Keine Experimente!

London..  Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen kehrte Premierminister David Cameron am Morgen nach der Wahlnacht in die Downing Street zurück. Dem Chef der Konservativen war gelungen, was keiner vorausgesehen oder erwartet hatte: Cameron hat mit seiner Partei eine absolute Mehrheit im Unterhaus errungen. Nachdem er von der Queen den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten hatte, erklärte Cameron gestern Mittag vor der Tür zur Downing Street: „Wir haben in den letzten Jahren die Fundamente für eine bessere Zukunft gelegt. Lasst uns nun darauf bauen.“

Während die Konservativen ihr Glück kaum fassen konnten, erlebte Labour eine Wahlnacht des Grauens. Zuvor hatte noch eine Meinungsumfrage nach der anderen ein Kopf-an-Kopf-Rennen prophezeit. Bis zur Schließung der Wahllokale war man im Labour-Hauptquartier bester Dinge, überzeugt, eine gute Chance auf die Regierungsbildung zu haben. Aber dann kam kurz nach 22 Uhr der Paukenschlag. Der BBC-Moderator David Dimbleby machte den Umschlag auf, der die Ergebnisse einer repräsentativen Wählerbefragung nach erfolgter Stimmabgabe in 141 Wahlkreisen enthielt. Und für Labour brach eine Welt zusammen. Statt der erhofften 270 bis 280 Sitze wurden ihr nur 239 Mandate zugetraut. Der Verlauf der Wahlnacht bestätigte die Exaktheit der Hochrechnung: Wahlkreis um Wahlkreis, wo Labour hätte gewinnen müssen, ging an die Konservativen, zum Schluss hatte man gerade 232 Sitze. Selbst Ed Balls, der finanzpolitische Sprecher Labours und ihr zweitmächtigster Politiker, war nicht sicher. Er verlor seinen Wahlkreis an die Torys um 422 Stimmen. Parteichef Ed Miliband zog gestern die Konsequenzen aus der schmählichen Niederlage und trat zurück.

Freude dagegen in Schottland. „Der schottische Löwe hat gebrüllt!“, rief Alex Salmond, der Ex-Chef der „Scottish National Party“, der demnächst die SNP-Fraktion im Unterhaus anführen wird. Der SNP gelang ein Erdrutschsieg im hohen Norden, von 59 Mandaten hat man 56 gewonnen. Labour, vormals Platzhirsch in Schottland, wurde weggefegt. Praktisch aus dem Stand gelang der SNP der Sprung zur drittgrößten Partei im Königreich.

So dramatisch der Trend in Schottland ausfiel, so katastrophal war der Zusammenbruch der Liberaldemokraten im ganzen Land. Der vormalige Partner der Konservativen musste für die Koalition, die man vor fünf Jahren einging, bitter bezahlen: Die „LibDems“ büßten über 15 Prozent der Stimmen ein, die sie 2010 gewannen, und verloren 48 Sitze, vor allem an die Konservativen. Ganze acht Abgeordnete hat man jetzt noch. Drei liberale Kabinettsminister wurden in ihren Wahlkreisen abgewählt, der Parteichef Nick Clegg schaffte es nur knapp, seinen Sitz in Sheffield zu behalten. Doch auch er sah gestern keine politische Zukunft mehr für sich und trat vom Parteivorsitz zurück.

Auch Nigel Farage, der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, legte seinen Vorsitz nieder, weil es ihm nicht gelang, im Wahlkreis Thanet South zu gewinnen. Dabei schnitt seine Partei, was den Anteil an den Wählerstimmen angeht, hervorragend ab: Landesweit konnte man über 12 Prozent erzielen und jagte nicht nur den Konservativen, sondern auch Labour in den Arbeiter-Hochburgen des Nordens Stimmen ab. Doch aufgrund des Mehrheitswahlrechts sprang dabei nur ein Unterhausmandat für Ukip heraus. Farage forderte eine Änderung des Wahlrechts. Es könne nicht angehen, sagte er, dass eine Partei wie die SNP mit landesweit knapp fünf Prozent auf 56 Sitze kommt, während Ukips Wählerschaft, nur weil sie weiter gestreut sei, mit mehr als 12 Prozent lediglich durch einen einzigen Abgeordneten vertreten wird.

Gestern zerbrachen sich die Meinungsforscher den Kopf, warum sie mit ihren Voraussagen so deutlich daneben gelegen haben. Es gibt zwei mögliche Erklärungen dafür. Zum einen das Phänomen der „scheuen Torys“. Das sind jene Wähler, die nicht zugeben mögen, dass sie konservativ stimmen wollen und deswegen von den Umfragen nicht erfasst werden. Der andere Grund ist ein Umschwung am Wahltag selbst. Caroline Lucas, die einzige Abgeordnete der Grünen, brachte es auf den Punkt: „Die Politik der Furcht hat über die Politik der Hoffnung gesiegt.“