Mächtig und hilflos - Merkel in Tagen zwischen Krieg und Frieden

Ankuft in Ottawa: Zuvor hatte Bundeskanzlerin Merkel mit US-Präsident Barack Obama in Washington über die Ukraine-Krise verhandelt. Am Dinestag  zurück nach Berlin, Mittwoch steht Minsk auf dem Reiseplan.
Ankuft in Ottawa: Zuvor hatte Bundeskanzlerin Merkel mit US-Präsident Barack Obama in Washington über die Ukraine-Krise verhandelt. Am Dinestag zurück nach Berlin, Mittwoch steht Minsk auf dem Reiseplan.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Athener Schuldendrama und Ukraine-Konflikt: Angela Merkel hetzt um den Globus, um die Krisenherde zu bekämpfen und wird dabei notgedrungen zur Weltpolitikerin. Nur: Was hat sie Putin anzubieten?

Berlin.. Daheim sind sie alle voller Lob, angefangen bei Sigmar Gabriel, der an Angela Merkels Seite schnell einen schmelzenden Blick bekommt. Mutig sei ihre Mission; so nach Kiew, Moskau oder Minsk aufzubrechen, „ohne Netz und doppelten Boden“. Ohne Garantien. „Wir alle hoffen“, setzt der SPD-Chef an, dass ihre Initiative für Frieden „Erfolg hat“.

Es spitzt sich wieder alles zu, gefühlt am stärksten im Ukraine-Konflikt und noch drängender im griechischen Schuldendrama, weil bis zum 16. Februar eine Lösung gefunden werden muss. Über die Sisypha der Weltpolitik drängen sich vertraute Fragen auf: Wie sie den Stresstest dieser Tage aushält, und was sie wohl stärker empfinde, Macht oder Ohnmacht? Weder noch. Krisen geht Merkel meist als Geduldsproben an.

Bewusster als Macht oder Ohnmacht empfindet Merkel Zeitknappheit

Ihre vielleicht wichtigste Botschaft zuletzt in Washington war, dass die Ukraine-Krise ein „sehr langer Prozess“ wird. Bewusster als Macht oder Ohnmacht empfindet Merkel die Zeitknappheit. Und Zeit ist, genau betrachtet, was sie im Gespräch mit dem US-Präsidenten Barack Obama gewonnen hat: Zeit für Gespräche. Bis irgendwann der Punkt gekommen ist, an dem er Waffen liefern wird. Für ihn ist es eine Option - für sie nicht. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Wladimir Putin so beeindruckt wäre, „dass er glaubt, militärisch zu verlieren“. Darin unterscheidet sie sich von Obama: Sie ist näher dran. An Russland.

Berlin und das mittwöchliche Kabinett sind in dieser Woche ein Boxenstopp zwischen Kiew, Moskau, München, Washington, Ottawa, Minsk oder Brüssel, wo morgen wieder ein EU-Rat ansteht. Mittags war Merkel gestern zu Hause, umziehen, frisch machen, kurz die Beine hochlegen. Sie hat eine robuste Physis und die Fähigkeit, wie auf Knopfdruck ein Erfrischungsnickerchen einzulegen. Andernfalls wäre das mörderische Pensum nicht auszuhalten. Natürlich genießt sie auch die bestmögliche Versorgung: Ein Bett im Flieger, eine Betreuerin, die Butler, Visagistin und Mädchen für alles ist, auf Reisen ein Notarzt und natürlich ein Apparat, der rund um die Uhr bereitsteht.

Was hat sie Putin anzubieten?

Dass Merkel zu einer Weltpolitikerin (Handelsblatt) geworden ist – nicht nur, weil Deutschland turnusgemäß der G-7-Vorsitz zufällt – steht außer Frage; daheim ebenso auch ihre Erfolgsbilanz. Es sind wie auf der Münchner Sicherheitskonferenz vornehmlich Gäste, die es wagen, Kritik an ihrer Führungskunst zu üben. Warum sie weiter auf Putin setzt, der sie oft enttäuscht habe? Oder welche Opfer sie der Ukraine zumutet, deren Aufrüstung Merkel bisher zu verhindern gewusst hat?

Ukraine-Krise Putin jedenfalls wirkt alles andere als zermürbt. Er hat einen Plan, den er unbeeindruckt von allen Sanktionen verfolgt und der faktisch zur Teilung der Ukraine geführt hat. Merkel will weder eine militärische Lösung noch Russland den Bruch des Völkerrechts durchgehen lassen. Sie will eine Einigung, aber sich auch nicht mit den Separatisten an einen Tisch setzen. Warum sollte Putin einen Konflikt erst auf die Spitze treiben, um am Ende die territoriale Integrität und die Souveränität der Ukraine zu respektieren? Es ist nicht klar, was sie ihm anzubieten hat.

Bisher eher Rückschläge

Bisher überwiegen die Rückschläge, auch in der Griechenland-Krise, wo Deutschland für über 70 Milliarden Euro an Krediten bürgt. Wenn die Troika-Politik der EU scheitere, scheitere auch Merkel, „denn es ist ihre Politik“, gibt Linksfraktionschef Gregor Gysi zu bedenken. „Das kann sehr eng für Frau Merkel werden.“

Schuldenkrise In der Griechenland-Politik wiederholt sich ein Muster: Keine Radikallösung. Merkel will weder die Griechen aus dem Euro-Raum drängen noch ihnen die Schulden erlassen. Sisyphoshaft nimmt sie nach jedem Fehlschlag den nächsten Verhandlungsversuch in Angriff; als ob der Erfolg nur eine Frage von Zeit, Aufwand und fairem Interessenausgleich wäre. Sie ist dabei mit sich im Reinen.

Putin und Tsipras aber auch. Für sie geht es um Nationalstolz, um verletzte Gefühle, um Abwehrreflexe. Sie sind Stimmungspolitiker. Angela Merkel hat einmal die Frage beantwortet, was sie in ihrer Position stärker empfinde. Es war nicht Macht. Oder Ohnmacht. Vielmehr „die ständige Aufforderung, Probleme zu lösen“. Von Stimmungen hat sie nicht geredet.