"Kooperation Ruhr" - Preise für gute Ideen im Revier

Der demografische Wandel schreitet voran. Brost-Stiftung, RVR und das Bistum Essen suchen Brückenbauer zwischen den Generationen.
Der demografische Wandel schreitet voran. Brost-Stiftung, RVR und das Bistum Essen suchen Brückenbauer zwischen den Generationen.
Foto: Matthias Graben/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Brost-Stiftung, RVR und Bistum Essen starten Wettbewerb "Demografischer Wandel als Fortschrittsmotor". Gesucht: Brückenbauer zwischen Generationen.

Essen.. Mehr Senioren, weniger Kinder – der „demografische Wandel“ ist nicht aufzuhalten, und die Ruhrgebiets-Bevölkerung wird noch viel früher als die in anderen deutschen Regionen von Jünger in Älter verwandelt. Darüber, dass die Zahl der Kinderwagen ab- und die der Rollatoren zunimmt, kann man jammern und klagen. Oder aber man macht das Beste daraus: ein Revier, in dem Junge und Erfahrene, Gesunde und Kranke, Zugezogene und Alteingesessene füreinander einstehen.

Funktionierende Kooperationen für ein besseres Miteinander der Generationen haben jetzt die Chance, prämiert zu werden. Die Brost-Stiftung, der Regionalverband Ruhr (RVR) und das Bistum Essen starten am 1. März den Wettbewerb „Demografischer Wandel als Fortschrittsmotor“. Preisgeld: insgesamt 90 000 Euro.

Preisverdächtige Initiativen gibt es reichlich an der Ruhr: Repair-Cafés, in denen Ehrenamtliche Elektrogeräte oder Spielzeug reparieren, Mehrgenerationen-Häuser, Theater-Projekte. Manche guten Geister dürften selbst nie auf die Idee kommen, etwas zu leisten, das Anerkennung verdient. Und doch sind sie in diesem Wettbewerb sehr willkommen: die Hausfrau mit Migrationshintergrund, die in ihrer Nachbarschaft Feste organisiert oder der Biologe, der Schulklassen zu „Krötenwanderungen“ in die Natur einlädt...

Der Rat der Älteren ist gefragt

Die Organisatoren des Wettbewerbs nennen selbst einige Beispiele für gelungene Zusammenarbeit im Ruhrgebiet. Gerhard Conrads (75), gebürtiger Bochumer, ist hier zu erwähnen. Er ist Vorsitzender der „Wirtschaftssenioren NRW“, ein Bund von früheren Führungskräften, die seit mittlerweile 27 Jahren jungen Existenzgründern auf die Sprünge helfen. Der frühere Geschäftsführer eines Maschinenbau-Unternehmens hat schon mehr als 300 Nachwuchs-Unternehmer beraten. „Wer so etwas tut, der rostet nicht ein, der bleibt frisch“, sagt Conrads. Beim Projekt „Junge Paten für Senioren“ der Ehrenamt Agentur Essen finden die Generationen auf andere Weise zueinander. Rebekka (17) trifft einmal in der Woche den Rentner Werner in einem Seniorenheim. „Ich lese ihm vor, wir spielen etwas, ich fahre ihn im Rollstuhl spazieren. Von ihm lerne ich zuzuhören und geduldiger mit anderen Menschen umzugehen“, erklärt sie.

„Das Ruhrgebiet und die Kirche werden radikal anders werden durch den demografischen Wandel. Wir müsse das begreifen und darauf reagieren“, sagte gestern Michael Schlagheck, Direktor der Katholischen Akademie im Bistum Essen, bei der Vorstellung des Wettbewerbs. Er ist sich mit dem Bochumer Soziologie-Professor Rolf Heinze einig darin, dass das Revier eine Art „Laboratorium“ ist für diesen Wandel, dem Rest Deutschlands in dieser Hinsicht um fünf Jahre voraus. Also komme es darauf an, sehr schnell zu mehr Miteinander im Revier zu finden.

