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Nach Schüssen auf Flüchtlinge in Hessen: „Ich habe Angst“

05.01.2016 | 14:47 Uhr
Nach Schüssen auf Flüchtlinge in Hessen: „Ich habe Angst“
Ein Beamter der Spurensicherung markiert im hessischen Dreieich, Ortsteil Dreiechenhain, die Einschussstelle an der zerstörten Scheibe einer Flüchtlingsunterkunft. Ein Asylbewerber war im Schlaf von einer Kugel getroffen und leicht verletzt worden. Foto: dpa

Dreieichenhain.  Besuch in Dreieichenhain, einer Stadt, die sich bisher mustergültig um Flüchtlinge kümmerte. Der Schock über den Angriff sitzt tief.

Barbara Schindler hat die Nachricht beim Frühstück gehört: „In Dreieichenhain …“, so begann die Meldung, da hat die Pfarrerin schon lauter gestellt. Es ging um Flüchtlinge, ihre Flüchtlinge. Sie erfuhr, dass nicht weit von ihrer Burgkirchengemeinde entfernt mitten in der Nacht mehrere Kugeln durch ein Fenster eines Flüchtlingsheimes geschossen wurden. In dem Raum wurde ein schlafender 23 Jahre alter Mann getroffen — glücklicherweise nur am Knie.

„Ich konnte es nicht glauben“, sagt sie. „Erst in meiner Weihnachtspredigt hatte ich mich bei den Mitgliedern der Gemeinde bedankt, weil sich so viele ehrenamtlich hier im Ort engagieren.“ Die Flüchtlinge, die hier in dem Ort Dreieich, zu dem der Ortsteil Dreieichenhain gehört, etwas südlich von Frankfurt untergebracht sind, seien durch Initiativen wie das „Lerncafé“ sehr gut betreut. Die Kinder sind in der Schule aufgenommen worden. „Ich hatte bisher eher das Gefühl, bei uns laufe es vorbildlich.“

Polizeisprecherin sagt: „So etwas hatten wir noch nie“

Gerade deshalb machte sich Barbara Schindler noch an diesem Morgen daran, ihren Ort zu verteidigen. Nachdem sie die Nachricht mehrfach gehört hatte, setzte sie an die Mitglieder der Flüchtlingshelfer-Vereins eine E-Mail auf, es war elf Uhr. Sie bat die Dreieichenhainer, sich gegen 18 Uhr vor dem Obertor zu versammeln. Der Fachwerkturm ist das Wahrzeichen des Ortes, nicht sehr groß, aber schön renoviert und abends angenehm von Straßenlaternen und kleinen Gassen und alten Häusern umspielt. Dahinter liegt das kleine Café „Cult“, das Restaurant „Zur Alten Burg“, ein Hutgeschäft und „Rosies Dessous“ — alle in schönen Fachwerkhäusern untergebracht.

Währenddessen hatte die Pressesprecherin der Offenbacher Polizei schon alle Hände voll zu tun, die vielen Medienanfragen deutschlandweit zu beantworten. „So etwas hatten wir noch nie“, sagte Andrea Ackermann, „bei keinem Flugzeugunglück oder anderen Unfällen.“ Dabei kann sie nicht viel sagen oder bestätigen, da wegen des Standes der Ermittlungen Einzelheiten nicht nach außen dringen dürfen. 14 der 37 Schlafplätze in dem Flüchtlingsheim waren besetzt. Dem Opfer gehe es gut und sämtliche Bewohner werden zunächst in anderen Unterkünften untergebracht. Medienberichte, dass es ein Syrer sei, wollte sie nicht bestätigen, auch nicht, ob es sich um einen fremdenfeindlichen Übergriff handele. „Wir ermitteln in alle Richtungen.“

Viele Freiwillige helfen den Flüchtlingen

Allein in Dreieich sind es zwölf größere und rund 50 kleinere Gebäude, die für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt wurden. So verteilt sich die Zahl der etwa 430 Flüchtlinge. Im Ort gibt es viele Freiwillige, die sich um Deutsch-Unterricht für Flüchtlinge kümmern, der findet jeden Mittwoch statt. Rentner aus Dreieichenhain passen während der Unterrichtsstunden auf die Kinder der Flüchtlinge auf, unterstützen die Familien bei Behördengängen, übersetzen Papiere. Auch die Schulen integrieren die Jugendlichen und laut einem Lehrer funktioniere das bisher reibungslos.

