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Leitkultur ist wieder Thema - Nicht deutsch, aber europäisch

16.10.2015 | 08:09 Uhr
Leitkultur ist wieder Thema - Nicht deutsch, aber europäisch

Essen.  Angesichts hunderttausender Flüchtlinge wird wieder die Forderung nach einer Leitkultur für Deutschland laut. Was soll das sein, deutsche Leitkultur?

Neben der Zapf-, der Impf- und der Hinschaukultur versammelte der Satiriker Eckart Henscheid vor anderthalb Jahrzehnten in seinem durchaus erheiternden Buch „Alle 756 Kulturen“ auch – die deutsche Leitkultur. Da war sie gerade frisch von Friedrich Merz als rechtem Flügelstürmer der CDU propagiert und in der politischen Debatte gleich darauf als begriffliche Nebelkerze enttarnt worden. Was soll das sein, deutsche Leitkultur? Mülltrennung und geharkte Vorgärten plus Schweinsbraten? Gerade weil fast jeder etwas anderes unter deutscher Leitkultur verstehen dürfte, eignet sich die Vokabel vorzüglich dazu, aus der diffusen Angst vor dem Fremden parteipolitisches Kapital zu schlagen.

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Doch nun stimmt auch Norbert Lammert (CDU), als Bundestagspräsident immerhin die protokollarische Nr. 2 der Republik, ein in den Chor, der angesichts Hunderttausender Flüchtlinge die Forderung nach einer Leitkultur für Deutschland erhebt. Dieser Chor reicht immerhin vom linken „Freitag“-Herausgeber und Talkshow-Hopper Jakob Augstein bis zum CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

Begriff "Leitkultur" stammt von einem Einwanderer

Während dieser immer noch von einer „deutschen Leitkultur“ schwadroniert, lohnt es sich, beim gelernten Politikwissenschaftler Lammert genauer hinzuhören. Er spricht, wie Augstein, von „einer Leitkultur“ in Deutschland, die man brauche – ob „mit oder ohne diesen Begriff“.

Der Begriff stammt von einem Einwanderer, dem in Damaskus geborenen Politologen und Islamologen Bassam Tibi. Er verstand unter Leitkultur „Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft” und wählte diese Definition 1998, gerade weil es Neu-Einwanderern schwer fallen dürfte, sich als Teil einer deutschen Kulturnation mit ihrer reichen Tradition und Geschichte zu empfinden. Tibi sprach übrigens von einer „europäischen Leitkultur“, was auch nur halb richtig ist, denn die erste demokratische Verfassung entstand 1776 in den USA, wenn auch auf Betreiben europäischer Einwanderer. Ohnehin wäre zu fragen, ob nicht die US-amerikanische Alltagskultur von McDonald’s bis Apple & Co. die wirkliche Leitkultur ist, die längst den gesamten Globus umspannt.

Diffuser Begriff

Das Diffuseste an der Leitkultur ist die Kultur, auf deren blühende Vielfalt ein Land wie Deutschland eigentlich stolz sein kann. Ebenso wie die Begriffskultur ist ja auch die gastronomische nicht zuletzt von Einwanderern in segensreicher Weise bereichert worden.

Unscharf ist aber auch, was mit dem „Leiten“ gemeint ist. Es kann ja eine Bedeutung haben, die nur eine freundliche Umschreibung des Führerprinzips ist – es kann aber auch das Geleiten durch Leitplanken gemeint sein. Damit wäre man bei dem Grünen Cem Özdemir, der knappstmöglich feststellte: „Unsere Leitkultur ist das Grundgesetz“. So leicht man sich auf diese vernünftige Mindestanforderung für ein gedeihliches gesellschaftliches Zusammenleben wird verständigen können, so blutleer und herzensfern bleibt das, weil ein Grundgesetz keine Hymne ist und nicht einmal von denen auswendig gelernt wird, die für die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit Leib und Seele eintreten

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Ordnung? Fleiß? Sauberkeit?

Verkompliziert wird die Leitkultur-Debatte dadurch, dass sich die Deutschen in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weniger die Frage gestellt haben: Was ist eigentlich deutsch? Wer sie zu beantworten versucht, wird allerdings feststellen, dass es eine Lücke gibt zwischen ideologischen Festlegungen und dem, was davon im Alltag gelebt wird. In einer christlich-abendländischen Kultur, die an jedem verkaufsoffenen Sonntag kollektiv auf das Ruhegebot pfeift? Sind Ordnung, Fleiß und Sauberkeit noch Werte? Haben wir nicht gelernt, dass Flexibilität und Einfallsreichtum im Zweifelsfall wichtiger sind, auch aufm Platz?

Es geht allen, die heute von der Leitkultur reden, letztlich darum, die ankommenden Flüchtlinge auf unsere gelebten Grundwerte zu verpflichten. Das dürfte nicht alles sein, was im Grundgesetz steht, aber es dürften auch ein paar Dinge sein, die nicht im Grundgesetz stehen. Welche das sind, darüber sollten wir uns einigen. Und dann wird sich herausstellen, dass sie nicht deutsch sind, sondern europäisch oder westlich.

Jens Dirksen

Kommentare
18.10.2015
10:46
Leitkultur ist wieder Thema - Nicht deutsch, aber europäisch
von West-Fale_1 | #22

Wer kommt soll sich so benehnmen und sich an der Ordnung, Gesetz und ggf Kultur/ Sitten halten wie diese hier gültig sind. Wenn das europäische sind...
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2015-10-16 08:09
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