Das aktuelle Wetter NRW 15°C
Hartz IV

NRW-Grüne wollen Hartz-IV-Sanktionen abschaffen

14.11.2012 | 14:09 Uhr
NRW-Grüne wollen Hartz-IV-Sanktionen abschaffen
Sven Lehmann, Landesvorsitzender der Grünen in NRW, fordert eine Abschaffung der Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger.Foto: dapd

Berlin/Essen.  Hartz-IV-Empfänger, die Jobangebote ablehnen oder nicht mit ihrem Jobcenter kooperieren, bekommen weniger Geld vom Staat. Die NRW-Grünen wollen das ändern: Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger würden ein menschenwürdiges Existenzminimum gefährden, sagt Landeschef Sven Lehmann.

Die NRW-Grünen wollen die Sanktionen für Hartz-IV-Bezieher abschaffen. Dies geht aus einem Antrag unter Federführung von Landeschef Sven Lehmann hervor, über den die Delegierten auf dem Bundesparteitag in Hannover am Wochenende abstimmen sollen.

„Wir wollen eine sanktionsfreie Grundsicherung und ein Ende der Praxis von Androhung und Bestrafung, die in vielen Job-Centern und Arbeitsagenturen Realität ist“, steht in dem Antrag. Stattdessen setzen die NRW-Grünen auf „Motivation, Anerkennung und Beratung auf Augenhöhe“.

Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger gefährden ein menschenwürdiges Existenzminimum"

Dies fördere die Motivation von Leistungsempfängern, einen Job anzunehmen, sagte Lehmann gegenüber der WAZ Mediengruppe. Sanktionen hingegen gefährdeten den kooperativen Charakter des Fallmanagements und ein menschenwürdiges Existenzminimum. „Außerdem ist die Wirksamkeit von Sanktionsandrohungen nirgendwo belegt“, sagte Lehmann. „Es ist nicht nachgewiesen, dass durch schärfere Sanktionen Langzeitarbeitslosigkeit verhindert werden kann.“

Die größten Hartz-IV-Irrtümer
Können Job-Angebote abgelehnt werden?

Die einen finden, Hartz-IV-Empfänger bekommen zu viel Geld, die anderen sagen, Hartz IV sei menschenunwürdig. Fast alle sind sich einig: Das System...

Langzeitarbeitslose müssen grundsätzlich mit Strafen rechnen, wenn sie beispielsweise eine zumutbare Arbeit ablehnen . Dies droht ihnen auch, wenn sie mehrfach vereinbarte Gespräche beim Arbeitsvermittler platzen lassen oder wenn sie eine vom Jobcenter bezahlte Aus- oder Fortbildung einfach so abbrechen. In den vergangenen Jahren hat sich die Anzahl der Sanktionen immer weiter erhöht. Wurden 2007 nur 2,3 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger bestraft, waren es im vergangenen Jahr bereits 3,2 Prozent. In NRW lag die Quote zuletzt bei 3,4 Prozent in Bezug auf alle erwerbsfähigen  Leistungsbezieher.

Vor wenigen Wochen hat die Bundesagentur für Arbeit bekannt gegeben, dass allein in der ersten Jahrshälfte mehr als 520.000 Sanktionen verhängt wurden. Sie reichen von einer Kürzung der Arbeitslosengelder von zehn Prozent bis zu 60 Prozent bei Wiederholungstätern.

Sozialverband beklagt "entwürdigende Sanktionswut in den Jobcentern"

„Die entwürdigende Sanktionswut in den Jobcentern hat mittlerweile ein unerträgliches Ausmaß angenommen und ist durch nichts zu rechtfertigen“, sagte Martin Behrsing vom Erwerbslosenforum Deutschland. So sei eine Arbeitsvermittlung auf Augenhöhe nicht möglich. „Der Antrag der NRW-Grünen geht in die richtige Richtung“, sagte der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Er sei aber eher für ein Moratorium. „Die Sanktionen sollten ausgesetzt werden, dann sollten die Erfolge der repressionsfreien Unterstützung überprüft werden“, sagte Butterwegge weiter. In diese Richtung zielt auch der Leitantrag des Grünen-Bundesvorstands, der ein „Sanktionsmoratorium“ fordert.

Pikant ist der Grünen-Antrag auch vor dem Hintergrund, dass die Ökopartei seinerzeit die Strafmaßnahmen mit eingeführt hat. Dazu zählten damals auch die beiden Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt , die die Sanktionen inzwischen für einen Fehler hält. Sollten die gut 800 Delegierten auf dem Parteitag den Antrag durchwinken, wäre dies auch ein Signal an mögliche Koalitionspartner. Allem voran eine Ampel schiene damit ausgeschlossen. Denn dass sich die FDP auf eine Arbeitsmarktpolitik ohne Sanktionen einlässt, ist so gut wie ausgeschlossen. 

Daniel Freudenreich und Jan Jessen

Kommentare
26.11.2012
14:13
NRW-Grüne wollen Hartz-IV-Sanktionen abschaffen
von waltipapi | #75

PolitkerInnen sind eine verlogene Gesellschaft. So wollte man uns in der vergangenen Woche erzählen, dass eine Anhebung der Hartz IV-Sätze um...
Weiterlesen

Funktionen
Aus dem Ressort
Schweiz nennt Namen möglicher deutscher Steuerbetrüger
Steuern
Die Schweiz als Steuerparadies? Seit die Fahnder durch den Kauf von Bankdaten-CDs in der Vorhand sind, ist es für Steuerhinterzieher brenzlig.
Nationalkonservativer Andrzej Duda siegt bei Wahl in Polen
Polen
Der nationalkonservative Politiker Duda hat die Präsidentenwahl in Polen klar gewonnen. Nach Prognosen erhielt er 52 Prozent der Wählerstimmen.
Zahl fremdenfeindlicher Attacken ist dramatisch gestiegen
Extremismus
Rechtsextreme Straftaten haben seit Oktober vergangenen Jahres in Deutschland deutlich zugenommen. Das zeigen jetzt Zahlen der Bundesregierung.
2018 soll Deutschland frei von Funklöchern sein
Funklöcher
Ein wichtiges Gespräch, eine eilige Mail – und plötzlich: Nichts. Mittendrin bricht die Verbindung ab. Aber nervige Funklöcher sollen bald passé sein.
Varoufakis bestätigt Mitschnitt bei Eurogruppen-Treffen
Varoufakis
Gianis Varoufakis hat eingeräumt, Gespräche beim Treffen der Eurogruppen-Finanzminister mitgeschnitten zu haben. Er mache öfter Aufnahmen per Handy.
article
7291983
NRW-Grüne wollen Hartz-IV-Sanktionen abschaffen
NRW-Grüne wollen Hartz-IV-Sanktionen abschaffen
$description$
http://www.derwesten.de/politik/nrw-gruene-wollen-hartz-iv-sanktionen-abschaffen-id7291983.html
2012-11-14 14:09
Hartz IV,Sanktionen,Grüne,NRW-Grüne,Sozialhilfe
Politik