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Interview

Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün

24.08.2010 | 13:46 Uhr
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
Foto: Michael Kappeler/ddp

Berlin.Renate Künast von den Grünen legt sich im Atomstreit mit der Kanzlerin an und droht mit Verfassungsklage. Die Debatte um längere AKW-Laufzeiten offenbart die tiefer werdenden Gräben zwischen beiden Parteien.

Frau Künast, regiert zur Zeit RWE-Chef Großmann oder Bundeskanzlerin Merkel?

Künast: In der Tat eine Besorgnis erregende und offene Frage. Es sind auf jeden Fall Profitinteressen, die das Land regieren. Das sieht man an der Energiepolitik: Die Regierung lässt den künftigen Energiemix nicht wissenschaftlich ausrechnen anhand des Potenzials der erneuerbaren Energien. Stattdessen wird den Wissenschaftlern vorgegeben, welche Laufzeitszenarien sie berechnen müssen. Ein abgeschriebenes Kraftwerk erwirtschaftet am Tag eine Million Euro Profit.

Womöglich kommt keine Abgabe neben der Brennelementesteuer. Welche Folgen hat das?

Künast: Ursprünglich hieß es: Brennelementesteuer plus Abgabe für erneuerbare Energien. Jetzt wird rumgeeiert, mal Hü, mal Hott. Die Brennelementesteuer muss kommen, weil die Atomindustrie sonst ein horrendes Privileg behält. Kohle und Gas sind besteuert, Uran nicht.

Was sollten die Betreiber für längere Laufzeiten abgeben?

Künast: Es gibt für uns kein finanzielles Arrangement für eine Verlängerung. Ein solches Kopplungsgeschäft würden die Bürger mit Fug und Recht als unanständig empfinden.

Was erwarten Sie von Merkel?

Künast: Das Aus für die Verlängerungsidee...

... was nicht kommen wird...

Künast: Auf der einen Seite will Merkel die erneuerbaren Energien fördern, auf der anderen Seite lässt sie längere Laufzeiten durchrechnen. Wie soll man so etwas noch ernst nehmen? Ich erwarte, dass die Kanzlerin Energiepolitik für das Land macht und nicht am Gängelband der Konzerne hängt.

Im energiepolitischen Appell attackieren Topmanager die Brennelementesteuer. Auch Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs und Oliver Bierhoff. Dürfen sie das?

Künast: Jeder darf sich so gut blamieren wie er kann. Bei Herrn Fuchs ist das angewandtes Spaltungsirresein: Er weiß nicht, ob er auf Seiten der Politik oder der Industrie agieren soll. Und Herr Bierhoff sollte sich besser darum kümmern, wer Kapitän der Nationalelf ist statt sich vor den Karren der Atomlobby spannen zu lassen.

Streit gibt es um die Frage, ob der Bundesrat längeren Laufzeiten zustimmen muss.

Künast: Jede Verlängerung muss durch den Bundesrat, weil sie in die Zuständigkeit der Länder eingreift. Das Justizministerium hat errechnet, dass maximal zwei Jahre und vier Monate ohne Bundesrat möglich seien. Dieses Rechenmodell werden wir bei unserer Klage in Karlsruhe vorlegen. Denn bei einer Verlängerung der Laufzeiten werden wir vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Sehen Sie nach der Atomdebatte eine Chance für ein Schwarz-Grün im Bund?

Künast: Die Entfernung zur CDU wird täglich größer. Mit dieser Art des Regierens – wie ein Brummkreisel hin und her – wollen wir nichts zu tun haben. Sie ist weder demokratisch, noch transparent noch am Gemeinwohl orientiert.

Wie lange hält Schwarz-Gelb?

Künast: Spätestens wenn es Baden-Württemberg ein Wahldesaster für die Union gibt, ist dies der Anfang vom Ende der Kanzlerschaft Merkels.

Ist es für Sie nicht interessanter, auf ein Ende von Schwarz-Gelb zu setzen, als in Berlin im kommenden Jahr gegen den regierenden Bürgermeister Wowereit (SPD) anzutreten?

Künast: Man soll sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen.

Wann wollen Sie bekannt geben, ob Sie in Berlin kandidieren oder nicht?

Künast: Werden Sie nicht ungeduldig. Die Grünen erarbeiten jetzt ein Konzept für die ganze Stadt, danach gibt es Personalentscheidungen.

Verteidigungsminister zu Guttenberg baut die Bundeswehr um. Bleibt die kleinere Truppe schlagkräftig?

