Nazis als Namenspaten für Schulen
18.02.2009 | 23:59 Uhr 2009-02-18T23:59:00+0100
Essen/Hamburg. Ein Buch des Historikers Geralf Gemser sorgt für Aufsehen. Der Chemnitzer hat Schulen in Sachsen untersucht und ist dabei auf acht gestoßen, die nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt sind. In NRW gibt es ein Gemeindezentrum mit umstrittenem Namensgeber.
Goethe und Schiller, Albert Einstein oder die Geschwister Scholl – viele Schulen haben sich nach diesen Persönlichkeiten benannt. Schließlich will man sich mit dem Namensgeber schmücken, er soll Vorbild für die Schüler sein. Doch bundesweit ist auch eine dreistellige Zahl von Schulen nach Erkenntnissen des Chemnitzer Historikers Geralf Gemser nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt. Schulen und Städte gehen mit dem Thema sehr unterschiedlich um.
Gemser hat gerade das Buch „Unsere Namensgeber. Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933 – 1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen“ veröffentlicht. Darin konzentriert sich der Historiker auf die knapp 2.200 Schulen in Sachsen. Acht von diesen sind nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt. Dabei handele es sich aber nicht um „Täter im juristischen Sinn“ betont Gemser. Es gehe um Mitgliedschaften, bestimmte Aussagen, Teilnahmen an NS-Veranstaltungen und andere Zeichen der Konformität.
Kurt-Gerstein-Haus in Hagen
Für das Ruhrgebiet liegen zu dem Thema bislang noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Dem Geschäftsführer der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Dr. Jürgen Mittag, ist keine Schule bekannt, deren Namenspate kritisch zu betrachten wäre. Auch der Sprachwissenschaftler und Namensforscher Professor Heinz H. Menge von der Ruhr-Universität Bochum ist mit dem Thema bislang noch nicht in Berührung gekommen: „Es gab hin und wieder Diskussionen um einzelne Fälle, aber soweit ich weiß sind nirgendwo im Ruhrgebiet Schulnamen systematisch auf nationalsozialistische Namenpatrone hin untersucht worden.“ Dr. Ralf Blank vom Historischen Zentrum Hagen verweist im Gespräch mit DerWesten auf das Hagener Kurt-Gerstein-Haus. Das Gemeindezentrum ist nach einem ehemaligen SS-Offizier und NSDAP-Mitglied benannt. Gersteins Rolle während des NS-Regimes ist unter Historikern umstritten. Einige betrachten ihn als Widerstandskämpfer, andere als Mittäter. Schulen mit ähnlich fragwürdigen Namensgebern kennt Blank im Ruhrgebiet aber nicht: „Vielleicht liegt das an der sozialdemokratischen Tradition der Region.“
Gemser selbst will seine Nachforschungen ausweiten und geht davon aus, dass sich deutschlandweit über 100 Schulen nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt haben. „Für das Ruhrgebiet oder Nordrhein-Westfalen gibt es aber noch nichts, was schon zur Veröffentlichung bestimmt wäre“, sagt der Historiker auf Nachfrage von DerWesten.
Buch hat keinen anklagenden Charakter
Gemser betont im Vorwort seines Buches, das Namenslexikon habe keinen überwiegend anklagenden Charakter. Aber es gehe doch um die Frage, inwieweit Konformität oder gar Täterschaft bagatellisiert würden: Problematische oder widersprüchliche Lebensläufe sollen zur Diskussion gestellt werden.“
Eine solche Diskussion brach mit dem Buch über das Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasium im sächsischen Großröhrsdorf auf. Die Schule ist nach dem 1875 geborenen Chirurg benannt, der laut Gemser Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels behandelte und 1942 finanzielle Mittel für medizinische Versuche an KZ-Häftlinge bewilligte.
„Bis vor ein paar Tagen war das hier kein Thema“, sagt der stellvertretende Schulleiter Gerd Lehmann. Die Schule habe zu DDR-Zeiten den Namen des Kommunisten Fritz Weineck getragen, der nach der Wende nicht mehr erwünscht gewesen sei. «Da haben die Verantwortlichen hier offenbar nach einem neuen Namensgeber mit Bezug zum Ort gesucht», sagt Lehmann. Und Sauerbruch habe sich in der Gegend wohl verdient gemacht. Wie es jetzt weitergehe, könne er noch nicht sagen. Zunächst werde die Schule gründlich recherchieren und dann gegebenenfalls handeln, sagt Lehmann.
Keine Richtlinien für Schulnamen
Für die Benennung einer Schule ist in Deutschland allein der Schulträger verantwortlich – in den meisten Fällen also die Stadt oder Gemeinde. „Richtlinien für die Namenswahl gibt es von unserer seite nicht“, sagt ein Sprecher des NRW-Schulministeriums. Auch hier sind keine konkreten Fälle aus Nordrhein-Westfalen bekannt, bei denen ein Schulname für Kontroversen gesorgt hätte.
Die Diskussion um umstrittene Namenspaten wird mittlerweile in ganz Deutschland geführt. Oft ist das Problem, dass sich die umstrittenen Namensgeber nach dem Ende der NS-Zeit auf andere Weise etablierten. Manche Schulen zogen jedoch bereits Konsequenzen. So nannte sich eine Berliner Schule, die ehemals den Namen des Wehrmachtsgeneral Erich Hoepner trug, im vergangenen Sommer in Heinz-Berggruen-Gymnasium um. Und das Städtische Gymnasium im westfälischen Kreuztal legte kürzlich den Namen des Großindustriellen Friedrich Flick ab, der 1947 in den Nürnberger Nachfolgeprozessen als Kriegsverbrecher verurteilt worden war.
