Nach dem Anschlag im Sinai kocht Ägypten vor Wut

Gepanzerte Mannschaftsfahrzeuge im Sinai. Foto: afp
Gepanzerte Mannschaftsfahrzeuge im Sinai. Foto: afp
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Was wir bereits wissen
Kampfhubschrauber und Jagdbomber über dem Sinai: Nach einem der schwersten Attentate hat Ägyptens Armee eine Offensive gegen Extremisten gestartet – zum ersten Mal seit 1973. Nur: Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar.

Kairo/Tel Aviv.. Am Montag hatte Präsident Muhammad Mursi Rache versprochen, am Mittwoch hielt er sein Wort: Zwei Tage nachdem 35 Angreifer einen ägyptischen Armeeposten nahe der israelischen Grenze eingenommen und dabei 16 Soldaten getötet hatten, schlug Ägyptens Militär zurück – zum ersten Mal seit dem Jom-Kippur-Krieg gegen Israel 1973 hat die ägyptische Armee auf dem Sinai wieder Raketen eingesetzt. Doch damit nicht genug: Noch am Mittwoch entließ Mursi seinen Geheimdienstchef sowie den Gouverneur des nördlichen Teils der Sinai-Halbinsel und forderte Verteidigungsminister Hussein Tantawi auf, den Kommandeur der Militärpolizei auszutauschen. Die Einheit war seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak vor 18 Monaten besonders häufig zum Einsatz gekommen.

Mit Kampfhubschraubern und Jagdbombern greift Ägypten nun die Extremisten im Sinai an, im Dorf Tumah sollen bereits mindestens 20 „Terroristen“, so der offizielle Wortlaut, getötet worden sein. Soldaten durchkämmten in Scheich Zuweid hunderte Häuser und stellten angeblich Waffen und Munition sicher. Die Extremisten gaben sich nicht geschlagen: In der Nacht zum Mittwoch wurden sieben Checkpoints der Armee angegriffen, mindestens ein Soldat verletzt. Armeepatrouillen kamen unter Beschuss.

Wütender Mob

Die neue Offensive entspricht dem Volkswillen: Ägypten kocht vor Wut. Zwei Tage nach dem Angriff werden beschämende Details bekannt, die Licht auf die Unfähigkeit des Militärs werfen, des Sinais Herr zu werden. Dort „beschützen Zivilisten die Soldaten statt umgekehrt“, kommentiert eine Zeitung bissig. „Die Toten lagen kopfüber mit ihren Gesichtern im Essen“, berichtet ein Zivilist, der den Soldaten im Checkpoint neben seinem Haus nach der Attacke zu Hilfe geeilt war.

Die meisten Verletzten wurden von Bürgern ins Krankenhaus gebracht, Armee und Krankenwagen trafen erst ein, als der Angriff von Israel an der Grenze beendet und die Luft rein war. Während der Beerdigung der Gefallenen in Kairo griff ein wütender Mob die Karosse des neuen Premiers Hischam Qandil an, Präsident Mursi blieb dem Ereignis angesichts der aufgeheizten Stimmung gleich ganz fern.

Islamisten wollten die Verantwortung für den Angriff Israel zuschieben. Ein Kommuniqué der Muslimbrüder mutmaßte, das Attentat „könnte dem Mossad zugeschrieben werden.“ Der habe die Revolution von Anfang an verhindern und „neue Problem an der Grenze schaffen wollen“, um Ägyptens neuer Regierung ein Desaster in die Schuhe zu schieben. Zudem solle der Anschlag „einen Keil zwischen Ägypter und Palästinenser treiben.“

Hamas weisen jede Verantwortung von sich

Die radikal-islamischen Machthaber der Hamas in Gaza wiesen jede Verantwortung weit von sich. Sie behaupteten, die Angreifer, deren Identität noch nicht bekannt ist, stammten keinesfalls aus Gaza. Aus Solidarität verhängten sie wie in Ägypten eine dreitägige Staatstrauer. Auch sie bezichtigten Israel, hinter dem Anschlag zu stehen. Sie schlossen hunderte Schmugglertunnel, durch die sich die Wirtschaft des belagerten Landstrichs über Wasser hält. Das sollte verhindern, dass die Täter aus dem Sinai nach Gaza flüchten. Die Folgen des Beschlusses waren sofort spürbar: Der Preis von Zement stieg in Gaza um 50 Prozent, Güter werden knapp.

Die Stadt Rafah floriert seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak im Januar 2011. Junge Männer rauschen in Limousinen durch die Straßen, bezahlt mit Gewinnen aus dem lukrativen Waffenhandel mit Gaza. Sie profitieren vom Machtvakuum im Sinai: Polizisten haben ihre Posten verlassen, Soldaten patrouillieren nur noch auf Hauptverkehrsadern. Das Hinterland ist in den Händen von Schmugglern, Kriminellen und Extremisten.

Seit dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al Ghaddafi eskaliert der Trend: Neben Maschinenpistolen konnte man bis Mittwoch auch Luftabwehrraketen, Panzerfäuste und Minen erstehen. Die Waffen gingen nicht mehr nur an Extremisten im Gazastreifen, sondern auch im Sinai.

Hillary Cliton warnt

Den Generalstab kümmerte das bislang nicht: Er hatte im Inland dringlichere Probleme und war überzeugt, dass diese Entwicklung in erster Linie eine Gefahr für Israel darstelle. Der blutige Angriff auf den Grenzposten hat Ägypten eines Besseren belehrt.

Inzwischen warnte US-Außenministerin Hillary Clinton, die Wüsten-Grenze zwischen Israel und Ägypten könne eine „Operationsbasis“ für Jihadisten werden. Es sei wichtig, die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Die Lage sei nicht nur gefährlich für Ägypten und Israel, sondern auch für die USA: Es gibt Amerikaner, die Teil der multinationalen Mission sind, die die Einhaltung des Camp David-Abkommens überwachen. Besorgt zeigt sich angesichts des „erheblichen Eskalationsrisikos“ auch die Bundesregierung. Außenminister Westerwelle (FDP) appellierte an alle Seiten, entschieden gegen Terror vorzugehen und politisch umsichtig zu handeln.

Israel wappnet sich bereits und baut einen elektronischen Zaun entlang der ägyptischen Grenze. Er soll bis zum Jahresende fertig sein und den illegalen Transit von Menschen und Waffen verhindern.