Merkel versucht’s, aber die Uhr tickt

München..  Das hatte sich der Republikaner aus Tennessee sicher anders vorstellt. Schneidig fragte Senator Bob Corker die deutsche Kanzlerin, ob man nicht endlich gemeinsam mit der militärischen Aufrüstung der ukrainischen Armee beginnen solle. Für Angela Merkel, mit allenfalls höflichem Beifall auf der Münchner Sicherheitskonferenz begrüßt, ein No-Go-Thema. „Militärisch ist dieser Konflikt nicht zu gewinnen. Mit noch mehr Waffen verschärfen wir die Situation. Siegen werden wir nur mit unseren Prinzipien, unseren Werten von Freiheit und Frieden. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt.“

Eine Ohrfeige für Corker, für die republikanische Mehrheit im amerikanischen Kongress, die den demokratischen Präsidenten Barack Obama und die europäischen Nato-Partner zuletzt immer lautstärker zur Waffenhilfe für die desolate ukrainische Armee aufforderte. In München waren sie in Mannschaftsstärke präsent, zwölf Senatoren und Kongressabgeordnete warben dort für ihre Haltung.

Schlagfertig, konziliant, aber zurückhaltend in ihren Prognosen präsentierte sich Angela Merkel an diesem herrlichen Wintersamstag in Bayerns Metropole. Dabei stand die 60-Jährige am Samstagmorgen erst mittendrin in ihrem „Mammut-Wochenende“, wie es Konferenzleiter Wolfgang Ischinger bezeichnete. Kiew – Berlin, Berlin – Moskau, Moskau – Berlin – München, München – Berlin lauteten die Flugrouten seit Donnerstag, gestern kam die Langstrecke Berlin – Washington dazu. Danach über den Atlantik zurück Richtung weißrussische Hauptstadt Minsk.

Ein Mammut-Programm für den Frieden? Zumindest die Hoffnung auf ein Ende des Blutvergießens in der Ukraine hat Merkel noch nicht aufgegeben. Doch mit Garantien konnte oder wollte sie ihren vorsichtigen Optimismus nicht untermauern. Ja, ihre und Hollandes Gespräche mit Putin seien konstruktiv gewesen, den neuen Anlauf zur Zusammenarbeit sei man auch den Menschen in der Ukraine schuldig. Aber Garantien? „Man muss es immer und immer wieder versuchen und nicht in Resignation verharren. Und natürlich hoffe ich, dass sich unsere russischen Gesprächspartner auch daran halten, was wir besprochen haben.“ Die Uhr tickt, die Zeit läuft allen Beteiligten davon.

Auch Angela Merkel natürlich, die in München mal wieder in ihrer Paraderolle als Europas Krisen-Diplomatin Nr. 1 auftrat. Auch die zehnte Frage nach Waffenlieferungen an Kiew konnte sie nicht aus der Reserve locken: „Wir sollten uns auf andere Dinge konzentrieren.“

Dennoch, die Zweifler an den angeblich einlenkenden Absichten Wladimir Putins konnte sie nicht überzeugen. Lindsey Graham aus Massachusetts etwa attackierte mit einer für die Konferenzatmosphäre ungewöhnlichen Schärfe die Bundeskanzlerin: „Wie können Sie denen glauben, die Ihnen ins Gesicht lügen? Die sich an nichts halten, was verabredet worden ist. Das ist falsch und wird nichts bringen.“ Live konnte Merkel die Tirade des US-Senators nicht mehr verfolgen, sie hatte die Konferenz bereits verlassen. Aber erfahren davon hat sie garantiert. Und wird Barack Obama heute bestimmt sagen, was sie davon hält.

Auch Petro Poroschenko, von Merkel nicht mit Küsschen begrüßt, zog in München alle Register. Mit angeblichen Pässen russischer Soldaten wedelnd – sie sollen der Beweis für die aktive Teilnahme Russlands in den Kämpfen um Donezk und Lugansk sein – warb er mit sich überschlagender Stimme für militärische Unterstützung. Direkte Gespräche mit den Separatisten? Poroschenko: Niemals!

Später, nach der Vierer-Telefonkonferenz, klang das schon wieder anders: Er sei bereit für eine bedingungslose und vollständige Waffenruhe. Ohne mit der anderen Seite darüber zu verhandeln, wird dies nicht gelingen.

Die Uhr tickt.