Münteferings Rückzug - „Ich bin nicht ausgetrocknet“

 Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering und seine Frau Michelle.
Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering und seine Frau Michelle.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Franz Müntefering scheidet aus dem Bundestag aus. Er startete spät durch, aber dann richtig: zwei Mal Minister, Vize-Kanzler, SPD-Manager, Partei- und Fraktionschef. Hinter ihm liegen 35 Jahre im Parlament. Nun spricht er offen über die Agenda 2010 und verheerende Doppelbelastungen.

Berlin.. Messdiener, Pfarrjugendführer, Mannschaftskapitän. Franz Müntefering drängte es früh nach vorn. Bis in den Bundestag, 1975, da war er gerade 35 Jahre alt. „Pass auf, dass Du nicht austrocknest“, gab ihm SPD-Fraktionschef Herbert Wehner mit auf den Weg. „Den Satz habe ich behalten, klang so schräg.“ 38 Jahre später scheidet Müntefering aus und sagt: „Ich bin nicht ausgetrocknet.“

Er will noch was bewegen, auch im Alter von 73. „Demokratie ist kein Schaukelstuhl“, sagt er. Neulich ließ er sich zum Präsidenten des Arbeiter-Samariter-Bundes wählen. Für den Landessportbund NRW ist er als „Botschafter“ unterwegs. Ein Anliegen ist ihm die Arbeit für die Deutsche Hospiz- und Palliativstiftung. Müntefering hat seine verstorbene Frau Ankepetra bis zum letzten Tag gepflegt. Es ist ihm ein „großer Trost“, dass man „auch die letzte Phase in Menschenwürde erleben kann“.

Seine Absichten hat er gerne kaschiert

Die Politik ließ er in den letzten vier Jahren auslaufen. Kein Vergleich mit seinem legendären Ausstieg als Fußballer. Er spielte in der Jugendmannschaft der TuS Sundern in Neheim gegen die „Sportfreunde“, und in der Kabine eröffnete Müntefering den Mitspielern: „Wenn wir nicht gewinnen, höre ich auf.“ Es ging 1:1 aus. Was er nicht erzählt hat: Seine Freundin war sauer, weil er jeden Sonntag weg war. Man lernt: Schon der junge Müntefering hat seine Absichten gern kaschiert.

Bundestagswahl 2013 Gut möglich, dass auch in der Politik das eine oder andere bald im neuen Licht erscheint, sobald er zu Hause mal alle Notizen der letzten Jahre durchgeht. Zeit dafür wird er bald haben, allerdings auch einen Vorsatz: „Ich schreibe keine Autobiografie.“ Und wie sieht sein neues Leben aus? „Ruhe haben, wenig Terminplan, ausschlafen, machen, was ich will.“ Die nächste Frage stellt er sich selbst: „Wie habe ich alles ausgehalten?“

Ein Urlaubsmensch ist er nicht

Er wird Zeit haben zum Lesen und zum Wandern. Sein Laufband ist noch in Betrieb. Fitness ist ihm wichtig. Sicher wird er mehr reisen. Seine Ehefrau Michelle denkt schon jetzt darüber nach, „wo wir Weihnachten oder Mitte 2014 sind“. Er erzählt es leicht amüsiert. Er selbst sei nicht „der Urlaubsmensch“. Er sei 36 Jahre alt gewesen, als er zum ersten Mal weggefahren ist. Später verbrachte er jeden Sommer auf Norderney.

52 Jahre lang hat er im Sauerland gelebt. In Meschede unterhält er ein Büro. Das Elternhaus hat er nicht verkauft. Über die Region sagt er, „da fühle ich mich verbunden, aber ich werde da nicht wieder hinziehen“. Weil seine Frau im Rat in Herne bleibt, wohnen sie dort. Weil sie für den Bundestag kandidiert, sind sie auch in Berlin-Kreuzberg heimisch. Er werde aber nicht „den Betreuer an der Linie machen“. Falltür-Fragen hat ein Profi wie er schnell durchschaut; ob sie seine Frau oder die SPD betreffen. Kein Wort auch zum Wahlkampf.

Er war mal der Liebling der Partei

Zwei Posten hat er fest angestrebt: Das Mandat im Bundestag, 1998 den Job des SPD-Generalsekretärs. In der NRW-Partei war Müntefering ein Name. Als Bundespolitiker ist er eher ein Spätzünder. 1991 war er 51 Jahre alt und nach 16 Jahren im Bundestag nur Kennern ein Begriff. Er startete spät durch, aber dann richtig: zwei Mal Minister, Vize-Kanzler, SPD-Manager, Partei- und Fraktionschef. Er hielt in der rot-grünen Regierung dem Kanzler den Rücken frei, rettete die SPD 2005 in die Große Koalition. Er war mal der Liebling der Partei, aber das war vor der Agenda und der „ziemlichen Wahlniederlage“ 2009.

Partei und Fraktion zu führen, sei so, als ob man einen ausgezogenen Expander hält, „wenn Du eine Seite loslässt, schlägt Dir alles um die Ohren“. Ihm ist längst klar, dass die Doppelaufgabe „falsch war“ und auch, warum er sich von Gerhard Schröder 2004 überreden ließ. „Meine Eitelkeit war zu groß“, sagt Müntefering.

„Herr Bundeskanzler, wir machen das“

Wer den Fehler nachvollziehen will, der sollte bis zum 14. März 2003 zurückgehen: Schröder kündigt im Bundestag die „Agenda 2010“ an. Müntefering, sein Fraktionschef, gibt zu Protokoll: „Herr Bundeskanzler, Sie können sich darauf verlassen, wir machen das.“ Er wusste, dass die SPD sich mit den Reformen schwer tun würde. Er glaubt, „dass wir unnötig bescheiden damit umgehen, dass wir stolzer sein könnten auf das, was wir gemacht haben“. Als er den SPD-Vorsitz übernahm, hätten viele gehofft, er würde die Reformen stoppen.

Damals, am 14. März 2003, sind alle Abgeordneten von SPD und Grünen aufgestanden, um ihrem Kanzler stehend zu applaudieren. „So war es.“ Er hat lernen müssen: „Menschen erinnern sich sehr un­terschiedlich.“