Nach Napolitano wird es unübersichtlich

Rom..  Es gab kaum Zeremoniell, selbst die Nationalhymne wurde nur in Kurzform gespielt. Nach sieben Minuten sitzt Giorgio Napolitano mit seiner Frau Clio schon im Auto: fährt heim nach neun Jahren Staatspräsidentschaft in Italien. Wenn der knapp 90-Jährige ein Vermächtnis hinterlässt, dann das Vorbild seiner Integrität sowie in seinen steten Aufrufen an Politiker und Parteien zu Anstand, Uneigennützigkeit, Einheit und Zusammenarbeit im Interesse eines dauerkriselnden Landes. Genutzt hat es nichts.

Napolitano hatte gerade noch das Ende der italienischen EU-Ratspräsidentschaft abgewartet; jetzt ist er altershalber zurückgetreten.

Binnen zwei Wochen muss die italienische „Bundesversammlung“ zur Wahl eines Staatsoberhaupts zusammentreten. Weil niemand glaubt, dass in den ersten drei Abstimmungen ein Kandidat die erforderliche Mehrheit erreicht, werden den gut tausend Wahlfrauen und -männern also zunächst nur Pappkameraden präsentiert. Im vierten Wahlgang reicht die absolute Mehrheit, und gleich in jener Runde – so verspricht Regierungschef Matteo Renzi, werde „sein“ Kandidat breite Unterstützung finden. Wer immer das sein wird. Möglich, dass Renzi sich täuscht. Die Mehrheiten im Parlament sind wackelig.

Wäre wenigstens diesmal auf die Sozialdemokraten Verlass, dann könnte sich Renzi mit der Mehrheit seiner Koalition durchsetzen. So aber bekommt er die absolute Mehrheit nur im Bündnis mit anderen Parteien zusammen. Mit allen will er reden, aber alle halten sich bedeckt. Da die „Fünf-Sterne-Bewegung“ von Beppe Grillo schon bisher keinen Anlass zur Zusammenarbeit gesehen hat, bleibt nur der Pakt mit Silvio Berlusconi übrig. Diesem allerdings widersetzt sich der linke Flügel von Renzis Sozialdemokraten, andersherum will Berlusconi auf keinen Fall einen Linken unterstützen.

Renzi sucht einen Staatspräsidenten, der nur so stark ist, wie er selbst es zulassen will – nicht wieder so eine sperrige Figur wie Napolitano. Der verurteilte Steuerbetrüger Berlusconi verlangt nach einem, der ihn endlich begnadigt und ihm damit – die rechtliche Frist von sechs Jahren streichend – den politischen Wiederaufstieg ermöglicht. „Kungeleien gibt’s nicht“, sagt Renzi. Aber seit er ins Haushaltsgesetz eine Teilamnestie für große Steuersünder aufgenommen hat, hat sich Renzi verdächtig gemacht. Sollte das ein Deal mit Berlusconi sein?

Berlusconi auch bei Rechten unbeliebt

Andererseits ist auf die Rechten auch kein Verlass: Es gibt heute viele in diesem zerfallenen Lager, die gerade Berlusconi keinen Gefallen mehr tun wollen. Auch Berlusconi hat also, wenn er mit Renzi einen Kandidaten aushandelt, seine Bataillone nicht unbedingt hinter sich.

Zwei aussichtsreiche Kandidaten wollen oder können nicht: Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, sagte, er wolle kein Politiker werden, seine Arbeit in Frankfurt mache ihm Spaß. Emma Bonino (66), früher Außenministerin mit großer Kenntnis und Nähe zum arabisch-islamischen Kulturkreis, hat unter Tränen bekannt gegeben, sie leide an Lungenkrebs.

Wieder im Gespräch ist Romano Prodi. Bislang hat er sich nur nebulös geäußert. Wen die Mächtigen wirklich wollen, weiß keiner. Wenn sie es denn selbst schon wissen.