Das aktuelle Wetter NRW 11°C
NS-Verbrechen

Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet

28.10.2009 | 19:34 Uhr
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet

Aachen. Es ist einer der letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse, die Deutschland erleben wird. 65 Jahre nach der mutmaßlichen Tat steht Heinrich de Boere aus Eschweiler vor Gericht, weil er in Holland für die SS gemodet haben soll. Sein „Sonderkommando Feldmejer” soll wahllos zugeschlagen haben.

Eine der Kugeln besitzt er bis heute. Sie lag im Korridor seines Elternhauses. Eine von acht oder neun Kugeln, mit denen auf seinen Vater geschossen wurde. Auf Teunis de Groot, einen angesehenen Mann aus dem niederländischen Ort Voorschoten, der Juden und andere Flüchtlinge versteckte und deshalb am 3. September 1944 getötet wurde. Von Angehörigen des „Sonderkommandos Feldmejer” der „Germanischen SS in den Niederlanden”. 65 Jahre später sitzen sie sich im Aachener Landgericht gegenüber, Heinrich de Boere, der SS-Mann und mutmaßliche Täter von damals, und Teun de Groot, der als Junge die Kugel auflas.

54 Menschen ermordet

Es ist wohl einer der letzten NS-Kriegsverbrecher-Prozesse, die Deutschland erleben wird. Angeklagt ist eben jener Heinrich de Boere wegen des Mordes an Teunis de Groot und zwei weiteren holländischen Männern. Unter dem Codenamen „Silbertanne” sollen die SS-Männer mindestens 54 Menschen ermordet haben, die von den Nazis als „antideutsch” angesehen wurden.

So spektakulär dieser Prozess viele Jahre nach Kriegsende erscheint, auch angesichts der Tatsache, dass de Boere unter diesem Namen seit Jahrzehnten in seiner Heimatstadt Eschweiler lebt, so eigenwillig gestaltet sich auch der Auftakt. Die Verteidiger de Boeres verlangen nämlich noch vor der Anklageverlesung die Ablösung von Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß. Der Leiter der Dortmunder Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für NS-Verbrechen sei „schon jetzt völlig festgelegt” auf die Schuld des Angeklagten, dieser habe deshalb „kein faires Verfahren” zu erwarten. Der Vorsitzende Richter Gerd Nohl beschließt an diesem Morgen deshalb nach mehreren Unterbrechungen des Prozesses dessen Vertagung auf Montag.

De Boere, inzwischen 88-jährig, sitzt in seinem Rollstuhl hinter der Anklagebank, wirkt erheblich jünger als er ist und vor allem sehr gelassen. Leicht nach vorne gebeugt, blickt er selbstbewusst in die Kameras vor ihm, lächelt sogar einmal leicht. Vor zwei Jahren hat er in einem Interview mit dem Spiegel gesagt, er bereue, „was 1944 passiert ist”, es tue ihm leid. Er bete sogar jeden Abend für die Getöteten. Das Sonderkommando Feldmejer, dem er angehörte, hatte die Lizenz zum Töten, sollte den aufkeimenden Widerstand in den Niederlanden durch wahllose Erschießungen brechen. Sie kamen also, schossen und verschwanden wieder. So wie bei Teunis de Groot, dem Fahrrad-Händler aus Voorschoten nahe Den Haag.

Der in Eschweiler als Sohn eines Holländers geborene de Boere hatte sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet, kämpfte zwei Jahre an der Ostfront, um dann dem Sonderkommando „Feldmejer” zugeordnet zu werden. Die, die sie töteten, so erklärte de Boere einmal, hatten sie nicht einmal gekannt.

1949 verurteilt ein Sondergericht in Amsterdam de Boere zum Tode. Die Strafe wird später in lebenslänglich umgewandelt. De Boere flieht aus niederländischer Haft ins heimatliche Eschweiler, arbeitet erst als Bergmann, lebt dort heute in einer Senioren-Residenz. Das lange Tauziehen zwischen der niederländischen und der deutschen Justiz um ihn bleibt jahrzehntelang ohne Folgen. Erst 2003 verlangen die Niederländer erneut eine Vollstreckung ihres Urteils. Parallel hatte sich die Dortmunder Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Person von Ulrich Maaß des Falles erneut angenommen.

Jahre darauf gewartet

So sitzen sie sich also gegenüber. Zum ersten Mal. Und man ist versucht, es mit „von Angesicht zu Angesicht” zu betonen. De Boere und de Groot, der Sohn des Fahrradhändlers. Als Nebenkläger ist der 76-Jährige aus den Niederlanden eingereist und sagt: „Die letzten zehn Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet. Ich möchte wissen, ob er es wirklich bereut.”

Doch am Ende dieses ersten Prozesstages ist Teun de Groot enttäuscht. Tief enttäuscht. All die Erwartungen. Sogar eine eigene Erklärung hat er für diesen wichtigen Tag in seinem Leben vorbereitet. Doch solange die Anklage nicht verlesen ist, kann er sie nicht vortragen. „Es tut mir leid”, sagt sein Anwalt Detlef Hartmann und legt de Groot tröstend die Hand auf die Schulter. Just in diesem Moment wird de Boere in seinem Rollstuhl an ihnen vorbeigefahren. De Groots Blick folgt ihm, verliert sich gedankenschwer im Raum.

