Das aktuelle Wetter NRW 10°C
Sinai-Attentate

Nach dem Anschlag im Sinai kocht Ägypten vor Wut

08.08.2012 | 18:01 Uhr
Gepanzerte Mannschaftsfahrzeuge im Sinai. Foto: afp

Kairo/Tel Aviv.  Kampfhubschrauber und Jagdbomber über dem Sinai: Nach einem der schwersten Attentate hat Ägyptens Armee eine Offensive gegen Extremisten gestartet – zum ersten Mal seit 1973. Nur: Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar.

Am Montag hatte Präsident Muhammad Mursi Rache versprochen, am Mittwoch hielt er sein Wort: Zwei Tage nachdem 35 Angreifer einen ägyptischen Armeeposten nahe der israelischen Grenze eingenommen und dabei 16 Soldaten getötet hatten, schlug Ägyptens Militär zurück – zum ersten Mal seit dem Jom-Kippur-Krieg gegen Israel 1973 hat die ägyptische Armee auf dem Sinai wieder Raketen eingesetzt. Doch damit nicht genug: Noch am Mittwoch entließ Mursi seinen Geheimdienstchef sowie den Gouverneur des nördlichen Teils der Sinai-Halbinsel und forderte Verteidigungsminister Hussein Tantawi auf, den Kommandeur der Militärpolizei auszutauschen. Die Einheit war seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak vor 18 Monaten besonders häufig zum Einsatz gekommen.

Mit Kampfhubschraubern und Jagdbombern greift Ägypten nun die Extremisten im Sinai an, im Dorf Tumah sollen bereits mindestens 20 „Terroristen“, so der offizielle Wortlaut, getötet worden sein. Soldaten durchkämmten in Scheich Zuweid hunderte Häuser und stellten angeblich Waffen und Munition sicher. Die Extremisten gaben sich nicht geschlagen: In der Nacht zum Mittwoch wurden sieben Checkpoints der Armee angegriffen, mindestens ein Soldat verletzt. Armeepatrouillen kamen unter Beschuss.

Wütender Mob

Die neue Offensive entspricht dem Volkswillen: Ägypten kocht vor Wut. Zwei Tage nach dem Angriff werden beschämende Details bekannt, die Licht auf die Unfähigkeit des Militärs werfen, des Sinais Herr zu werden. Dort „beschützen Zivilisten die Soldaten statt umgekehrt“, kommentiert eine Zeitung bissig. „Die Toten lagen kopfüber mit ihren Gesichtern im Essen“, berichtet ein Zivilist, der den Soldaten im Checkpoint neben seinem Haus nach der Attacke zu Hilfe geeilt war.

Video
Al-Arisch, 08.08.12: Die ägyptische Armee hat 20 bewaffnete Angreifer auf der Sinai-Halbinsel getötet. Diese hätten Sicherheitsposten attackiert und seien von den Streitkräften am Boden und aus der Luft beschossen worden, erklärte ein Kommandant.

Die meisten Verletzten wurden von Bürgern ins Krankenhaus gebracht, Armee und Krankenwagen trafen erst ein, als der Angriff von Israel an der Grenze beendet und die Luft rein war. Während der Beerdigung der Gefallenen in Kairo griff ein wütender Mob die Karosse des neuen Premiers Hischam Qandil an, Präsident Mursi blieb dem Ereignis angesichts der aufgeheizten Stimmung gleich ganz fern.

