„Koran zeitgemäß auslegen“

An Rhein und Ruhr..  Serap Güler (34) ist Tochter von türkischen Zuwanderern. Ihre Familie stammt von der Schwarzmeer-Küste, der Vater schuftete unter Tage. Sie hat sich hochgearbeitet. Ausbildung in der Hotelbranche, Studium, danach Referentin im Büro des früheren NRW-Integrationsministers Armin Laschet (CDU). Heute sitzt Güler für die CDU im Landtag und ist dort integrationspolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Ein NRZ-Gespräch über Zuwanderung und den Islam.


Frau Güler, in der CDU wird gerade heftig über ein neues Zuwanderungsgesetz debattiert. Generalsekretär Peter Tauber ist dafür, Innenminister Thomas de Maiziere ist dagegen. Wie ist Ihre Position?

Serap Güler: Ich schlage mich da auf die Seite von Peter Tauber. Wir brauchen aber kein komplett neues Gesetz, sondern eine Reform. Unser jetziges Aufenthaltsgesetz sollte jedoch übersichtlicher und weniger bürokratisch gestaltet werden. Es klingt auch nicht sehr einladend. Wir sollten mit diesem Gesetz unsere Willkommenskultur nach außen transportieren. Deutschland ist schließlich zum zweitwichtigsten Einwanderungsland nach den USA geworden.


Landesinnenminister Ralf Jäger fordert eine Abschaffung der Sprachtests für nachziehende Ehepartner. Ein sinnvoller Vorschlag?

Nein, überhaupt nicht. Verpflichtende Sprachkurse im Ausland legen das Fundament dafür, dass Zuwanderer sich hier zurechtfinden. Integrationspolitisch ist die Forderung ein fatales Signal. Jäger sollte sich lieber dafür einsetzen, dass mehr Möglichkeiten geschaffen werden, im Ausland die deutsche Sprache zu lernen.


Auch in Deutschland wird in vielen Zuwandererfamilien zu Hause noch die Sprache des Herkunftslandes gesprochen. Verhindert das Integration?

Richtig ist, dass jedes vierte Kind in NRW zu Hause nicht Deutsch spricht. Richtig ist auch, dass die Sprachkompetenz nicht automatisch mit jeder weiteren Generation besser wird, im Gegenteil. Das gilt aber auch für Kinder, die nicht aus Zuwandererfamilien stammen. Umso schlimmer ist es, dass die Landesregierung die Sprachstandserhebung für die Vierjährigen abgeschafft hat.


In Ruhrgebiets- aber auch anderen NRW-Städten gibt es ganze Viertel, in denen man kein Wort Deutsch sprechen können muss, um einkaufen oder ausgehen zu können. Entstehen Parallelgesellschaften?

Wenn wir ins Ausland reisen, sind wir ganz heiß auf Viertel wie die China Towns, in denen Zuwanderer ihre Identität bewahrt haben. Hier in Deutschland wird das zum Problem gemacht. Da wird oft mit zweierlei Maß gemessen. Ich betrachte das eher als einen Beitrag zu kultureller Vielfalt. Parallelgesellschaften entstehen an anderer Stelle.


Wo?

Wenn beispielsweise deutsche Richter Urteile sprechen, in denen sie Angeklagten Rabatte wegen ihres kulturellen oder religiösen Hintergrundes geben. Das ist gefährlich.


Auf der anderen Seite beklagen Muslime eine zunehmende Ausgrenzung. Zu Recht?

Wir leben in der Tat in problematischen Zeiten. Muslime werden allzuoft generell als potenzielle Terroristen angesehen und fühlen sich durch die mediale Berichterstattung ausgegrenzt. Ich kann diese Sorgen und Ängste verstehen, sehe aber auch, dass sich manche Muslime in der Opferrolle wohlfühlen.


Gehört der Islam zu Deutschland?

Ja. Dennoch müssen wir darüber reden, welchen Islam wir meinen. Ich meine den, der in unser westliches Wertesystem passt.


Was macht für Sie denn Islam aus?

Ich bin gläubige Muslima. Das heißt nicht, dass ich meinen Glauben täglich praktiziere. Es ist eine Sache zwischen Gott und mir, wie oft ich zu ihm bete. Ich trinke auch ab und zu Alkohol. Und ich betrachte meine Religion nicht unkritisch. Aber der Islam steht für mich vor allem für Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Toleranz und Friedfertigkeit. Deswegen bin ich so entsetzt darüber, was im Namen meines Glaubens für Verbrechen begangen werden.


Die Verbrechen islamistischer Terroristen haben nichts mit dem Islam zu tun?

Doch, natürlich. Die Terroristen berufen sich ja auf den Islam. Aber sie deuten ihn völlig falsch. Und das ist der Punkt: Die friedlichen Muslime müssen unbedingt die Deutungshoheit über ihre Religion wiedererlangen.


Was müssen sie dafür tun?

Im akademischen Bereich gibt es schon länger Diskussionen darüber, wie der Koran zeitgemäß ausgelegt werden kann und muss. Leider erreicht sehr wenig davon die muslimischen Gemeinden.


Könnte die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten etwas daran ändern?

Ich bin sehr dafür, dass eine solche Ausbildung gefördert wird. Der Inhalt der Ausbildung sollte von den muslimischen Verbänden festgelegt werden, allerdings muss die Vermittlung deutscher Werte, deutscher Kultur und deutscher Geschichte zwingend Bestandteil dieser Ausbildung sein.