Wenig später wird er vor dem Gerichtssaal erklären, wie „wütend” er ist wegen der „Tricks der Verteidiger”. Er sagt das in viele Kameras, deutsche und niederländische. Und er sagt, dass er nichts empfunden habe außer Mitleid für ein „Häuflein Mensch”. De Groot: „Den Schmerz über den Verlust kann mir niemand nehmen”.

Hayke Lanwert

Facebook
 
Kommentare
09.02.2010
02:14
Blockierter Kommentar.
von Beatrix.Gutmann | #8

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

17.11.2009
22:37
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von Heinz W. Geisenberger | #7

Wenn die niederländische und die deutsche Justiz an einer Verfolgung der Straftaten Heinrich de Boeres ernsthaft interessiert waren, stellt sich mir die Frage, weshalb dieser Mann erst heute in Aachen vor Gericht steht.
Nach seiner Verurteilung durch die niederländische Justiz zum Tode und der anschließenden Umwandlung des Urteils in eine lebenslange Strafe, lebte de Boere nach seiner Flucht in seine Heimat unbehelligt unter seinem Namen in Eschweiler.
Weder die niederländische, noch die deutsche Justiz waren innerhalb von Jahrzehnten in der Lage oder Willens, diese Strafsache juristisch zu einem Ende zu bringen.
Dieses jetzt bei einem 88jährigen Menschen 65 Jahre nach der Tat vollziehen zu wollen ist juristisch für unerträglich und eine Posse der Juristen.
Meine Beurteilung treffe ich bewusst, ohne auf die Taten des Angeklagten einzugehen.

01.11.2009
13:15
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von PeerQuastt | #6

@2
Und hätte Deutschland eher aufgegeben, hätten man Desden nicht bomberdieren müssen.
Seit wann musste man Dresden bombardieren. Das war Massenmord an der Zivilbevölkerung, nichts Anderes.
Oder würden Sie im Umkehrschluss sagen, dass man London bombardieren musste?
Sarkosy hat vollkommen Recht. Das ist nichts Anderes als Siegerjustiz. Von Den Tausenden Russen, die sich an der deutschen Zivilbevölkerung vergangen haben und unzählige Frauen vergewaltigt haben musste sich niemand vor Gericht verantworten.

29.10.2009
12:21
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von Name | #5

Wieso setzt du Befreier in Anführungszeichen? :P

29.10.2009
11:17
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von Nebukadnezar | #4

Er hat eben auf der falschen Seite gemordet. Wäre er als Russe oder Tscheche nach dem Krieg mordend durch Ostpreussen gezogen, hätte er sich nie dafür verantworten müssen. Typen wie Name würden ihn wahrscheinlich noch als Befreier feiern.

29.10.2009
10:44
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von derduisburger01 | #3

Schade, dass dieser Typ nicht schon viel früher geschnappt wurde.

Ganz gleich, ob Allierter oder Nazi. JEDE Möglichkeit einer Bestrafung solcher Leute muss genutzt werden!

29.10.2009
09:31
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von Name | #2

#1:
Oh man war ja klar das sowas kommt. -.-
Lächerlich!
Die Nazis zur Kapitulation zwingen kann wohl kaum ein Kriegsverbrechen sein. Und da nicht nur die 5 höchsten im Land Nazis waren, sondern der Großteil der Deutschen Nazis waren, kann es noch weniger Kriegsverbrechen sein. Und hätte Deutschland eher aufgegeben, hätten man Desden nicht bomberdieren müssen.

Aber wer den totalen Krieg will, bekommt ihn. Deutsche Täter sind keine Opfer!

28.10.2009
22:08
Kriegsverbrecherprozess ist in Aachen gestartet
von Sarkosy | #1

Komischerweise ist nicht ein Kriegsverbrecher der Alliierten jemals angeklagt oder für seine Schandtaten zur Rechenschaft gezogen worden.
Das Urteil kann also nur Freispruch lauten.
Alles andere ist Siegerjustiz.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/34615/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
UN-Sicherheitsrat tagt in Krisensitzung zu Syrien-Massaker
Syrien
Der UN-Sicherheitsrat wird sich nach Angaben von Diplomaten noch am Sonntag treffen, um über das Massaker im syrischen Hula mit mindestens 109 Toten zu diskutieren. Das Gremium werde sich um 20.30 Uhr deutscher Zeit treffen, hieß es.
Foto 4 Kommentare 4
Bruder von chinesischem Bürgerrechtler Chen aufgetaucht
Menschenrechte
Der Bruder des blinden chinesischen Dissidenten Chen Guangcheng ist nach Angaben eines Menschenrechtsanwalts in sein Dorf im Osten Chinas zurückgekehrt. Chen war in der vergangenen Woche nach Peking gereist. Kurz darauf verschwand er.