„Kopftuchverbot entsprach nicht demokratischen Werten"

Lehrerin mit Kopftuch in einer deutschen Schule (gestelltes Foto). Das Bundesverfassungsgericht hat das pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufgehoben.
Lehrerin mit Kopftuch in einer deutschen Schule (gestelltes Foto). Das Bundesverfassungsgericht hat das pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufgehoben.
Foto: imago/epd
Was wir bereits wissen
Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ist froh über das Verfassungsgerichtsurteil. Damit ende eine Benachteiligung von Muslimen, sagt sie im Interview.

Essen.. Ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen ist nicht mit der Verfassung vereinbar. Das hat das Bundesverfassungsgericht jetzt klar gestellt. Die Islamwissenschaftlerin und islamische Religionslehrerin Lamya Kaddor freut sich über das Urteil. Es beende die Benachteiligung von Muslimen, sagt sie im Interview.

Frau Kaddor, Sie haben sich seit dem Jahr 2003 immer wieder für die Aufhebung des Kopftuchverbots eingesetzt. Wie froh sind sie über das heutige Urteil?

Lamya Kaddor: Ich begrüße das Urteil sehr. Mit der heutigen Rechtsprechung werden alle Religionen in unserem Rechtsstaat – zwar mit Einschränkungen – gleich behandelt. Die Regelung von 2003 hat zu einer Privilegierung für die Angehörigen der christlichen oder jüdischen Religion und zu einer Benachteiligung von Muslimen geführt. Das entsprach nicht den Werten einer demokratischen Gesellschaft, in der die Religionsfreiheit ein hohes Gut ist. Das Kopftuchverbot wurde zu einer Hochzeit der Islamfeindlichkeit erlassen und war auch ein Ausdruck davon.

Heute erleben wir wieder einen Aufschwung islamkritischer bis -feindlicher Bewegungen. Wird mit dem aktuellen Urteil nicht Öl ins Feuer gegossen?

Kaddor: Es wird natürlich die islamfeindlichen Extremisten stärken. Auf der anderen Seite ist die deutsche Gesellschaft im Vergleich zu 2003 wesentlich aufgeklärter und diskutiert differenzierter. Die Mehrheit unterscheidet sehr klar zwischen dem Islam und beispielsweise Salafismus. Die Islamdebatte wird längst nicht mehr so schrill und schräg geführt wie damals.

Das Kopftuch wird trotzdem von vielen Nichtmuslimen als Symbol der Unterdrückung von Frauen angesehen.

Kaddor: Was mich ärgert ist, dass speziell bei Muslimen oft noch von negativen Grundannahmen ausgegangen wird. Die allermeisten Musliminnen tragen das Kopftuch freiwillig und als Ausdruck ihrer religiösen Identität. Dagegen kann und darf man juristisch nichts tun, weil nun einmal in diesem Land Religionsfreiheit herrscht.

Aber es ist doch ein Unterschied, ob Frauen das Kopftuch im privaten Rahmen tragen oder dort, wo sie einen Bildungsauftrag haben.

Kopftuch-Streit Kaddor: Sehen Sie, es gibt eine aktuelle Untersuchung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Danach sagen 70 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahre, dass es das gute Recht von muslimischen Lehrerinnen sei, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen. Von den Schülern unter den Befragten fanden es sogar 75 Prozent gut. Wenn schon die direkt Betroffenen nichts dagegen haben, hat sich die Frage doch erledigt.

Wenn das Tragen eines Kopftuchs erlaubt ist – muss das dann auch für eine Vollverschleierung mit einer Burka oder einem Niqab gelten?

Lamya Kaddor: Nein. Eine voll verschleierte Lehrerin wäre untragbar. In der Schule kommt es schließlich auch auf nonverbale Kommunikation an, die mit einer Vollverschleierung kaum möglich ist. Auch in anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes fände ich eine Vollverschleierung grenzwertig, auch wenn ich gegen ein Burka-Verbot bin.