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Flucht-Drama

Warum Flüchtlingskinder möglichst rasch in die Kita sollen

02.09.2015 | 06:55 Uhr
Warum Flüchtlingskinder möglichst rasch in die Kita sollen
Ganze Familien aus dem Nahen Osten sind auf der Flucht nach Europa. Viele von ihnen haben Deutschland als Ziel. Die Kinder brauchen nach Ansicht von Experten besondere Betreuung.

Berlin.   Der Deutsche Städtebund macht sich Sorgen um die Schwächsten unter den Menschen, die zu uns kommen: Sie "brauchen einen geordneten Tagesablauf.“

Sie sind die Schwächsten unter den Flüchtlingen und brauchen besonders viel Schutz und Fürsorge: Experten mahnen dringend, sich besser um die Kinder in den Erstaufnahmestellen und Flüchtlingsunterkünften zu kümmern. Der Städte- und Gemeindebund fordert dazu mehr Betreuungsplätze für Flüchtlingskinder in den Kitas und den Einsatz von gut ausgebildeten Flüchtlingen als Hilfskräfte. Probleme gibt es aber auch bei der ärztlichen Versorgung in den Auffangeinrichtungen und beim Schutz vor sexuellem Missbrauch.

Frei werdende Millionen aus dem Betreuungsgeld sollen in den Kita-Ausbau

„Flüchtlingskinder, die noch nicht schulreif sind, sollten eine Kita besuchen“, sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, dieser Zeitung. „Die Kinder brauchen einen geordneten Tagesablauf.“ Der Druck auf den Ausbau der Kinderbetreuung werde dadurch zwar größer - aber immerhin gebe es auch neue Geldquellen: Es sei wichtig, „dass die frei werdenden Millionen aus dem Betreuungsgeld in den Kita-Ausbau fließen“.

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Der Gedanke dahinter: Gute Integration beginnt nicht erst beim Schulbesuch, sondern schon bei den ganz Kleinen. „Wir brauchen neue Gruppen, wir brauchen Erzieherinnen und Erzieher, die den kulturellen Hintergrund kennen“, fordert Landsberg. Und Mut zu neuen Lösungen: Unter den Flüchtlingen gebe es Lehrer und andere ausgebildete Fachkräfte, die etwa in Syrien schon mit Kindern gearbeitet hätten. „Diese Leute kann man durchaus als Hilfskräfte einsetzen.“ Am Anfang sei es vernünftig, für die Kinder in den Auffangeinrichtungen eigene Kita-Gruppen zu öffnen. „Aber wenn die Familien in die Kommunen kommen, sollten die Kinder in den ganz normalen Kita-Betrieb mit aufgenommen werden – auch wenn das schwer wird“, so Landsberg. Der Bedarf sei groß: Die Flüchtlingsfamilien wollten, dass ihre Kinder in Kitas und Schu len gehen - „keiner lernt so schnell eine neue Sprache wie Kinder“. Nach dem Willen der SPD-Minister in der Großen Koalition sollen rund 4000 Kitas bundesweit zusätzliches Personal bekommen, um Flüchtlingskinder zu unterstützen.

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Fachleute mahnen zudem, die Kinder in ihrem oft noch ungeregelten Alltag im Blick zu behalten: „Flüchtlingskinder sind besonders gefährdet, Opfer sexueller Übergriffe zu werden“, warnt Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung. „Erwachsene und Kinder wohnen in Großunterkünften auf engstem Raum; Intimität, Rückzugsorte, Sprachvermittlung und Kultursensibilität sind vielfach nicht gewährleistet.“ Schutzkonzepte fehlten oft ganz: „Für Täter bieten sich dadurch viele Gelegenheiten, Nähe zu Flüchtlingskindern herzustellen.“ Gerade dann, wenn die Kinder durch traumatische Erlebnisse und den Verlust ihres vertrauten Umfelds psychisch instabil seien.

Übergriffe könnten sowohl vom Personal als auch von Bewohnern oder anderen Jugendlichen ausgehen – aber auch von Betreuern oder Paten, die schulische Unterstützung oder Freizeitaktivitäten anbieten. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses müsse für alle Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen gelten.

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Unklar ist in der Regel auch der Impfstatus der Kinder: „Um eine vernünftige Erstversorgung der Flüchtlinge und ihrer Kinder sicherzustellen, müsste es im Schnitt in den bundesweit 400 Gesundheitsämtern mindestens jeweils eine Stelle mehr geben“, fordert Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes gegenüber dieser Zeitung. „Im Prinzip müsste es in jeder Einrichtung eine feste ärztliche Betreuung geben. Eine Art Hausarzt für die Flüchtlinge.“

Doch davon sind die meisten Kommunen weit entfernt, der Öffentliche Gesundheitsdienst hat ein massives Personalproblem: „In den letzten 18 Jahren ist ein Drittel der Arztstellen in den Gesundheitsämtern gestrichen worden.“ Um die wachsende Zahl der Flüchtlinge bei der Erstaufnahme gesundheitlich zu betreuen, reichten die bundesweit 2800 Amtsärzte bei weitem nicht aus, so Teichert.

Bei der Erstaufnahme gibt es keine verbindlichen Standards

Hinzu kommt: Bei der gesundheitlichen Versorgung der Flüchtlinge in den Erstaufnahme-Einrichtungen gibt es keine verbindlichen Standards: „Die Länder haben das Problem zwar erkannt, konnten sich bislang aber noch nicht auf Empfehlungen einigen. In der Praxis ist deswegen bis heute nicht geregelt, wer welche Untersuchung macht.“ Manchmal würden alle Flüchtlinge bei der Erstaufnahme untersucht, in anderen Fällen überhaupt nicht.

Kinderärzte fordern zudem seit langem, Flüchtlinge und ihren Kindern mit Hilfe einer regulären Versicherungskarte Zugang zur ärztlichen Versorgung zu sichern. In Hamburg und Bremen gibt es das bereits – Nordrhein-Westfalen hat jetzt als erstes Flächenland angekündigt, zum 1. Januar 2016 eine elektronische Gesundheitskarte für Flüchtlinge einzuführen. Auch in Berlin soll es bald eine Kassenkarte für Asylbewerber geben

 

Julia Emmrich

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2015-09-02 06:55
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