Enquetekommission) jüngst: "Das System ist am Ende".

15.08.2012
09:28
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor
von casella | #5

Was soll die gute Svenja denn auch anderes tun? Soll sie etwa zugeben, dass der Umbau der akademischen Abschlüsse - so wie von Fachleuten vorghergesagt - gerade grandios scheitert? Der "Bätschelohr" ist so wenig ein vollwertiger akademischer Abschluss, wie eine Schrebergartenhütte eine Villa ist. Man kann zwar anderes behaupten oder daran "glauben" - aber - was wird es nützen? Spätestens der Besucher, dem man stolz die "Bätschelohr-Villa" zeigt, wird erkennen, dass man hier Potemkinsche Dörfer gebaut hat und aus visinär dogmatischen Gründen und aus Geldmangel ein bewährtes System - das reformbedürftig war - regelrecht vor die Wand gefahren hat.

15.08.2012
08:48
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als
von holmark | #4

Das war doch von den Privatisierern um die FDP so gewollt. Wir brauchen auch ein akademisches Proletariat, billige Arbeitskräfte, damit die Rendite für die Rothschilds und andere Bilderberger weiter steigen kann.

15.08.2012
08:25
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als
von uwekause | #3

Immerhin wurde der Bachelor dem Handwerksmeister gleichgestellt. Zumindest im öffentlichen Dienst dürfte das deutliche Abstriche beim Gehalt bedeuten, zumal der Bachelor nicht als akademische Abschluss anerkannt wird. Hierfür muss man ein Master vorweisen, der bekanntlich nicht jedem Bachelorabsolventen offen steht.

15.08.2012
07:31
Herr Sternberg hat recht
von kupfergruen | #2

Als Mutter von drei Kindern: ein Diplom, ein Staatsexamen und ein Bachelor kann ich mit Überzeugung sagen. Der Bachelor ist mit Abstand die schlechteste Option. Für 220 Bachelorstudenten bietet die Uni jetzt 20! Masterplätze. Und es werden eben nicht die Besten genommen, sondern es wird durch irgendwelche "sozial" verträgliche Regeln, die keiner durchschaut, ausgewählt. Es ist ein Hauen und Stechen. Und von Bildung redet kein Student und kein Professor mehr.

15.08.2012
07:04
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als
von Meinemal | #1

Das die Noch-DR-Trägerin Schavan alles toll findet, was zu ihrer Ministerinzeit veranstaltet wird, ist halt alternativlos politisch geprägt. Als alter Diplomer fand ich die Studienzeit mit der Möglichkeit auch über den eigenen Studienzweig zu sehen, durchaus als prägent und erlebenswert. Man konnte an der Uni zusätzlich Sprachen lernen, ausgiebig Sport treiben, interessante Fremdfächer besuchen und gründlich sich der eigenen Fachliteratur widmen. Ob der Bachelor nur den "kompetenten" Schmalspurstudenten mit engem Fachwissen hervorbringt, kann ich nicht beurteilen, aber die Zukunft wird zeigen, ob mit Fachidioten eine komplexe Industrie- bzw. Wissenschaftskultur aufrechterhalten werden kann.

1 Antwort
NRW-Ministerin Schulze verteidigt Bachelor als
von Black123 | #1-1

sportlich aktiv sein und sprachen lernen kann man im bachelor immer noch

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