Künast: Guttenberg eiert bei der Wehrpflicht herum. Das ist nicht an der Sache orientiert. Nur weil die Konservativen in der Union nicht von der Wehrpflicht lassen können, müssen wir das Ausbildungspersonal für diejenigen bereithalten, die wir in komplizierten Einsätzen ohnehin nicht brauchen können. Denn in wenigen Monaten kann man keinen Soldaten richtig ausbilden. Dazu ist die Technik zu kompliziert und die Einsatzlage zu anspruchsvoll.

Trotz Verkleinerung der Armee muss der Minister Milliarden sparen. Wo?

Künast: Bei großen Aufträgen. Systeme und Geräte, die auf Landesverteidigung ausgerichtet sind, haben ihre Existenzberechtigung verloren. Wir brauchen heute keine schwere Artillerie oder eine Riesenflotte von Kampfpanzern mehr. Die bisherigen Beschaffungspraktiken nutzen mehr der Rüstungsindustrie als der Sicherheit. Wir müssen uns überlegen, welche Geräte wir brauchen, auch in der Abstimmung mit anderen Staaten. Mehr Effizienz durch europäische Absprachen ist möglich und nötig. Die Strukturen müssen schlanker und Dopplungen vermieden werden.

Künast will Bafög für Erwachsene

Wie sieht das grüne Bundeswehrkonzept aus?

Künast: Eine Bundeswehrreform, die diesen Namen verdient, geht nur mit dem Abschied von der allgemeinen Wehrpflicht, die übrigens mehr als 40.000 Stellen einspart. Wir setzen auf eine Mischung aus Berufssoldaten, Zeitsoldaten und Reservisten, jeweils Frauen und Männer, die wirklich qualifiziert werden können. Wir brauchen längere Ausbildungszeiten, weil das komplizierte technische Gerät dies heute erfordert. Über allem stellen wir den Vorrang für die zivile Bearbeitung von Konflikten, denn Militär kann nicht den Frieden selbst, sondern bestenfalls den Rahmen dafür schaffen.

Die SPD pocht auf einen späteren Einstieg in die Rente mit 67. Ein guter Kompromiss?

Künast: Es ist falsch, den Zeitplan in Frage zu stellen, weil über allem die Frage der Generationengerechtigkeit steht. Wir müssen jetzt vor allem die Beschäftigungsquote bei Älteren verbessern. Dazu brauchen wir eine andere Kultur in den Unternehmen.

Wie soll das gehen?

Künast: Ein Beispiel: Es gibt Betriebe, die über 40-Jährigen ein Fachhochschulstudium ermöglichen, wenn die sich im Gegenzug verpflichten, im Anschluss bei dem Unternehmen zu bleiben. Diese Qualifizierung älterer Arbeitnehmer könnten Bund und Länder durch ein Erwachsenen-Bafög unterstützen. Bei den Jobs bis 2000 Euro könnte der Staat Teile der Sozialversicherung übernehmen. Das schafft neue Arbeitsplätze.

Daniel Freudenreich

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Kommentare
05.09.2010
20:14
Blockierter Kommentar.
von mkui | #17

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

24.08.2010
21:53
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von feierabend | #16

Klar hat Fr.Künast Phantasie, übrigens eine äußerst positive Veranlagung, die einigen anderen Menschen absolut abhanden gekommen ist. Darum gibt es in Deutschland so gut wie keine Visionäre, entweder werden sie gemoppt, verjagt oder schlicht weg für lächerlich erklärt. Schade....
Visionäre in anderen Ländern veränderten unser Weltbild, Leben und Gesellschaft. Im übrigen übernahmen wir sehr gerne ihre Ideen....
Ich möchte doch zu gerne einmal wissen, wieso die gute alte Phantasie zu Hilfe geholt werden sollte, wenn es darum geht, zu erkennen, das in Deutschland die Profitgier herrscht....Dazu bedarf es lediglich realistisches Alltagsdenken.
Anatomisch gesehen haben wir alle ein und dasselbe Gehirn, vielleicht kommen die Ströme und Einflüsse lediglich bei jedem anders an.
Und wie soll das praktisch ausgesehen haben, dass die Grünen Arbeitsplätze vernichtet haben sollen? Sie gehen hin und übernehmen einfach nicht kritiklos jeden Mist, den Technik und Supermacht auf unseren Tisch wirft.
Soviel wieder einmal für demokratisches Verständnis etablierter Herrschaftsparteinen.
Mir macht die Tatsache, dass die Betreiber in privater Hand liegen sowieso ein wenig Angst - zumindest der Gedanke daran fördert Unbehagen.
Unser politisches Gesellschaftssystem ist gut, es hat Potential. Und was so schlimm daran, sozial gerecht zu denken und zu handeln anstatt kapitalistisch?
Hätte der Staat genügend Geld, könnte es auf derartige Streiterein pfeifen, aber nein, so muss er geldgierigen Energiekonzernen den Hintern wärmen.
Er muss sie hofieren, damit die Bürger im Winter nicht frieren.
Der Staat ist angewiesen auf Kapitalisten, damit er nicht Pleite geht.
Soviel über eine Gesellschaftsform, die allen gerecht werden will.
Wie kann er das ohne Kapital?
Ohne Macht?
Mit einer Macht, die gestützt ist auf kapitalistische Werte und Ansprüche?
Wie geht das ohne Unterstützung und Überzeugung einer breiten Bevölkerung, die aus dem machtkapitalistischen Denken herausfällt?
Sind wir dann alle links, rechts oder noch besser dumm?