Islamisten wollten die Verantwortung für den Angriff Israel zuschieben. Ein Kommuniqué der Muslimbrüder mutmaßte, das Attentat „könnte dem Mossad zugeschrieben werden.“ Der habe die Revolution von Anfang an verhindern und „neue Problem an der Grenze schaffen wollen“, um Ägyptens neuer Regierung ein Desaster in die Schuhe zu schieben. Zudem solle der Anschlag „einen Keil zwischen Ägypter und Palästinenser treiben.“

Hamas weisen jede Verantwortung von sich

Die radikal-islamischen Machthaber der Hamas in Gaza wiesen jede Verantwortung weit von sich. Sie behaupteten, die Angreifer, deren Identität noch nicht bekannt ist, stammten keinesfalls aus Gaza. Aus Solidarität verhängten sie wie in Ägypten eine dreitägige Staatstrauer. Auch sie bezichtigten Israel, hinter dem Anschlag zu stehen. Sie schlossen hunderte Schmugglertunnel, durch die sich die Wirtschaft des belagerten Landstrichs über Wasser hält. Das sollte verhindern, dass die Täter aus dem Sinai nach Gaza flüchten. Die Folgen des Beschlusses waren sofort spürbar: Der Preis von Zement stieg in Gaza um 50 Prozent, Güter werden knapp.

Video
Al-Arisch, 06.08.12: Islamistische Terroristen haben am Sonntag bei einem Angriff auf einen ägyptischen Polizeiposten an der Grenze zu Israel mindestens 15 Beamte umgebracht. Es war der schwerste Zwischenfall in der Grenzregion seit Jahrzehnten.

Die Stadt Rafah floriert seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak im Januar 2011. Junge Männer rauschen in Limousinen durch die Straßen, bezahlt mit Gewinnen aus dem lukrativen Waffenhandel mit Gaza. Sie profitieren vom Machtvakuum im Sinai: Polizisten haben ihre Posten verlassen, Soldaten patrouillieren nur noch auf Hauptverkehrsadern. Das Hinterland ist in den Händen von Schmugglern, Kriminellen und Extremisten.

Seit dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al Ghaddafi eskaliert der Trend: Neben Maschinenpistolen konnte man bis Mittwoch auch Luftabwehrraketen, Panzerfäuste und Minen erstehen. Die Waffen gingen nicht mehr nur an Extremisten im Gazastreifen, sondern auch im Sinai.

Hillary Cliton warnt

Den Generalstab kümmerte das bislang nicht: Er hatte im Inland dringlichere Probleme und war überzeugt, dass diese Entwicklung in erster Linie eine Gefahr für Israel darstelle. Der blutige Angriff auf den Grenzposten hat Ägypten eines Besseren belehrt.

Video
Alexandria, 16.07.12: Auch am zweiten Tag ihres Ägypten-Besuchs ist US-Außenministerin Hillary Clinton mit heftigen Protesten empfangen worden. Demonstranten bewarfen die Wagenkolonne der Politikerin am Sonntag mit Tomaten, Flaschen und Schuhen.

Inzwischen warnte US-Außenministerin Hillary Clinton, die Wüsten-Grenze zwischen Israel und Ägypten könne eine „Operationsbasis“ für Jihadisten werden. Es sei wichtig, die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Die Lage sei nicht nur gefährlich für Ägypten und Israel, sondern auch für die USA: Es gibt Amerikaner, die Teil der multinationalen Mission sind, die die Einhaltung des Camp David-Abkommens überwachen. Besorgt zeigt sich angesichts des „erheblichen Eskalationsrisikos“ auch die Bundesregierung. Außenminister Westerwelle (FDP) appellierte an alle Seiten, entschieden gegen Terror vorzugehen und politisch umsichtig zu handeln.

Israel wappnet sich bereits und baut einen elektronischen Zaun entlang der ägyptischen Grenze. Er soll bis zum Jahresende fertig sein und den illegalen Transit von Menschen und Waffen verhindern.

Astrid Frefel und Gil Yaron



Kommentare
09.08.2012
06:30
Was soll man von einer Schilderung zur Lage auf dem Sinai halten,
von Ani-Metaber | #6

in der nicht dargelegt wird, welchen Beschränkungen der ägyptischen Exekutive durch die Abkommen mit „israel“ auferlegt sind.