Die „Kooperation Ruhr“ funktioniert

Bewerben können sich – über kommunale Grenzen hinaus – Städte, Kreise, Verwaltungen, Hochschulen und Unternehmen, aber auch Vereine, Verbände, Stiftungen und Bürger-Projekte. „Die Region könnte vom demografischen Wandel profitieren“, gibt sich Bodo Hombach vom Vorstand der Brost-Stiftung optimistisch. Für RVR-Direktorin Karola Geiß-Netthöfel, die Schirmherrin des Wettbewerbs, ist der Brückenbau zwischen den Generationen eine der wichtigsten Weichenstellungen für die Zukunft der Städte an der Ruhr.

Mit dem Wettbewerb folgt die Brost-Stiftung der Initiative „Kooperation Ruhr“, die im Jahr 2012 vom Initiativkreis Ruhr und der RAG-Stiftung durchgeführt worden war. Inzwischen haben sich 350 grenzübergreifende Kooperationen in einer Datenbank registrieren lassen.

Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind nur lösbar, wenn man sie als Chance begreift. Die Essener Brost-Stiftung hat heute mit ihren Partnern, dem Regionalverband Ruhr und dem Bistum Essen, zum Wettbewerb „Demografischer Wandel als Fortschrittsmotor“ aufgerufen.

Verwaltungen, Vereine, Stiftungen, Bürger-Gruppen – alle dürfen mitmachen

Bewerben können sich Kreise und Kommunen sowie deren Dezernate, Ämter, Forschungsinstitute, Universitäten, Fachhochschulen und Unternehmen (Kategorie A) sowie gemeinnützige Vereine, Verbände, Stiftungen und Bürgergruppen (Kategorie B) innerhalb der 53 Kommunen, der vier Kreise oder in einer Nachbar-Kommune im Umkreis von 15 Kilometern um das Ruhrgebiet. Der Wettbewerb startet offiziell am 1. März 2015. Einsendeschluss ist der 30. Juni 2015. Als Preisgeld winken insgesamt 90.000 Euro.

Um den Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen, braucht es neue Konzepte und Bündnisse zwischen den gesellschaftlichen Institutionen, Kommunen und privaten Unternehmen. Diese möchte die Essener Brost-Stiftung mit dem diesjährigen Ideenwettbewerb Kooperation Ruhr fördern und legt dabei den Schwerpunkt bewusst auf die Jugend- und Altenhilfe. „Wir starren nicht auf den drohenden Generationenkonflikt, wir suchen nach neuen Wegen für ein entspanntes Miteinander. Das Ruhrgebiet ist reich an Erfahrungen, Kräften und Ideen. Die gilt es zu bündeln und zu fördern. Am Anfang steht oft der Einzelkämpfer. Der braucht die Hebelwirkung der Gemeinschaft, um mit seiner Idee in die Breite zu wirken“, fasst Prof. Bodo Hombach, Vorstandsmitglied der Brost-Stiftung, die Idee hinter dem Wettbewerb zusammen.

Brost-Stiftung, Bistum Essen und RVR ziehen an einem Strang

Nach dem Willen ihrer Gründerin Anneliese Brost fördert die Brost-Stiftung kooperative Projekte, die mutig in die Zukunft weisen, indem sie das Miteinander und die zupackende Selbsthilfe in den Vordergrund stellen. In dem Wettbewerb geht es um praktische Ideen und gute Beispiele, um mit dem demografischen Wandel positiv umzugehen. Den Wettbewerb ruft die Stiftung dabei zusammen mit ihren Partnern, dem Bistum Essen und dem Regionalverband Ruhr, aus.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck unterstützt das Projekt als Schirmherr. Als Ansprechpartner fungiert die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“, die das Projekt begleitet. Die Preisvergabe wird voraussichtlich im Herbst 2015 in der Wolfsburg stattfinden. Akademiedirektor Michael Schlagheck freut sich auf eine intensive Zusammenarbeit: „Das Thema ist uns vertraut, die Problemlagen sind uns bekannt. Leider gibt es für viele Fragen noch keine Lösungen. Der Wettbewerb aktiviert das Wissen und den Ideenreichtum der Menschen an der Ruhr.“