Seit Jahren umstritten ist in Wiesbaden die mögliche Umbenennung der Rudolf-Dietz-Schule. Die Grundschule im Stadtteil Naurod ist nach einem 1942 verstorbenen nassauischen Heimatdichter benannt. Dietz war seit 1917 oder 1918 Mitglied des rassistischen «Deutschbundes» und ab 1933 Mitglied der NSDAP. Neben Hunderten harmloser Heimatgedichte veröffentlichte er nach Recherchen des Wiesbadener Stadtarchivs auch schätzungsweise 30 eindeutig antisemitische Gedichte.
Die Stadt holte nach einer kontroversen Diskussion 2004 ein Gutachten des renommierten Karlsruher Historikers Peter Steinbach ein, das Dietz als «Mitläufer» im Dritten Reich einstufte. Das Wiesbadener Stadtparlament lehnte daraufhin eine Umbenennung der Schule ab.
"Geschichte nicht wegschließen"
Stattdessen soll sie sich in ihren vierten Klassen verstärkt mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen. «Man kann Geschichte nicht wegschließen», begründet Oberbürgermeister Helmut Müller das Vorgehen. Die Beibehaltung des Namens erzwinge eine permanente Auseinadersetzung mit Dietz und seiner NS-Vergangenheit.
Gemser hingegen ist der Meinung: «Schulen sollten prüfen, wen man den Schülern als Vorbild geben kann.» Wenn man eine Person aus der NS-Zeit wählen wolle, sei es idealerweise ein Mensch, der sich mutig gegen das Regime stellte oder sich zumindest von ihm abkehrte. Schulnamen seien auch bestens geeignet, NS-Opfern ehrendes Gedenken zu erweisen. «Diesen Maßstab, diesen Anspruch, muss man setzen dürfen.» An geeigneten Namenspatronen mangele es nicht. (Mit Material von ap)
- Interview mit Geralf Gemser: "Die meisten Schulen reagieren mit Abwehrhaltung"
- Eine Frage der Ehrung
- Zahl rechtsextremer Straftaten gestiegen

14:41
Auf solche gleichgeschalteten Historiker kann man gut und gerne verzichten! Genauso ist es mit dem Wunsch, NS Stätten abzureißen, anstatt sie unter Denkmalschutz zu stellen! Wie sonst will man denn nachfolgenden Generationen Geschichte nahe bringen?
13:02
Liebknecht und Luxemburg als Grundstein für den organisierten Mord zu sehen ist sicherlich unsinnig. Trotzdem gehörten sie einem politischen Lager an, weclhes später welche begangen hat.
Genau wie die Namensgeber der Schulen der Schulen sind sie keine juristischen Täter. Im Bestreben Schulen nicht nach radikalen zu bennen sollten sowohl diese als auch jene mal geändert werden.
12:51
@anaheim.
Wie habe ich mir den ideologisch neutralen Unterricht vorzustellen? Darf und soll künftig jeder Irre vorurteilsfrei seine Positionen darlegen können? Vielleicht sogar akademische Streits über Für-und-Wider von Rassenideologien und Euthanasie? Keine Richtung wird vorgegeben, Kinder dürfen und sollen alles selber erfahren und erleben? Waren Sie Opfer der Waldorferziehung?
12:44
Soso... Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg legten also den Grundstein für Massenmord. Sie waren auch bestimmt an der Planung von Vernichtungslagern beteiligt, gell?
Ihr Weltbild, rüdiger, bekommt immer bizarrere Züge.
12:25
@JW
Kinder haben ein Recht auf eine Erziehung frei von ideologischer Indoktrination und sollten deshalb zumindest in der Grundschule vor den Einflüssen unserer Nazi-phoben Linken geschützt werden.
Und da Sie mich nach einem konkreten Alter fragen: Ich denke, ab Klasse 8.
12:19
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12:16
Das dir entspringt einer ersten Welle der massiven Verwunderung über die Planlosigkeit dieses Kommentators.Beim weiteren Schreiben,nahm der Blutdruck etwas ab und ich bekam mehr Ruhe rein.:-)
12:16
Man sollte mit diesem gesamten Personenkult Schluss machen, ob Schulen, Straßen u,ä, Da spiegelt sich nur der Zeitgeist, wer gestern noch angesehen war, ist morgen nicht mehr tragbar. Natürlich sind auch Liebknecht, Rosa Luxemburg oder Pieck nicht tragbar. Schulen sollten nach dem Ort oder Ortsteil benannt werden.
12:14
Der Grundstein liegt im Prinzip bei Hegel und Marx.Die andere waren Gesinnungsgenossen,da gebe ich dir recht,bukowski!!
Rief dieser Kommunist nicht eine freie sozialistische Republik aus?Wenn sie schon die Interessen der Kommunisten hier vertreten,sollten sie sich über deren Leitfiguren und Vorbilder besser informieren.
Da sie aber dieses Grundwissen nicht haben,neige ich dazu,sie als Vassalle der kommunistischen Massenmörder zu bezeichnen.
Nicht besser als die rechten Mitläufer.
12:04
Oh Gott, hab Erbarmen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Wüssten sie es, wäre es natürlich nicht weniger schlimm.
Karl Liebknecht als Grundsteinleger für Massenmord?, Sie sollten sich entspannen bei guter Literatur, und diese nicht nur von Paranoikern !