Ministerium prüft in Streit um Anwesenheitspflicht an NRW-Unis

Auch ganz freiwillig streben viele Studierende in die Vorlesungen.Die Anwesenheitspflicht wurde abgeschafft.
Auch ganz freiwillig streben viele Studierende in die Vorlesungen.Die Anwesenheitspflicht wurde abgeschafft.
Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Was wir bereits wissen
Professoren und Dozenten ignorieren das Verbot und kontrollieren weiter, klagen Studenten. Das NRW-Wissenschaftsministerium prüft jetzt die Beschwerden und setzt auf Einsicht bei Hochschullehrern.

Düsseldorf.. Das NRW-Wissenschaftsministerium hat sich in den Streit um zu strenge Anwesenheitspflichten an den Hochschulen des Landes eingeschaltet. Man gehe zurzeit Beschwerden an den Universitäten Köln, Düsseldorf und Münster nach, bestätigte ein Sprecher von Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD). „Anstelle von Sanktionen setzen wir derzeit noch darauf, dass sich die tatsächliche Praxis den neuen Anforderungen entsprechend anpassen wird“, erklärte der Sprecher.

Rot-Grün hatte im vergangenen Herbst mit dem umstrittenen „Hochschulzukunftsgesetz“ auch den Umgang mit Anwesenheitspflichten für Studenten reformiert. Man orientierte sich dabei an Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2009, die nun in NRW explizit rechtsverbindlich wurden.

Die Teilnahme an Lehrveranstaltungen wie Seminaren oder Vorlesungen darf seither grundsätzlich keine Voraussetzung mehr dafür sein, jemanden zu einer Prüfung zuzulassen. Ausnahmen gibt es lediglich für Exkursionen, Sprachkurse, Praktika, praktische Übungen oder Vergleichbares.

Studentenvertreter schlugen Alarm

Studentenvertreter hatten in der vergangenen Woche jedoch Alarm geschlagen. Sie warfen Professoren und Dozenten im Land vor, die seit Oktober geltende Regel bewusst zu umgehen oder zu ignorieren. „Leider müssen wir konstatieren, dass sich über das grundsätzliche Verbot von Anwesenheitspflichten regelmäßig hinweggesetzt wird“, schrieben die Vertreter der Allgemeinen Studierendenausschüsse (AStA) der Ruhr-Uni Bochum, der Hochschule für Gesundheit und der Universität Münster in einem offenen Brief an die Rektorate.

Anwesenheitspflicht Offenbar gehen nicht nur dort Dozenten trickreich vor, um vor vollen Reihen unterrichten zu können: Sie widmeten ihre Veranstaltungen gezielt zu unverzichtbaren Pflicht- oder Sprachkursen um und führten weiterhin Namenslisten, heißt es. So sei an der Universität Paderborn eine ganz normale Vorlesung zur praktischen Übung umdeklariert worden, klagen die Studentenvertreter. „Mitunter sind die Verantwortlichen sehr einfallsreich, wenn es darum geht, die eigenen Veranstaltungen zu Ausnahmen vom Verbot der Anwesenheitspflicht zu erklären“, so der Brandbrief.

Keine Zeit zum Lernen und Arbeiten

Mit dem Hochschulzukunftsgesetz sollte die oft kritisierte „Verschulung“ des Bachelor- und Masterstudiums ein wenig gelockert werden. Immer wieder waren Studenten daran verzweifelt, dass sie durch zahlreiche parallele Teilnahmeverpflichtungen ganze Semester verlieren oder kaum noch Zeit zum Lernen und Arbeiten haben.

Studium Wenn sich eine Hochschule nachweislich nicht an die neuen gesetzlichen Vorgaben halte, werde das Ministerium im Wege der Rechtsaufsicht einschreiten, erklärte Schulzes Sprecher dieser Zeitung. Zunächst setze man jedoch auf einen Dialog mit den Professoren. Bei den weitaus meisten Seminaren darf seit dem vergangenen Jahr jedenfalls die Anwesenheit nicht mehr verlangt werden. Die Studenten sollen vielmehr aus freien Stücken kommen, weil sie sich von der „inhaltlichen und didaktischen Qualität“ einen Vorteil für das weitere Studium oder nahende Prüfungen versprechen.

Dass Wissenschaftsministerin Schulze womöglich aufsichtsrechtlich gegen die „Verschulung“ an den NRW-Hochschulen vorgehen muss, ist nicht ohne Ironie. Im monatelangen Kampf um ihr Hochschulzukunftsgesetz war der Münsteraner SPD-Politikerin von den Rektoren stets vorgeworfen worden, die Freiheit von Forschung und Lehre abschaffen zu wollen. Es ging dabei offenbar nicht um die Freiheit der Studenten.