24.08.2010
18:28
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von Ingrid.W | #15

derlgel:
Ich bin genau ihrer Meinung, aber das wir uns so gut von der Krise erholt haben, ist hauptsächlich Per Steinbrück als Finanzminister zu verdanken! Es war seine Arbeit die sogar von Frau Merkel voll unterstützt wurde. Steinbrück ist ein brillianter Politiker der auch meiner Meinung nach ein guter Bundeskanzler wäre, so wie Helmut Schmidt einer war!

24.08.2010
18:06
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von derIgel | #14

Naja. Um die Atomkraftwerke geht es ja eigentlich gar nicht. Ob die jetzt 10 Jahre mehr oder weniger am Netz bleiben was solls... Langfristig will ja jede Partei den Austieg aus der Atomenergie.

Ich denke die Grünen könnten schon mit der CDU. Genauso wie die CDU ja mit der SPD gut konnte. Wurden auch wirklich keine Reformen von Rot-Grün damals (die tatsächlich überfällig waren) von irgendeiner Regierungskoalition zurückgenommen. Weder von der GroKo noch von Schwarz/Gelb jetzt.

Schröder hatte damals wirklich Sachen angepackt, die sich vorher niemand traute anzupacken. Und wirklich erst mit jahrelanger Verzögerung wurden die Erfolge der Reformen sichtbar.

Deutschland ist doch relativ gut durch die Krise gekommen und hat jetzt einen Aufschwung in Wirtschaft und Arbeitsmarkt, auf den viele Länder neidisch drauf blicken.

24.08.2010
18:06
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von W.Erpel | #13

@5 rittercoconut:

Die wirklich wichtigen Fragen und Antworten nicht gelesen?

24.08.2010
17:46
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von Ingrid.W | #12

Das die Arbeitlosenzahlen jetzt so niedrig sind wie seit 20Jahren nicht mehr, ist der Regierung Schröder/Fischer zu verdanken! Die Reformen Agenda 2010 und Hartz4 haben dazu beigetragen. Wenn man Reformen einführt, dann ist das Ergebnis dieser Reformen ca 5Jahre später sichtbar. Wenn also hier einer erklärt das durch eine Beteiligung der Grünen im Bund mehr Arbeitslose entstanden sind, der hat keine Ahnung oder lügt!

24.08.2010
17:38
Blockierter Kommentar.
von Ingrid.W | #11

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

24.08.2010
16:40
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von hpg | #10

# 8

Sie sind nicht nur ördinär und beleidigend
sondern auch äußerst Dumm !!
Solche Kommentare wie von Ihnen sollte man verbieten.

24.08.2010
16:27
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von emmerlind | #9

Die Grünen würden bei einer Schwarz-Grünen Koalition sehr großen Schaden nehmen. Dann geht es so wie mit der toten FDP.

24.08.2010
15:42
Künast sieht kaum Chancen für Schwarz-Grün
von juergengojny | #8

Über die Nutzung der Atomkraft wäre eine Volksabstimmung angeraten. Die Angst der Öko-******** Künast und ihrer Konsorten dafür ließe sich energieeffizient nutzen, wenn man nur bei diesen Prachtexemplaren einen Kontaktgeber hinten hineinsteckt, wenn ihnen die Düse 1:10.000 geht.
By the way, in Neman, ehemals Ragnit wird ein neues Atomkraftwerk gebaut und man diesen Bezirk im Oblast Kaliningradskaja gleich zum Sperrgebiet erklärt. Wie praktisch meint

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