Nach Gabriel-Schelte - Die Grünen im „Aldi-Check“

SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel regt sich derzeit über die Grünen auf.
SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel regt sich derzeit über die Grünen auf.
Foto: dpa
Der SPD-Chef Sigmar Gabriel behauptet: Grüne Politiker wissen nicht, wie eine Verkäuferin beim Discounter denkt. Das soll wohl heißen: Die Grünen sind weltfremd, abgehoben, weit entfernt von den Sorgen der „kleinen Leute“. Was ist dran an dem Vorwurf? Ein Faktencheck.

Essen.. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat einen neuen Lieblingsgegner entdeckt: die Grünen. „Die Grünen werden nie verstehen, wie eine Verkäuferin bei Aldi denkt“, befand Gabriel in einem Interview.

Und legte nach: „Mit einem B3-Gehalt versteht man auch nicht, warum einer Krankenschwester nicht egal ist, wie viel der Strom kostet.“ Das soll wohl heißen: Die Grünen sind weltfremd, abgehoben, weit entfernt von den Sorgen der „kleinen Leute“. Wir machen den Faktencheck:

Hat Gabriel Recht?

Sicher ist: Durchforstet man die Liste grüner Beschlüsse und Forderungen nach, sagen wir, überraschenden Ideen, wird man schnell fündig: Mal wollten sie das Ponyreiten auf Jahrmärkten verbieten, ein anderes Mal die Werbung für Schokoriegel und Gummibärchen einschränken.

Die praktischen Plastikeinkaufstüten sollten ebenso abgeschafft werden wie die beliebten Billigflüge. Unvergessen die Forderung aus der Vor-Euro-Zeit, den Literpreis fürs Autobenzin auf fünf D-Mark festzusetzen. Und einkaufen sollte man, klar, beim (meist teureren) Biohändler.

Alles irgendwie gut gemeint,

aber auch immer haarscharf an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei. Richtig ist aber auch: Die Grünen sind nicht die einzige Partei mit skurrilen Vorschlägen. Ein SPD-Abgeordneter wollte mal die TV-Serie „Dallas“ verbieten, und auch ein CDU-Mann forderte schon das Alkoholverbot im Freien. Das bundesweit schärfste Rauchverbot führte kein Grüner ein, sondern CSU-Chef Horst Seehofer – in der Bierzelt- und Wirtshaus-Hochburg Bayern.

Zurück zu Gabriels Aldi-Verkäuferin. Sieht man sich die Wählerschaft der Grünen an, so zeigen die Untersuchungen, dass die ehemaligen „Alternativen“ inzwischen der FDP – zumindest gefühlt – den Titel als Partei der Besserverdienenden abgerungen haben. Eine Studie der Uni Leipzig sagt, dass 45 Prozent der Grünen-Wähler über ein Monatseinkommen von über 2500 Euro verfügen. Viele Akademiker und Beamte im höheren Dienst, Lehrer und Architekten gehören heute zur grünen Stamm-Klientel. Bei der letzten NRW-Landtagswahl räumten die Grünen vor allem bei Angestellten, Beamten und Selbstständigen ab.

Alles ziemlich weit weg von der Aldi-Theke, also?

Ganz so einfach ist auch das nicht, wie das Beispiel Baden-Württemberg zeigt: Bei der Wahl 2011, als Winfried Kretschmann erster grüner Ministerpräsident wurde, erzielten die Grünen mit einem Anteil von 26 Prozent das stärkste Ergebnis aller Parteien bei den Arbeitslosen, der einstigen Stammwählerschaft von Gabriels SPD. Die FAZ staunte damals: „Eine kleine Sensation.“

Fazit:

Die Grünen pflegen einen Hang zu Reglementierungen und Verboten, der ausgeprägter ist als in anderen Parteien. Ihre Wähler, vor allem in Großstädten, sind oft bürgerlich, zahlungskräftig, gut situiert. Ob den Grünen deshalb, wie Gabriel ihnen vorwirft, die Lebenswirklichkeit einer Aldi-Verkäuferin fremd bleibt? Immerhin wirbt der Discounter längst mit allerlei Bio-Siegeln. Andererseits: Diese Plastikeinkaufstüten!

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