Und bei dem illustren Bild, mit dem ein ägyptisches Rafah gezeichnet wird,
„(j)unge Männer rauschen in Limousinen durch die Straßen, bezahlt mit Gewinnen aus dem lukrativen Waffenhandel mit Gaza..“,
stellt sich die Frage, woher man eigentlich weiß, wenn dort tatsächlich „junge Männer“ das Straßenbild bestimmen, nicht unüblich in geburtenstarken Regionen der Welt,
daß deren Einkünfte aus Waffenhandel mit Gaza herrühren?

Steht den Autoren eine inoffizielle Handelsbilanz zur Verfügung, aus der hervorginge, über die Versorgungstunnel würden nicht in der Hauptsache dringende Güter des täglichen Bedarfs geschafft?
Nach Angaben der UN werden die weiterhin nicht in ausreichendem Maße von der israelischen Besatzungsmacht hinein gelassen !

Berichte über Neuverhandlungsbedarf der existierenden (tri?) bilateralen Abkommen sind bekannt, dem Autori Jaron etwa nicht ?

09.08.2012
05:36
Es bleibt die Frage offen, was eigentlich auf dem Sinai und in Ägypten vor sich geht.
von Ani-Metaber | #5

Es kann sich jeder vorstellen, dass die bisherigen Ereignisse nicht im Interesse der im Gazastreifen eingesperrten Palästinenser und eben deshalb auch nicht der Hamas sein können.
Nüchtern wird man fragen müssen, ob und wie sich die Abkommen zwischen „Israel“ und Ägypten ändern müssen,
welche sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitsrelevante Probleme es auf dem Sinai gibt,
und wer die wie in Ägypten lösen kann oder will.

Morsi kann nicht für die Lage auf dem Sinai verantwortlich gemacht werden, denn er ist erst seit wenigen Wochen im Amt und wo sind die Grenzen seiner Macht?

Er soll aber nun Geheimdienst- und Sicherheitsverantwortliche gefeuert, bzw. deren Absetzung beim Militär gefordert haben.

„In major shakeup, Egypts Morsi fires intelligence chief, Sinai governor“
http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/in-major-shakeup-egypt-s-morsi-fires-intelligence-chief-sinai-governor-1.456893

Wie wird dabei der "arabische Frühling" von der BRD unterstützt ?

09.08.2012
05:31
Offenbar kann oder will man auch von israelischer Seite nicht zur Aufklärung beitragen,
von Ani-Metaber | #4

dort hatte man Tage Zeit, die Her- bzw. Abkunft der Attentäter zu ergründen, die man auf israelischem Territorium zu Tode brachte, doch bislang wurde nicht über Ergebnisse berichtet, obwohl man schon vom Anschlag „informiert“ gewesen sein will.

Was wird man auf israelischer Seite wohl wirklich im Schilde führen, wo Verständigung zwischen Hamas und Ägypten nicht gern gesehen wird?

Die Tel-Aviver sind nicht untätig, Amira Hass schreibt über Razzien südlich von Hebron, die Befürchtungen auf bevorstehende Hauszerstörungen in sogenannten Sicherheitszonen aufkommen lassen,
auch die JP nimmt Bezug auf Aussagen der UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Angelegenheiten, denen zufolge die militärischen „Sicherheitszonen“ im Westjordanland größer als die Autonomiegebiete sein sollen. Karten dazu wurden vorgelegt

http://www.ochaopt.org/documents/ocha_opt_firing_zone_factsheet_august_2012_english.pdf

und kürzlich wurde Vertretern der Bewegung der Blockfreien Staaten die Einreise verwehrt

1 Antwort
"obwohl man schon vor dem Anschlag „informiert“ gewesen sein will"
von Ani-Metaber | #4-1

hätte es genauer heißen sollen.

Es sollen Hinweise vorgelegen aber in Ägypten nicht entsprechende Folgen gehabt haben. Doch Ross und Reiter für die Urheberschafft des Attentats wurden in diesem Zusammenhang auch nicht genannt.

