Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Politik

Mordanschlag im Flüchtlingsheim

05.01.2016 | 05:35 Uhr

Dreieich/Berlin. Das Flüchtlingsheim steht in der Gleisstraße, die so heißt, weil direkt daneben der Zug halbstündig nach Frankfurt rattert. Das Heim hat drei Stockwerke, es liegt versteckt in einem Industriegebiet, gleich neben einem Drogeriegeschäft und hinter einem Supermarkt. Rund 30 Meter vor dem Gebäude ist das Absperrband der Polizei angebracht. Wo das Band endet, ist der Eingang der Glocken Bäckerei. Hinter und vor der Theke gab es hier den ganzen Tag nur ein Thema: „Stell dir vor, du liegst im Bett und es schießt einfach jemand durchs Fenster.“ Die Verkäuferin sagt diesen Satz immer wieder. Dabei wussten die wenigsten, dass hier auf dem Gewerbegebiet überhaupt ein Flüchtlingsheim steht. Jetzt wissen es alle.

Am frühen Montagmorgen kurz vor 2.30 Uhr durchlöchern mehrere Schüsse die Fensterfront der Flüchtlingsunterkunft im hessischen Dreieich, rund 20 Kilometer südlich von Frankfurt. Ein Projektil trifft einen schlafenden 23-jährigen Asylbewerber am Bein. Der Mann wird leicht verletzt. Es ist der bundesweit erste Angriff mit einer scharfen Schusswaffe auf einen Asylbewerber. Aus welcher Ecke er kommt, ist unklar. Der oder die Täter sind flüchtig. Denkbare Motive reichen von einer Beziehungstat bis zu einem geplanten Anschlag mit fremdenfeindlichem Hintergrund.

Erstmals Angriff mit scharfer Waffe

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Darmstadt geht „von einem gezielten Angriff aus“, so Sprecherin Nina Reininger. 90 Ermittler, „ein Großaufgebot“ arbeite „unter Hochdruck“ an der Aufklärung des Falls. Eine Schlüsselrolle haben dabei Experten des Hessischen Landeskriminalamtes (LKA): Spezialisten sollen den Tatverlauf vor Ort rekonstruieren. Die LKA-Tatortgruppe ist mit einer besonderen Technik ausgerüstet, die Flugbahn und Abschussort von Geschossen mittels 3-D-Technik nachstellen kann.

Für die Spurensuche wurde der Tatort im Landkreis Offenbach weiträumig abgesperrt. Straßen und Zugverbindungen blieben für einige Zeit gesperrt. Die Polizei setzt auf Zeugen. Allerdings blieb ein Hinweis auf einen vermummten Täter gestern ohne Bestätigung.

Rund 40 000 Menschen leben in Dreieich, darunter 430 Flüchtlinge. In der betroffenen Unterkunft wohnen aktuell 30 Flüchtlinge. Der Teil des Gebäudes, der unter Beschuss geriet, beherbergt laut Stadt 15 Männer: 14 Syrer und einen Afghanen. In dem anderen Gebäudeteil leben vier Familien.

Alice Stoppka wohnt seit 40 Jahren in Dreieichenhain. „Das ist meine Strecke hier mit Chello“, sagt sie. „Wir laufen viermal am Tag hier lang.“ Die 78 Jahre alte Frau ist gut zu Fuß und hatte sich schon am Morgen gewundert, dass alles voller Polizei war. Stoppka kennt diese Gegend nur als friedlich. „Gerade mit Migranten hatten wir hier keine Probleme“, sagt sie. „Meine Nachbarn kommen aus Afrika und dem Iran, die helfen mir, wenn ich jemanden brauche.“ Außerdem wohnten doch hier sonst nur Familien. Früher habe die Gegend einmal „Millionenhügel“ geheißen, wegen der teuren Häuser. Das mit den Schüssen will nicht hierher passen.

Es herrschte bisher Ruhe rund um das eingezäunte Flüchtlingsheim. Bis die Schüsse in den verglasten Anbau einschlugen. Der stellvertretende Landrat Carsten Müller (SPD) ist entsetzt und hofft, dass sich die Lage nicht zuspitzt. „Die Stimmung darf jetzt nicht kippen“, sagte Müller dieser Zeitung. Er gehe „nicht von einer veränderten Gefährdungslage aus“.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl ist sich da nicht so sicher. Für den stellvertretenden Geschäftsführer Bernd Mesovic steht fest: „Die Verwendung scharfer Munition ist eine neue Qualität der Gewalt.“ Schon Brandsätze hätten „eine Schwelle überschritten“, doch jetzt sei ein neuer Damm gebrochen: „Wer auf bewohnte Ziele schießt, muss mit verletzten oder getöteten Menschen rechnen und nimmt Todesopfer in Kauf.“ Mesovic rät den Ermittlern, „auf gewachsene rechte Strukturen zu schauen“ und „Verbindungen zu rechtsextremen Strömungen“ zu überprüfen.

Doch Gewalt gegen Asylsuchende gibt es in Deutschland schon länger. Nicht immer waren es Neonazis, sondern auch bisher nicht vorbestrafte Anwohner. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat 2015 bundesweit 887 Straftaten gegen Asylbewerberheime registriert – von der Schmiererei bis zur Brandstiftung. Darunter waren 150 Gewalttaten, wie eine BKA-Sprecherin sagt. 792 Straftaten seien dem rechten Spektrum zuzuordnen.

Klaus Brandt, Sören Kittel und Alexander Kohnen

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Sakurai und Co.
Bildgalerie
Fotostrecke
Gauck in Sachsen massiv beleidigt
Bildgalerie
Präsidenten-Besuch
article
11429839
Mordanschlag im Flüchtlingsheim
Mordanschlag im Flüchtlingsheim
$description$
http://www.derwesten.de/politik/mordanschlag-im-fluechtlingsheim-id11429839.html
2016-01-05 05:35
Politik