Heidi Mühlbach ist eine von ihnen, sie „hilft im Lerncafé ein wenig aus“, wie sie sagt. „Das Schlimme ist, dass man die Menschen gut kennt aus dem Haus.“ Im oberen Teil wohnen eine albanische, eine eritreische und zwei afghanische Familien. Mehrere syrische Männer wohnten im unteren Teil. Sie selbst geht regelmäßig in das dreistöckige Haus in der Gleisstraße. „Ich war noch am Heiligabend in dem Haus“, sagt Mühlbach, „und habe der Mutter aus Eritrea noch etwas für die Kleine geschenkt.“ Sie wollten einen Arztbesuch vorbereiten. Sie könne sich nicht vorstellen, warum jemand so etwas tun würde.

Der Mail-Aufruf zeigt Wirkung

Laut Nina Reininger von der Staatsanwaltschaft Darmstadt ermitteln die Behörden derzeit in alle Richtungen. Es könne weder ausgeschlossen werden, dass es mehrere Täter gibt, als auch einen Zusammenhang mit einem früheren Vorfall in einer Flüchtlingsunterkunft in Hofheim (Main-Taunus-Kreis). Das betroffene Flüchtlingsheim liegt etwas abseits der Fachwerk-Altstadt von Dreieichenhain, mitten in einem Einkaufsgebiet, selbst die Verkäufer der angrenzenden Bäckerei wussten nicht, dass hier seit einiger Zeit Flüchtlinge wohnten. Ganz in der Nähe steht eine Unterkunft für alleinflüchtende Jugendliche. Das kennen mehr Einwohner, weil sich dort noch mehr engagieren.

Wie viele das sind, dass lässt sich am Erfolg ablesen, den die morgendliche E-Mail von Barbara Schindler hatte: Später am Abend trafen sich etwa 250 Menschen auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Obertor, mit Kerzen und Schildern. Thomas Schupp mit der PACE-Flagge, Heidi Mühlbach mit dem Schild „Gegen Fremdenhass“ um den Hals („Hab ich vorhin noch schnell gemalt“), Berufsschüler Lukas Leipold, der 25 Kilometer mit dem Auto hierher fuhr, eine Gruppe „Refugee Welcome“-Mitglieder aus Darmstadt — und Brigitte Schormann.

„Ich habe Angst, aber das ist unsere Wohnung“

Brigitte Schormann nennt sich selbst „nur eine Anwohnerin, die Zeit hat“. Sie kenne zum Beispiel Rafi aus dem Heim in der Gleisstraße, das jetzt von der Polizei bewacht wird. „Er hat Medizin in Afghanistan studiert und macht gerade seinen Deutsch-Kurs bis zur C1-Stufe“, sagt sie. „Sobald er den hat, kann er in der Asklepios-Klinik arbeiten.“ Schormann engagiert sich seit dem Sommer für Flüchtlinge in der Stadt. „Meine Enkelin Liv ist auch aktiv“, sagt sie. Jeden Mittwoch spiele sie mit anderen Flüchtlingskindern und erst letzte Woche habe sie zu Yolanda gesagt: „Bist du immer noch ein Flüchtling?“ Yolanda habe gesagt: „Ja, warum?“ — „Weil du nicht so traurig aussiehst wie die im Fernsehen.“

Ein kleines Grüppchen macht sich mit Kerzen noch gegen halb acht Uhr abends auf in Richtung Flüchtlingsheim. Sie wollen Gesicht zeigen. Im obersten Stockwerk in der Gleisstraße brennt schon wieder Licht. Helen aus Eritrea ist dort wieder eingezogen. Wie fühlt sie sich? „Ich habe Angst“, sagt die 30-Jährige in gebrochenem Deutsch knapp. „Aber es ist unsere Wohnung.“ Dann lacht sie, vielleicht um ihren Sohn Jonathan zu beruhigen. Der ist am Frauentag geboren, noch nicht einmal ein Jahr ist er alt. Er zieht sich immer wieder die Pudelmütze vom Kopf. „Wir können ja abschließen“, sagt sie. Sie bleibt hier, das ist jetzt ihr Zuhause.

Sören Kittel

Kommentare
06.01.2016
12:00
Nach Schüssen auf Flüchtlinge in Hessen: „Ich habe Angst“
von Refutschie | #2

Die interessantere Frage ist doch, wie lange hat es gedauert unter der Masse von Analphabeten einen Studenten der Medizin zu finden?

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2016-01-05 14:47
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