Kinderschutzambulanz schlägt Alarm

Datteln. Die medizinische Kinderschutzambulanz der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln sieht dringenden Handlungsbedarf: Obwohl die Zahl der Kinder weiter steigt, die wegen Gewalt oder Missbrauch stationär behandelt werden müssen, kommen die Krankenkassen weiter nicht für die Behandlungskosten auf. Allein in der Dattelner Ambulanz stiegen die Patientenzahlen von anfangs 124 in nur zwei Jahren auf 550.

Die Politik müsse die Rahmenbedingungen für die ohnehin oft defizitären Krankenhäuser dringend ändern, um die wichtige Aufgabe zu sichern, doch es fehle ein klar definierter politischer Wille, klagt Chefarzt Prof. Dr. Michael Paulussen. Das NRW-Gesundheitsministerium sieht zunächst den Gesetzgeber in der Pflicht: „Der Bund muss sich in der Tat die Frage stellen lassen, ob er die derzeitige Beteiligung des Gesundheitsbereiches für angemessen hält. Das Problem ist, dass der Gesundheitsbereich beim Bundeskinderschutzgesetz weitgehend außen vor geblieben ist“, sagte ein Sprecher dieser Zeitung. Die allermeisten Kassen berufen sich auf die gesetzlichen Grundlagen. Die Ausnahme bildet die GEK Barmer.

Allein in NRW wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Landeskriminalamts 2445 Kinder, 5959 Jugendliche und 6489 Heranwachsende Opfer von Gewalt. Sexueller Missbrauch an Kindern wurde im vergangenen Jahr 2498 mal angezeigt.

Wenn es darum geht, eine Kindeswohlgefährdung festzustellen oder auszuschließen, müssen Ärzte einen hohen Aufwand betreiben. „Zeitaufwändige Gespräche mit Kindern, Eltern, Jugendamt und weitere Untersuchungen, um mögliche Alt- oder Zusatzverletzungen festzustellen, all’ das ist nicht in einer halben Stunde getan“ , sagt Dr. Tanja Brüning, Leiterin der Ambulanz und bundesweit die einzige Medizinerin, die sich in Vollzeit um Kinderschutz kümmert. Brüning kritisiert, dass die Krankenkassen die Kosten nach dem Verursacherprinzip erstatteten. Doch welches Kind verrate schon seinen Vater nach einem Missbrauch?