Der Bochumer Soziologie-Professor Rolf Heinze stellte fest: „Der demographische Wandel und insbesondere die Alterung der Gesellschaft stellen nicht nur eine Belastung für die Gesellschaft dar, sondern haben Potentiale und schaffen auch neue Wachstumsfelder.“ Die sieht Heinze gerade im Bereich der Gesundheitswirtschaft oder in der Neugestaltung der Städte. Außerdem wachse der individuelle Aktivitätsspielraum der Älteren. Eine neue Aufgeschlossenheit gegenüber Informations- und Kommunikationstechnologien und eHealth begleitet den Wandel. „Ältere werden zukünftig Smartphones und Tablet-PCs selbstbewusster nutzen“, so Heinze, das brächte neue Möglichkeiten der individuellen Kooperation.

Kategorien und Preise

In beiden Kategorien geht es um Projekte, die den Brückenbau zwischen den Generationen vorantreiben. In der Kategorie A können sich Kreise und Kommunen, deren Dezernate und Ämter sowie Forschungsinstitute, Universitäten, Fachhochschulen und Unternehmen bewerben. Kategorie B richtet sich an gemeinnützige Vereine, Verbände, Stiftungen und Bürgergruppen, die zum Beispiel im Sozialwesen, in der Alten- und Jugendhilfe oder im Bereich der Altenbetreuung tätig sind. Entscheidende Teilnahmevoraussetzung ist, dass die Bewerber ihren Standort innerhalb der 53 Kommunen, der vier Kreise oder in einer Nachbarkommune im Umkreis von 15 Kilometern um das Ruhrgebiet haben. In jeder Kategorie werden die ersten drei Plätze prämiert (Preisgeld insgesamt: 90.000 Euro):

Preisgelder Kategorie A: Platz 1: 30.000 Euro / Platz 2: 20.000 Euro / Platz 3: 10.000 Euro

Preisgelder Kategorie B: Platz 1: 15.000 Euro / Platz 2: 10.000 Euro / Platz 3: 5.000 Euro

Der Wettbewerb startet offiziell am 1. März 2015. Teilnahmeschluss ist der 30. Juni 2015. Eine namhafte Jury entscheidet im Spätsommer, welche sechs Kooperationsideen prämiert werden. Bei der Preisverleihung im Herbst 2015 werden die Sieger bekanntgegeben.

Stimmen zum Wettbewerb:

Karola Geiß-Netthöfel (RVR-Direktorin): „Der demografische Wandel ist eine echte Chance für die Metropole Ruhr, die wir gemeinsam nutzen wollen. Wir stehen vor der großen Herausforderung, eine lebenswerte Region für Jung und Alt zu gestalten. Der Wettbewerb hilft dabei, die vielen, bereits existierenden Beispiele für die Kooperationsbereitschaft in der Region bekannter zu machen und die besten zu Tage zu fördern.

Bischof Franz-Josef Overbeck: „Neue Initiativen brauchen die Unterstützung der Gemeinschaft. Die Region muss neue Bündnisse schmieden und darf nicht alte Rivalitäten pflegen. Gute Nachbarn arbeiten zusammen und stellen gemeinsam etwas Neues auf die Beine. Das ist der Kerngedanke unseres Wettbewerbs.“

Bodo Hombach (Brost-Stiftung): „Mehr Miteinander. Grenzüberschreitende Kreativität ist wichtiger als Festhalten an alten Zuständigkeiten. Die Region könnte vom demografischen Wandel profitieren. Dafür brauchen wir anregende Ideen und eine kreative Praxis.“


Weitere Infos auf der Homepage zum Wettbewerb:

kooperation-ruhr.de

Das Wettbewerbsbüro ist unter 0201/3109982 erreichbar.