09.08.2012
05:08
und nach einem Jahr ist alles zuvor Geschehene vergessen ? Es verblüfft die Selbstverständlichkeit,
von Ani-Metaber | #3

mit der nun in der israelischen Presse ein Jahr nach dem Eilatanschlag im August letzten Jahres über dessen angebliche Urheberschaft durch „ägyptische Beduinen“ gesprochen wird; in Folge auch in bundesdeutschen Medien,

„The terrorists who carried out the attack on Sunday night are also believed to have been local Beduin from Sinai, as was the case in the cross-border attack last August near the Netafim Crossing that killed eight Israelis“
http://www.jpost.com/Defense/Article.aspx?id=280440

Damals aber klang das ganz anders, so am Folgetag des 18.08.11 in der SZ

„Israel setzt Vergeltungsschläge auf Gaza-Streifen fort“

http://www.sueddeutsche.de/politik/reaktion-auf-anschlaege-bei-eilat-israel-setzt-vergeltungsschlaege-auf-gaza-streifen-fort-1.1132660

Netanjahu wurde mit den Worten zitiert, die Urheber des Eilatattentates würden schon nicht mehr leben. Er bezog sich dabei auf Luftangriffe, bei dem neben Mitgliedern eines "Volksbefreiungskomitees“ auch ein Dreijähriger ums Leben kam.

08.08.2012
21:26
Nach dem Anschlag im Sinai kocht Ägypten vor Wut
von Unverkennbar | #2

Da wär ich auch sauer.

08.08.2012
19:27
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #1

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

Aus dem Ressort
Minister Gabriel entdeckt sein Herz für die Industrie
Wirtschaftspolitik
SPD-Chef und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel will sein wirtschaftspolitisches Profil schärfen und stellt seine Agenda für die heimische Industrie vor. So will er die Stromsteuern senken und den Fachkräftemangel bekämpfen. Was davon zu halten ist – eine Analyse.
Starke Umfragewerte für AfD beunruhigen Ratingagenturen
AfD
Die Alternative für Deutschland (AfD) kommt bei den Wählern weiterhin gut an: Zehn Prozent der Wähler würden der eurokritischen Partei ihre Stimme geben. Der Höhenflug der AfD beunruhigt sogar schon Ratingagenturen. Sie fürchten, Deutschland könnte seine Rolle als Krisenmanager verlieren.
Regierung enthält laut Opposition NSA-Ausschuss Akten vor
Spionage
Der Bundestag will die NSA-Spionage aufklären - doch die dazu nötigen Akten bekommt er laut Opposition nicht. Angeblich enthalte der Bundestag dem NSA-Untersuchungsausschuss hunderte Akten vor. Die Grünen kündigten an, eine Verfassungsklage dagegen eingehend zu prüfen.
Suchtexperten warnen vor Gefahr von Glücksspielen für Kinder
Jugendschutz
In Nordrhein-Westfalen haben einer Studie zufolge etwa 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen bereits Erfahrung mit gewinnbasierten Glücksspielen gemacht. Mehr als fünf Prozent zeigten bereits Merkmale für eine Sucht. Besonders gefährdend seien Geldspielautomaten und Glücksspiele im Internet.
Terroristen bedrohen französische Geisel mit dem Tod
Syrien
Auf das Ultimatum, sich nicht am Kampf gegen den „Islamischen Staat“ zu beteiligen, werde die französische Regierung nicht eingehen, kündigte Frankreichs Regierungschef Manuel Valls an. Ein IS-Sprecher ruft zugleich im Internet zum Mord an Bürgern aus dem Westen auf.
Umfrage
Umgestürzte Bäume stören den Bahnverkehr im Ruhrgebiet ganz erheblich. Sind sie auch betroffen?

Umgestürzte Bäume stören den Bahnverkehr im Ruhrgebiet ganz erheblich. Sind sie auch betroffen?