Linke nennt Schulkonsens „einfach nur irre“
20.07.2011 | 16:27 Uhr 2011-07-20T16:27:00+0200Düsseldorf. Die von SPD, Grünen und CDU geplanten Änderungen im Schulsystem stoßen bei der Opposition im NRW-Landtag auf massive Kritik. Die FDP warnt vor „Einheitsunterricht“, unter dem alle Kinder litten. Rot-Grün und die Union verteidigten den Schulkonsens.
Der Schulkonsens von Rot-Grün und CDU in NRW fällt bei FDP und Linken durch. „Die CDU wird sich eines Tages sagen lassen müssen, dass sie der Einheitsschule mit den Weg bereitet hat“, sagte der FDP-Fraktionsvorsitzende Gerhard Papke am Mittwoch im Düsseldorfer Landtag. Landesregierung und Christdemokraten verteidigten dagegen das ausgehandelte Bildungspaket.
Unter dem „Einheitsunterricht“ in den Klassen 5 und 6 würden „alle Kinder leiden“, warnte der Liberale Papke. Es drohe eine „chaotische Unübersichtlichkeit“. Funktionierende Realschulen und Gymnasien würden von der geplanten Sekundarschule „kannibalisiert“.
Die Linke-Bildungsexpertin Gunhild Böth sprach von einer „Frechheit gegenüber dem Parlament“, da der Landtag von den neuen Schulplänen nur aus der Presse erfahren habe. Der Kompromiss fördere den Streit in den Kommunen. „Das wird noch ein schönes Chaos geben.“ Das Festhalten am gegliederten Schulsystem bezeichnete Böth als „reaktionär“. Dies sei „ein Rückfall ins 19. Jahrhundert“.
Linke empört über Rot-Grün
Sozialdemokraten und Grünen hätten ihre Wahlversprechen gebrochen, rügte Linke-Fraktionschefin Bärbel Beuermann. Statt einer Schule für alle Kinder gebe es einen „feigen und perfiden“ Kompromiss. Leider bleibe es bei einer Aufteilung der Schüler. „Für den Pöbel“ gebe es „kein Abi“, sagte Beuermann sarkastisch. Das als große Reform verkaufte Ergebnis sei „einfach nur irre“.
Rot-Grün und CDU hatten sich am Dienstag darauf geeinigt, 2012 eine sogenannte Sekundarschule für die Klassen 5 bis 10 mit gymnasialen Standards einzuführen . Das gegliederte Schulsystem bleibt bestehen. Die Garantie der Hauptschule in der Verfassung fällt aber weg. Bis 2023 soll das Schulsystem unangetastet bleiben. Damit soll der jahrzehntelange NRW-Schulkonflikt enden.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) reagierte gelassen auf die Kritik der beiden kleinen Oppositionsfraktionen. Da die Linkspartei sage, die CDU habe sich durchgesetzt und die FDP sage, Rot-Grün habe sich durchgesetzt, sei offenbar ein guter Kompromiss gefunden worden. Kraft hob die Gesprächsbereitschaft gegenüber FDP und Linken hervor. Sie freue sich auf „lebhafte Debatten“ zur Schulpolitik.
Ein „ehrlicher und tragfähiger Kompromiss“
Der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl-Josef Laumann sprach von einem „ehrlichen und tragfähigen Kompromiss“. Ziel sei nun ein „regionaler Konsens“, um den Wettbewerb der Kommunen angesichts sinkender Schülerzahlen zu beenden. Die Einigung bedeute auch eine „Stärkung des Parlamentarismus“, sagte der Christdemokrat.
SPD-Fraktionschef Norbert Römer lobte „die konstruktive Rolle der NRW-CDU“. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Reiner Priggen nannte das Konzept „fair und in der Sache vernünftig“. Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte: „Die Zeit war reif für einen solchen Kompromiss.“
Unterstützung bekamen die „rot-grün-schwarzen“ Schulreformer von den Kommunen. „Dieser Schulkonsens ist wirklich historisch zu nennen“, sagte der Landesvorsitzende des Städtetages, der Wuppertaler Oberbürgermeister Peter Jung (CDU). Die Kommunen bekämen Planungssicherheit für ihre Schulentwicklung.
Keine Abstimmung über Entschließungsantrag
Ein Entschließungsantrag von Rot-Grün und CDU wurde in der Landtagssitzung überraschend ohne Abstimmung an die Ausschüsse überwiesen. Nach der Sommerpause wollen die rot-grüne Minderheitsregierung und die CDU konkrete Gesetzentwürfe zur Novellierung des Schulgesetzes und zur Änderung der Verfassung in den Landtag einbringen.
Die Durchsetzung gilt als sicher. Rot-Grün und CDU stellen 157 der 181 Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag. Für die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit reichen 121 Stimmen. (dapd)

13:54
@ wutmuelheimer
In den anderen Punkten bzgl. der Durchlässigkeit unseres gegliederten Schulsystems gebe ich Ihnen ja vollkommen recht.
Das untere Drittel der Grundschule geht zur Hauptschule, wenn die Eltern vernünftig entscheiden. Dort - und nur dort - könnten sie gezielt auf ihre Schwächen bezogen gefördert werden. Allerdings, wie MutterTheresa richtig sagt, spart die Politik diese Schulform kaputt.
