Krafts süß-saure China-Reise

Shanghai..  Hannelore Kraft steht im Lametta-Regen und muss sich vor dem wilden Drachentanz in Deckung bringen. Trommler in traditioneller Tracht verdreschen ihre Instrumente, übertönt nur vom minutenlangen Feuerwerk. China feiert die Ankunft von fünf neuen Firmen aus Nordrhein-Westfalen im Reich der Mitte. Blumenschmuck und grün-weiß-rote NRW-Fähnchen, wohin man sieht. Die Ministerpräsidentin kennt das pompöse chinesische Willkommensritual für deutsche Investoren bereits aus früheren Jahren. Dennoch ist vieles anders.

Gefeiert wird diesmal der Produktionsstart von kleinen Familienunternehmen aus dem Sauerland und vom Niederrhein. Sie haben sich in einem Industriepark in Kunshan niedergelassen, eine Autostunde westlich von Shanghai. Es ist eine Art Wohngemeinschaft für deutsche Unternehmer, in der ein Dienstleister Montagehallen stellt und alle administrativen Fragen von der Zulassung bis zum Finanzwesen übernimmt.

Die Interessen habensich radikal verändert

„Wir sind die zweite Welle“, sagt Ulrich Flatken, Chef des Autozulieferers Vogelsang aus Hagen. Es ist ein klassisches Familienunternehmen, 350 Mitarbeiter, 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Erst kamen die Autokonzerne nach China, dann die Zulieferer, jetzt die Zulieferer der Zulieferer. „Wenn wir es nicht hier machen, suchen sich die Hersteller andere“, sagt Flatken.

Es ist eine neue außenwirtschaftliche Herausforderung für die NRW-Landesregierung, die lange darauf abonniert war, der heimischen Kohle-, Stahl- und Großindustrie die Türen in Fernost zu öffnen. „Je kleiner das Unternehmen ist, desto größer der Schritt auf einen solchen Markt“, sagt Kraft. Sie bereist eine Woche lang mit einer Wirtschaftsdelegation die Ostküste des Riesenreiches, schüttelt Hände, hört zu, hält Grußworte und verzückt die lokalen Autoritäten mit ein paar Brocken Volkshochschul-Chinesisch.

Vor allem nimmt Kraft wahr: Die Interessen der Chinesen scheinen sich radikal zu verändern. Groß, billig und schmutzig war gestern; individueller, innovativer und nachhaltiger soll es künftig in China zugehen.

Als die Ministerpräsidentin etwa im schweren Sessel des Prunksaals von Gouverneur LI Xueyong in der wohlhabenden Provinz Jiangsu versinkt, vernimmt sie zwischen dem Austausch der protokollarischen Höflichkeiten ganz neue Töne. Die chinesische Übersetzerin bezeugt das Interesse des Gouverneurs an „Umweltschutz“, „Energieeffizienz“ und „Städtebau“. Auch Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD), der bei dieser Gelegenheit ein Abkommen mit der 4-Millionen-Einwohner-Stadt Changzhou unterzeichnet, wird nicht mehr mit Krupp und Schwerindustrie identifiziert. Die Chinesen wollen die Zusammenarbeit mit Essen auf den Feldern Stadtentwicklung und Ressourcenschutz.

Weg vonschmutziger Energie

Frustrierend wirkt all dies auf die zahlreichen mittelständischen Bergbauzulieferer, die mit Kraft auf China-Reise gegangen sind. Sie geben in NRW noch immer 5000 Menschen Arbeit. Wenn 2018 die letzte Zeche schließt, sollte China der lebensverlängernde Exportmarkt werden.

Doch die Wende weg von schmutziger Energie hat dort bereits eingesetzt, die Technisierung der eigenen Zechen ist weiter fortgeschritten. „Wer gedacht hat, er könnte hier ein paar Verträge abschließen, fährt weinend nach Hause“, bekennt der Velberter Unternehmer Caspar Glinz ernüchtert.

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) will bis zum Herbst ein Netzwerk der Bergbauzulieferer knüpfen, um den Chinesen zumindest aus einer Hand das technische Know-how für weiterführende Technologien wie Tunnel- und Maschinenbau zu verkaufen. „Sonst“, fürchtet Duin, „ gehen wir in fünf Jahren zur Beerdigung vieler dieser Unternehmen.“