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Politik

Laschet und Röttgen scheuen das Risiko

16.08.2010 | 21:56 Uhr

Das Zauberwort moderner Großparteien heißt Geschlossenheit. Weil die Wähler keinen Streit mögen und der Nachrichtenbetrieb pausenlos nach Wortmeldungen giert, gilt die geräuschlos erarbeitete Paketlösung für Personal-, Sach- und sonstige Fragen in­zwischen als Wert an sich.

Vor lauter Ge­schlossenheit sind die obersten Parteizirkel zu geschlossenen Gesellschaften geworden. So herrschte dieser Tage in der Führung der NRW-CDU stilles Entsetzen, als der Generalsekretär Andreas Krautscheid einmal vorrechnete, dass man mit Hilfe aller Funktionäre, Gliederungen und Postverteiler maximal 5000 der 160 000 Christdemokraten an Rhein und Ruhr erreiche. Der Kontakt zur Masse der Mitglieder be­schränkt sich auf Ge­burtstagsgrüße. Die größte Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland musste sich eingestehen, ihr wichtigstes Kapital, die breite Verankerung im Alltag normaler Leute, sträflich zu vernachlässigen.

Ein Mitgliederentscheid über den kommenden Landesvorsitzenden der CDU gilt deshalb als gute Idee, um die Basis in einer relevanten Frage zu beteiligen. Nach dem Ab­sturz bei der Landtagswahl im Mai tut Aktivierung Not. Doch den Aspiranten auf das Erbe von Jürgen Rüttgers, Ex-Familienminister Armin Laschet und Bundesumweltminister Norbert Röttgen, scheint der Kampf mit offenem Visier nicht geheuer. Laschet wird von gehässigen „Parteifreunden“ als Mediendarling und Ehrgeizling charakterisiert, weil er es wagte, sein Interesse am Chefposten in der politischen Sommerpause anzumelden. Der wendige Aachener lotete bis zuletzt aus, wie sich eine Auseinandersetzung, bei der er „beschädigt“ werden könnte, vermeiden ließe. Röttgen zögert derweil, weil sich der scharfsinnige Analytiker mit Kabinettsrang offenbar keine Niederlage einhandeln und schon gar nicht mit Haut und Haaren der Landespolitik verschreiben mag.

Laschet und Röttgen, beides Mittvierziger, gehörten zur Politiker-Generation der Rückversicherer, lästert ein Parteifreund. Risikobereitschaft, Unbedingtheit, Härte seien für diese Pragmatiker der Macht nicht kennzeichnend. Der altersweise Vortragsreisende Joschka Fischer hat einmal geraunt, die dünne Luft der politischen Achttausender vertrügen nur wenige. Helmut Kohl erklomm sie mit Kühnheit und Willensstärke. Gerhard Schröder rüttelte nicht nur am Kanzleramtszaun, sondern nahm in allen Weggabelungen seiner Karriere wenig Rücksicht auf Ver­luste. Selbst Angela Merkels Aufstieg begann mit einem mutigen Zeitungsartikel. Der Landesvorsitz der NRW-CDU ist im Hochgebirge der Macht allenfalls ein Basislager. Wer aber Niederlage und Risiko scheut, sollte sich gar nicht erst auf den Weg machen.

Tobias Blasius

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