Mossul unter dem IS – eine Millionenstadt in Angst

Menschen beten in einer Moschee in Mossul. An der Wand hängt eine IS-Fahne (Bild aus Juli 2014).
Menschen beten in einer Moschee in Mossul. An der Wand hängt eine IS-Fahne (Bild aus Juli 2014).
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Der Bericht einer irakischen Menschenrechtsgruppe beschreibt das Leben im von der IS-Terrormiliz beherrschten Mossul.

Essen/Mossul.. Schwarz verhüllte, tief verschleierte Frauen streifen durch die nordirakische Stadt, sie sind gefürchtet als „Beißer-Teams“. Sie stammen aus Russland, vermutlich aus Tschetschenien, und haben eiserne Klauen dabei. Sie kontrollieren, ob ihre Geschlechtsgenossinen nach den Regeln des „Islamischen Staats“ gekleidet sind, ob die schwarzen Handschuhe, die schwarze Abaya, das bodenlange Gewand und der schwarze Niqab, der Gesichtsschleier, auch ja kein Fleckchen Haut sündhaft freilassen. Frauen, die gegen die Regeln verstoßen, bekommen die Klaue zu spüren. Alltag in Mossul, einer Stadt in Angst.

Terrormiliz Als vor etwas über einem Jahr die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Millionenstadt überrannte, wurden die Dschihadisten von vielen sunnitischen Einwohnern als Befreier begrüßt. In den Jahren davor hatte die schiitisch dominierte irakische Armee die Stadt immer mehr in den Würgegriff genommen. Unzählige Checkpoints erschwerten das Leben, willkürliche Verhaftungen waren an der Tagesordnung, genauso aber auch Anschläge sunnitischer Extremisten. Jetzt regiert der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) die Stadt. Das Leben ist aber nicht einfacher geworden. Im Gegenteil. Jetzt hat die Terrormiliz die Stadt im Würgegriff und kontrolliert nahezu alle Aspekte des Lebens.

2350 Menschen seit Junivergangenen Jahres ermordet

Eine irakische Nichtregierungsorganisation hat jetzt eine Studie veröffentlicht, die seltene Einblicke in das Leben in Mossul gibt. Die nicht überprüfbaren Angaben stammen von Kontakten, die die im 70 Kilometer entfernten kurdischen Erbil ansässige „Iraqi Institution for Development“ noch in Mossul haben will.

Demnach sind in der Stadt seit der Eroberung durch die Terrormiliz bis Ende Mai etwa 2350 Menschen vom IS ermordet worden, darunter Journalisten, Mitglieder der irakischen Sicherheitskräfte, Oppositionelle, Politiker, die sich früher zu Wahlen haben aufstellen lassen; aber auch zahlreiche Menschen, die gegen die strikten Regeln des IS verstoßen haben, etwa Männer, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen werden.

Weltorganisation Das Eigentum von Minderheiten wie Christen und Jesiden, die nach der Eroberung die Stadt verließen, sei vom IS beschlagnahmt worden, heißt es in dem Bericht. In einem Stadtteil namens Alghabat am Ufer des Tigris würden 29 jesidische Frauen gefangen gehalten, die täglich vergewaltigt würden.

Offenbar beginnt die Terrormiliz zunehmend, Kinder und Jugendliche zu rekrutieren, die sie mit Waffen und einem monatlichen Salär von 500 Dollar ködert. Manche dieser Jugendlichen würden als Propagandisten in Schulen eingesetzt. Allerdings seien viele der Schulen in Mossul geschlossen worden, weil Eltern insbesondere Angst hätten, ihre Töchter aus dem Haus zu lassen. „Sie sollen nicht von IS-Mitgliedern gesehen werden, weil die ihnen Anträge machen und sie zum Heiraten auffordern könnten, insbesondere, wenn sie über zwölf Jahre alt sind“, heißt es in dem Bericht. Seit Beginn des aktuellen Schuljahrs sei der Lehrplan von allen „nichtislamischen“ Einflüssen gereinigt worden und strikt der Scharia, dem islamischen Recht unterworfen worden, IS-Mitglieder hätten zahlreiche Schulbücher verbrannt. In dem Bericht ist auch davon die Rede, dass Lehrer verhaftet worden seien, die sich nicht den Befehlen der Terroristen unterworfen hätten, am 3. Februar sei Mohammed al Hajjeya, der Leiter einer Schule für Jungen von den Terroristen ermordet worden.

Strenge Kontrolle der Kommunikation in der Stadt

Der IS versucht offenbar auch, die Kommunikation zu kontrollieren. Mobiltelefone würden regelmäßig auf der Straße nach sensiblen Informationen durchsucht, die meisten Internet-Cafés seien geschlossen, in die wenigen noch offenen kontrollierten IS-Experten streng die elektronische Kommunikation. Viele Journalisten seien verhaftet, manche ermordet worden. Insgesamt trauten sich die Menschen in Mossul kaum noch, offen über ihre Probleme zu reden, aus Angst, ausgepeitscht oder getötet zu werden.

Flüchtlinge Zugleich sei es kaum noch möglich, die Stadt zu verlassen. Raus kommen offenbar nur noch Menschen, die hohe Bestechungsgelder (1500 Dollar) zahlen könnten. Die Lebensbedingungen für die Menschen in Mossul werden laut dem Bericht täglich schwieriger. Die Gesundheitsversorgung wird schlechter, Infektionskrankheiten, etwa Hautausschläge, Hepatitis, Typhus oder Malta-Fieber breiteten sich mangels Medikamenten aus, täglich stürben drei bis vier Kinder, weil Frühgeburten nicht mehr adäquat versorgt werden könnten. Die Stromversorgung breche häufig zusammen, das Wasser müsse ungereinigt genutzt werden, die Preise für Reis, Speiseöl, Gas und Benzin seien gestiegen, die Arbeitslosigkeit nehme rapide zu.

Gleichzeitig erhöht der IS offenbar den propagandistischen Druck auf die Einwohner Mossuls. In Einwohnertreffen und Predigten schüren die Terroristen die Angst vor den regulären irakischen Truppen. Falls diese Mossul erobern würden, müssten die sunnitischen Einwohner damit rechnen, dass die Frauen vergewaltigt und die Männer ermordet würden, nur weil sie Sunniten seien. Untermalt wird diese Propaganda mit Videos aus vom IS befreiten Gebieten, etwa der Stadt Tikrit, in denen Szenen von Folterungen durch das irakische Militär gezeigt werden. In Mossul regiert der reine Terror.