Loch an Loch - So mies sind die Straßen an Rhein und Ruhr

Notdürftige Reparatur: Viele Straßen in NRW sind stark geschädigt.
Notdürftige Reparatur: Viele Straßen in NRW sind stark geschädigt.
Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool (Archiv)
Was wir bereits wissen
Löcher, Buckel, Risse – immer mehr Straßen an Rhein und Ruhr verkommen. Im Sauerland pflanzten Politiker vor vier Jahren einen Baum in ein Schlagloch. Die Aktion war witzig, genützt hat sie nicht. Die Löcher sind immer noch da. Für die städtischen Straßen fehlen im Jahr fast drei Milliarden Euro.

Essen.. Nicht nur die Autobahnbrücken in NRW machen Probleme, auch viele Landesstraßen und kommunale Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Wirtschaftsförderer beklagen bereits einen massiven Standortnachteil für die NRW-Wirtschaft durch zahlreiche Engstellen und Sperrungen. Zudem werde die Mobilität der Bürger immer weiter beeinträchtigt, klagt der Städte- und Gemeindebund NRW und fordert staatliche Hilfe für regionale Verkehrswege: „Den Straßen in den Kommunen droht der Kollaps.“

Manche Gewerbegebiete seien nur noch über Umwege zu erreichen, sagt Roland Thomas, Verkehrsexperte beim Städtebund. Das schränke die Leistungsfähigkeit der Wirtschaftsbetrieb ein. Von 15 000 Brücken in den Städten müsse ein gutes Drittel mit einem geschätzten Aufwand von 500 Millionen Euro saniert werden. Wenn dieses Geld nicht fließe, müssten die Straßen gesperrt werden. Die Folge: „Das Verkehrsnetz auch für den wichtigen Güterverkehr wird massiv ausgedünnt“, sagte Thomas der WAZ.

Allein für Brücken und Autobahnen fehlen 4,5 Milliarden

Schlaglochaktion Die benötigten Summen, um lediglich den Status Quo des Verkehrsnetzes zu erhalten, sind gewaltig. Für die Sanierung der Bundesfernstraßen und Brücken in NRW sind nach Angaben des Verkehrsministeriums 4,5 Milliarden Euro nötig. Um allein die Landesstraßen in einem annehmbaren Zustand zu erhalten, seien jährlich 100 Millionen Euro erforderlich. Um sie auf den Stand von 2008 zu bringen, sogar 156 Millionen Euro. Darin seien die Kosten für die Brücken (650 Millionen Euro) noch gar nicht enthalten.

In den Kommunen sieht es kaum besser aus. Die Finanzlücke beziffert der Deutsche Städtetag hier auf bundesweit 2,7 Milliarden Euro pro Jahr. Hans-Heinrich Gerbrand vom Städtebund mahnt: „NRW drohen massive Nachteile. Es brennt der Baum.“ Peter Meintz vom ADAC Westfalen: „Je bedeutender die Straße ist, desto besser ist sie. Der Zustand der Autobahnen ist gut, der der Stadt-Straßen nicht.“ Das Ruhrgebiet schneide daher besonders schlecht ab.

Der Städtetag NRW wird heute im Landtag den dramatischen Straßen-Sanierungsstau beschreiben und seine Forderungen an Bund und Land vorstellen.

Haarsträubende Beispiele für schlechte Verkehrswege

Verkehr Löcher, Bodenwellen, Flickschusterei. Die Straßen im Ruhrgebiet, am Niederrhein und im Sauerland sind teilweise schon seit Jahren üble Schlaglochpisten. Während Autobahnen wegen ihrer bundesweiten Bedeutung in einem halbwegs guten Zustand gehalten werden, werden viele Landes- und städtische Straßen vernachlässigt.

Im März 2010 setzte der Vorstand der CDU-Ortsunion Kirchhundem-Heinsberg ein Zeichen: Die Politiker pflanzten an der Ortsdurchgangsstraße eine Fichte in ein Schlagloch. Das Bäumchen wurde kurz darauf wieder entfernt, aber die Löcher blieben. Bis heute!

