Knut sticht "Angie" und "Sarko" aus
06.12.2007 | 22:10 Uhr 2007-12-06T22:10:52+0100DIPLOMATIE. Deutsch-französisches Treffen in Paris. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält nichts von der Idee Präsident Sarkozys von einem exklusiven "Mittelmeerclub". Sturm im Wasserglas.
Das Aufmerksamkeits-Duell Angela contra Knut hat letzterer klar gewonnen. Gegen Europas Lieblingseisbär kommt in den französischen Medien selbst die derzeit in der EU tonangebende Politikerin nicht an. So wurde gestern links des Rheins der Berichterstattung über Knuts ersten Geburtstag breiter Raum eingeräumt, der harschen Kritik Angela Merkels an der Nicolas Sarkozy vorschwebenden Schaffung einer Mittelmeer-Union hingegen keine Zeile. Doch das könnte sich noch ändern, falls die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident keinen Weg finden, ihre in einigen Punkten weit auseinanderklaffenden Vorstellungen über die Stoßrichtung der EU-Außenpolitik unter einen Hut zu bringen.Auf den ersten Blick scheinen die Chancen für eine Verständigung ziemlich schlecht zu stehen. Obwohl Merkel und Sarkozy am Mittwoch mehrere Tausend Kilometer trennten, gelang es den beiden, sich einen bemerkenswerten Schlagabtausch zu liefern. Die Gründung der von ihm gewünschten Mittelmeer-Union, so ließ der Franzose beim Staatsbesuch in Algerien durchblicken, könne ebenso weitreichende und positive Folgen haben wie die Gründung der Europäischen Gemeinschaft. Bestimmt nicht, antwortete ihm die Deutsche in Berlin postwendend, die im Aufbau eines Sonderverhältnisses der südlichen EU-Mitgliedsstaaten mit den Ländern Nordafrikas vor allem eine Gefahr für den inneren Zusammenhalt der Union sehen will. Über die Tragweite solcher Misstöne haben sich Merkel und Sarkozy gestern Abend anlässlich ihres informellen Treffens im E?lysée-Palast austauschen können. Aber zu einem handfesten Krach kam es dabei offenbar nicht, jedenfalls schritten beide später ohne sichtbare Blessuren zur Pressekonferenz und bemühten sich, ihr Fernduell vom Vortage herunterzuspielen. Eine diplomatische Pflichtübung, denn alles andere hätte den Verdacht einer Krise im deutsch-französischen Verhältnis geschürt. Nüchtern betrachtet gibt es allerdings kaum einen Grund, das Thema Mittelmeer-Union allzu hoch zu hängen. Sarkozy mag sich auf medienwirksame Auftritte und Vorstöße verstehen, bislang ist diese Mittelmeer-Union kaum mehr als eine Worthülse. Selbst in Frankreich spotten Beobachter gerne über "Sarkos Club-Med", dessen Unterhaltungswert mangels Programm und Ziel niemand kennt. Was genau der französische Präsident mit seinem Club bezweckt, bleibt nämlich unklar: einen neuen Raum des kulturellen Austauschs, eine Wirtschaftsgemeinschaft oder eine auch politische Dimensionen einschließende Vorzugspartnerschaft der Mittelmeer-Anrainerstaaten. Vor allem aber setzt eine Union voraus, dass sie mehr als ein einziges Mitglied hat. Bisher jedoch haben sich neben Frankreich keine Beitrittskandidaten erklärt. Sarkozys Werben stößt in Spanien, Italien sowie Portugal auf offene Skepsis und in den Maghreb-Staaten, in Ägypten oder in der Türkei bestenfalls auf höfliches Interesse. Sehr groß können Merkels Befürchtungen, die Mittelmeer-Union drohe "zu Spannungen im Kernbereich der EU" führen, also eigentlich nicht sein. Zumal seit dem Bestehen dieses Kerns, der ja von Frankreich und Deutschland gebildet wird, stets galt, dass Paris dem Süden ebenso traditionell größere Aufmerksamkeit widmet wie Berlin dem Osten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Kanzlerin den Sack der Mittelmeer-Union schlägt und in Wirklichkeit Sarkozys Hang zu diplomatischen Alleingängen meint. Denn mit den europäischen Partnern hat Frankreichs Präsident seinen Vorstoß ganz offensichtlich nicht abgesprochen. Wieder einmal. Wobei Merkel keineswegs die einzige in der EU ist, die solche Selbstherrlichkeit zunehmend nervt.politik@nrz.de

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