Mehr als jeder Siebte in Deutschland von Armut betroffen

In ganz Deutschland galt 2015 mehr als jeder Siebte (15,7 Prozent) als arm, ein Prozentpunkt mehr als vor zehn Jahren.
In ganz Deutschland galt 2015 mehr als jeder Siebte (15,7 Prozent) als arm, ein Prozentpunkt mehr als vor zehn Jahren.
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Vor allem im Westen sind mehr Menschen von Armut bedroht als früher. Die Deutschen unterschätzen zudem Erfolge in der Armutsbekämpfung.

Wiesbaden/Berlin.. Von Armut sind im Westen Deutschlands mehr Menschen bedroht als vor zehn Jahren. Im Osten ist die sogenannte Armutsgefährdungsquote dagegen gesunken – allerdings auf höherem Niveau und mit Ausnahme von Berlin. In ganz Deutschland galt 2015 mehr als jeder Siebte (15,7 Prozent) als arm, ein Prozentpunkt mehr als 2005, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag mitteilte.

In den alten Bundesländern waren insgesamt 14,7 Prozent der Menschen von Armut und Ausgrenzung betroffen – das waren 1,5 Punkte mehr als 2005. In den neuen Bundesländern – mit Berlin – sank die Quote im gleichen Zeitraum um 0,7 Prozentpunkte auf 19,7 Prozent, traf also noch immer fast jeden Fünften.

Bremen und Berlin schnitten am schlechtesten ab

In der Hauptstadt stieg die Quote jedoch um 2,7 Prozentpunkte auf 22,4 Prozent. Am schlechtesten schnitt allerdings Bremen ab, wo fast jeder Vierte (24,8 Prozent) als arm gilt. Den drittschlechtesten Platz nach Bremen und Berlin belegt Mecklenburg-Vorpommern (21,7 Prozent).

Den stärksten Anstieg des Armutsrisikos verzeichnete Nordrhein-Westfalen im Zehn-Jahres-Vergleich mit 3,1 Prozentpunkten auf 17,5 Prozent. Überdurchschnittlich hoch war er auch in Berlin (plus 2,7 Punkte) und Bremen (plus 2,5 Punkte). Der Rückgang war am stärksten in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (je 2,4 Punkte minus).

Im Süden nur jeder Zehnte arm

Von Armut bedroht gilt nach dieser Statistik, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im Bundesdurchschnitt zur Verfügung hat. Die Erhebung basiert auf der jährlichen Volksbefragung Mikrozensus.

In Bayern (11,6 Prozent) und Baden-Württemberg (11,8 Prozent) ist dagegen gut jeder Zehnte von Armut bedroht. Auf Platz drei rangiert Hessen (14,4 Prozent).

Hamburg ist das einzige westliche Bundesland, in dem nicht mehr Menschen von Armut bedroht sind als 2005. Der Anteil betrug in beiden Jahren 15,7 Prozent und liegt damit exakt auf dem aktuellen Bundesdurchschnitt von 2015. Zwischendurch war er allerdings gesunken auf 13,1 Prozent im Jahr 2008.

Deutsche glauben nicht an Erfolge bei Armutsbekämpfung

Im Kampf gegen die Armut in der Welt bleiben die Erfolge derweil von vielen Menschen und besonders von Deutschen weitgehend unbemerkt. Weltweit glaubt jeder Zweite (48 Prozent) auch nicht, dass sein persönliches Engagement zur Überwindung der extremen Armut beitragen kann. Das geht aus einer Umfrage des niederländischen Forschungsinstituts Motivaction hervor, die die Entwicklungsorganisation Oxfam am Donnerstag in Berlin vorstellte.

Dass die Zahl der Menschen in extremer Armut in den vergangenen 20 Jahren weltweit um die Hälfte verringert werden konnte, wissen nur 0,5 Prozent der Deutschen. 92 Prozent der Deutschen gehen vielmehr fälschlicherweise davon aus, dass die Armut gleich geblieben oder sogar gestiegen ist. Sieben Prozent vermuten, die Armut sei nur um 25 Prozent gesunken, berichtete Oxfam aus der Studie, die von der Bill und Melinda Gates-Stiftung finanziert wurde. Tatsächlich aber habe sich die Armut halbiert. (dpa)