Kein Einzelfall. Es gibt haarsträubende Beispiele für Verkehrswege, die man so eher in Entwicklungsländern vermuten würde. Den Zustand der Laupendahler Landstraße zwischen Essen-Kettwig und -Werden nennen viele Beobachter desolat. Einzige Gegenmaßnahme bisher: ein Tempolimit. Die Wertherbrucher Straße (L459) in Rees-Haldern vom Ortsausgang Haldern aus hat seit sieben Jahren Risse und Löcher, die immer tiefer werden. Bodenwellen nerven Fahrer auf der B236 zwischen Dortmund und Lünen. Brigitte Fischer (78) aus Bochum klammert sich im Bus durch Wiemelhausen immer an den Haltegriffen fest. So sehr schüttelt die Buckelpiste dort jedes Fahrzeug durch.

Die schlechteste Straße

Im Frühjahr kürte die IHK Arnsberg die L519 zwischen Sundern-Hachen und Sundern zur „schlechtesten Straße im Hochsauerlandkreis“. Kandidaten für solche Schmähtitel sind auch die Schulstraße in Duisburg-Baerl, die Wilhelminenstraße in Gelsenkirchen, die Obergrabenbrücke an der B226 von Wetter nach Hagen, der Hüingser Ring in Menden, der Ginsterweg an der Grenze Gelsenkirchen/Herne, die Pferdebachstraße in Witten und – welch ein Name! – die Stolper Straße in Mülheim.

Ein Radler aus Essen erzählt: „Ohne anständige Federung ist die Emmastraße in Rüttenscheid – immerhin eine Fahrradstraße – kein Vergnügen. Kaum zwei Meter kommt der Radler voran, ohne von einem Schlagloch ins nächste zu plumpsen.“ Von den richtig großen Baustellen ganz zu schweigen: Das Projekt Erneuerung der A40-Rheinbrücke bei Duisburg dürfte Hunderte Millionen Euro kosten.

Tiefe Finanzlücken - tiefe Löcher im Asphalt

Fast drei Milliarden Euro tief ist die Finanzlücke jedes Jahr alleine bei den städtischen Straßen in Deutschland, rechnet der Deutsche Städtetag vor. Und bei den Landesstraßen in NRW erkennt Bernhard Schemmer, verkehrspolitischer Sprecher der Union im Landtag, ebenfalls eine Lücke. „In den Neubau von Landesstraßen investiert NRW heute nicht mal die Hälfte dessen, was 2009 ausgegeben wurde. Wenn wir das Geld für Neubau und Erhalt von Landesstraßen betrachten, ist das immer noch zehn Prozent weniger als 2009.“ Das NRW-Verkehrsministerium beziffert den Nachholbedarf bei Landesstraßen auf 510 Millionen Euro. Rund 45 Prozent der Straßen seien in einem „schlechten bis sehr schlechten Gesamtzustand“. Laut Schemmer beschäftigt NRW heute viel weniger Planer beim Landesbetrieb Straßen NRW als vor vier Jahren. Die versprochene Neu-Einstellung von 20 Ingenieuren lasse auf sich warten.

Miese Straßen bremsen die Wirtschaft aus

Verkehrsplanung Reiner Breuer, Verkehrsexperte der SPD-Landtagsfraktion, nennt den Zustand der kommunalen Straßen und Brücken „zum Teil dramatisch“. Die SPD habe erreicht, dass die Mittel des Bundes nach dem Entflechtungsgesetz – 130 Millionen Euro im Jahr für NRW – bis 2019 weiter fließen und hier für den kommunalen Straßenbau eingesetzt werden können. Breuer denkt darüber nach, die Städte an den Einnahmen einer Ausweitung der Lkw-Maut zu beteiligen. „Weil schließlich auch der Lkw die höchsten Belastungen der kommunalen Straßen verursacht.“

Doch es ist nicht nur ärgerlich, wenn Bürger über Schlaglöcher rattern oder Lkw wegen gesperrter Brücken Umwege fahren müssen. „Gerade für die heimische Wirtschaft ist es fatal, dass die Infrastruktur immer schlechter wird“, sagt Roland Thomas, Verkehrsexperte des Städte- und Gemeindebunds NRW, dieser Zeitung.