Keine Atempause für die Ukraine vor der Waffenruhe

Die Evakuierungen aus Donezk gehen weiter. Die Leidtragenden im Ukraine-Konflikt sind die Zivilisten.
Die Evakuierungen aus Donezk gehen weiter. Die Leidtragenden im Ukraine-Konflikt sind die Zivilisten.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Armee und Rebellen nutzen die Zeit bis zur Waffenruhe, um ihre Positionen zu verbessern. Viele bezweifeln auch, dass ab Sonntag die Waffen schweigen.

Kiew.. Neue blutige Kämpfe und Granatenhagel im Kriegsgebiet in der Ost-Ukraine drohen die Hoffnungen auf eine mühsam ausgehandelte Feuerpause in der Ukraine zu ersticken.

Es sind dramatische Zwischenfälle wie am Freitag in dem ukrainischen Dorf Hornjak: Zwischen den grauen sozialistischen Wohnblöcken schlugen dort unvermittelt „Grad“-Raketen ein. Die meisten Bewohner kamen zwar mit dem Schrecken davon; bisher wähnte man sich aber hier, 20 Kilometer westlich von Donezk, sicher – außerhalb der Kampfzone zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Rebellen. Wer die Raketen auf Hornjak abfeuerte, ist unklar. In anderen Orten waren bei ähnlichen Angriffen Tote zu beklagen.

Rebellen verdoppelten ihr Gebiet

Das Dorf findet sich indes in einem am Freitag von den pro-russischen Separatisten veröffentlichten Lageplan. Demnach hat sich das von den Rebellen kontrollierte Gebiet rund um die beiden Industriestädte Donezk und Lugansk seit den ersten Minsker Friedensverhandlungen Anfang September 2014 etwa verdoppelt. Dazu sollen bis Samstagnacht, wenn der am Mittwoch in Minsk vereinbarte neue Waffenstillstand in Kraft tritt, neue Gebiete kommen.

Waffenruhe Jetzt will Kiews Armee bis zur Waffenruhe die beiden Städte zurückerobern. Aber auch die von den Russen unterstützten Separatisten dürften nicht untätig bleiben. „Wir müssen mit dem Eroberungsversuch von Debalzewo und Mariupol rechnen“, warnte am Freitag Petro Meched, der Kiewer Vize-Verteidigungsminister.

Und tatsächlich: Während es am Freitag rund um die von ukrainischen Regierungstruppen zurückeroberte Hafenstadt Mariupol ruhig blieb, wurde bei der Kleinstadt Debalzewo erneut heftig gekämpft. Die 25 000-Einwohnerstadt werde mit Raketen und schwerer Artillerie beschossen, meldete der ukrainische Generalstab. „Der Beschuss ist so intensiv wie in den Tagen zuvor“, heißt es. Ein Armeesprecher berichtet in Kiew von elf getöteten Soldaten und rund 40 Verletzten.

Kampf um Verkehrsknotenpunkt

Um den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt Debalzewo wird seit Wochen gekämpft. Er liegt zwischen den beiden selbst ernannten separatistischen „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk und trennt die beiden „Hauptstädte“ verkehrstechnisch. Für die Versorgung Donezks aus Russland müssen deshalb weite Umwege gefahren werden. Fiele Debalzewo hingegen in Rebellenhand, so könnten diese künftig leicht und ungestört auch schwere Waffen an die Frontlinie transportieren.

Ukraine-Krise Laut den Lagekarten der Rebellen ist Debalzewo bereits eingekreist. In der Stadt sollen sich demnach nur noch das Zentrum und zwei Vororte gegen die Besetzung wehren. Bis zu 8000 ukrainische Truppen sollen sich in dem Gebiet befinden. Sie könnten, wie schon ihre Kameraden im Sommer in Ilowajsk, in Massen aufgerieben und gefangen genommen werden.

Unmut über Minsker Einigung

Doch der ukrainische Generalstab widerspricht den Darstellungen der Rebellen. Ein Kessel um Debalzewo sei reines Wunschdenken der Separatisten. „Die Arbeit der ukrainischen Artillerie, verhindert eine Umzingelung“, hieß es.

Dessen ungeachtet wächst in der Ukraine der Unmut über die Minsker Einigung. Mehrmals habe „die ukrainische Delegation mit ihren deutschen und französischen Freunden“ die 17-stündigen Verhandlungen mit Putin abbrechen wollen, berichtete Kiews Außenminister Pawlo Klimkin am Freitag. Trotz des neuen Abkommens, das ab Sonntag einen Waffenstillstand bringen soll und die Souveränität der Ukraine in ihren bisherigen Grenzen garantiert, herrscht in Kiew Ernüchterung.

Druck auf Poroschenko

Vor allem auf Präsident Petro Poroschenko bleibt der innenpolitische Druck groß, den Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen. Dass er sich in Minsk zu einer „friedlichen Lösung“ verpflichtet und den Separatisten viele Zugeständnisse gemacht hat, brachte ihm Kritik ein. „Hochverrat“ wirft das Freiwilligenbataillon Asow dem Oberbefehlshaber vor. Er habe ukrainische Positionen aufgegeben.

Die Asow-Kämpfer wollen weiter gegen Aufständische vorgehen – der Feuerpause und dem vereinbarten Abzug schwerer Waffen zum Trotz.