Für die neue Schulform sollen jetzt die Richtzahlen abgesenkt werden - verlogener geht es schon nicht mehr.
Ich war übrigens fast 40 Jahre Lehrer an einer Hauptschule und bin froh, dass ich diese ewige Herumdokterei wissensfreier Politiker an der Schule nicht mehr aktiv unterstützen muss.
11:22
Tatter 51, sie haben Recht. Gut war früher mal erforderlich, jetzt ist es also noch leichter, und die Berechtigung zur Fachoberschule (mit anschl. Studium) ist wohl noch etwas leichter zu erwerben. Ich wolte nur aufzeigen, dass das Gequatsche von den schlechten Chancen einfach Unsinn ist.
07:11
„..Linke nennt Schulkonsens „einfach nur irre“..“
ist ja auch nicht vom Gedanken gemeinschaftlichen Lernens und Chancengleichheit, nicht von Reformpädagogik und wirtschaftlicher Vernunft getragen, sondern ein „Kompromisst“ mit der CDU.
Ja, und bei sowas ist immer besseres denkbar.
00:47
Ich bin zwar der Meinung, daß in unserem Bildungssystem zuviel experimentiert wird! Trotzdem halte ich den erzielten Kompromiß für nicht schlecht. Insbesondere deshalb, weil die CDU jetzt mit im Boot ist. Mit dieser Gestaltungsmehrheit kann man im Landtag was erreichen! Und für FDP-Papke habe ich nur folgenden Tip: Suchen Sie sich eine richtige Arbeit! Denn im NRW-Landtag werden Sie und Ihre Leute demnächst nicht mehr vorhanden sein! Und das wäre wirklich mal eine gute Nachricht!
00:20
Man kann ja reden, wie man will, aber dass es mit der Durchlässigkeit unseres Schulsystems nicht weit her ist, wird uns immer wieder bestätigt.
Verlierer sind z.B. die, die Spätentwickler sind. Wer mit 9/10 Jahren noch nicht so weit ist, landet eben auf der Hauptschule. Und der Weg von dort bis zum Abi ist in der Praxis kaum gangbar.
Man muss ja auch sehen, dass die Leitfiguren fehlen, an denen man sich orientieren kann. Schwache Schüler können sich an anderen schwachen Schülern nicht aufrichten. Das ist das Hauptargument gegen die frühe Selektion.
@MutterTheresa
Wenn Sie wirklich Hauptschullehrerin sind, sollten Sie sich bewusst machen, dass die meisten nur deshalb für den Erhalt der Haupptschule sind, weil Sie Ihre Schüler nicht an einer anderen Schule haben wollen.
00:02
@16 prorevier
Richtig, das will aber niemand wissen.
Es wird behauptet, dass der Bildungserfolg im dreigliedrigen Schulsystem von der sozialen Herkunft abhängt und nur ein eingliedriges Schulsystem dieses verhindern könnte. Ähnlich ist auch die Auffassung der OECD.
Was ist aber in Ländern mit eingliedrigem Schulsystem wirklich los? Z.B. in England oder den USA geben Eltern jährlich bis zu 5-stelligen Summen für Nachhilfe aus... Und das soll Bildungserfolg unabhängig der sozialen Herkunft sein?
Ich schließe mich an. So etwas passt nicht ins Ideolgiekonzept. Ich verstehe diese Ideologie nicht. Es sieht so aus, als ob jeder sieht, dass der Kaiser nackt ist, aber jeder bejubelt seine schönen Kleider. Ein Blick nach Berlin müsste doch eigentlich auch schon ausreichen.
23:23
Die Behauptung, dass es für den Pöbel kein Abi gebe, weil das gemeinsame Lernen verhindert wird widerspricht der Pisa-Studie.
Hier wurden die Ergebnisse von Schülern aus unterschiedlicher sozialer Herkunft in den verschiedenen Schulformen getestet.
Überragend waren die Ergebnisse der Gymnasien. Soziale Herkunft spielte die geringste Rolle, es zählte nur die Leistung. Abgeschlagenes Schlußlicht waren die Gesamtschulen. Hier bestimmte die soziale Herkunft überdeutlich ein gutes oder schlechtes Abschneiden. Das passt aber wohl vielen nicht ins Ideologiekonzept.
20:45
Die Meinung der FDP ist doch gar nicht mehr gefragt. Diese diverse Partei braucht keiner mehr. Endlich haben die Bürger die Klientelpolitik der FDP erkannt. Jetzt ist sie mausetot.
19:55
Linke-Bildungsexpertin Gunhild Böth - ist doch die Frau, die so gebildet ist, dass sie meint:
„ Wenn man sich anguckt, aus welchen Trümmern sozusagen die DDR und mit welchen Reparationszahlungen die auch sehr demokratisch und auch sehr antifaschistisch eine neue Republik aufgebaut haben, dann muss man sagen, finde ich das sehr beeindruckend
Quelle: Wikipedia
Also da muss man sich schon fragen, wie es um deren geschichtliche Bildung so bestellt ist... Gut, dass solche Leute keine wirkliche Regierungsverantwortung für unser Land tragen!
19:12
@Tatter51
Stimmt, aber auch wenn er mit der Gesamtnote gut nicht richtig lag, ändert es nichts daran, dass sein Kommentar davon abgesehen richtig ist.