Keine Alternative zum Rückzug

Debalzewo..  Zwischen den Bauernhäusern am Südrand von Luganskoje liegen die Kämpfer des Freiwilligenbataillons Donbass in Bereitschaft. Ihre Panzerfahrzeuge wirken mager, auf einigen türmen sich Rucksäcke und Iso-Matten. Stämmige Männer in Kaki und Grün, einige auch in weißen Winteranzügen, stehen mürrisch dazwischen herum. Reden will keiner.

Die ukrainischen Krieger haben Grund zu schlechter Laune. Der Feind ist dabei, Debalzewo zu erobern, in der Stadt toben seit Tagen Straßenkämpfe, Rebellenführer Alexander Sachartschenko, der am Dienstag in Debalze­wo russischen Kriegsreportern ein spektakuläres Frontinterview geben wollte, wurde am Bein verletzt. Aber seine Soldaten rückten gestern weiter vor, massiv unterstützt von russischen Berufsmilitärs.

Putins Siegerhäme

Wie die Kiewer Zeitung „Westi“ berichtet, sind sie von zwei Seiten ins Stadtzentrum eingedrungen. „Vor 15 Minuten haben die Krieger der Russischen Welt mit ,Allach Akbar‘-Rufen die Polizeistation gestürmt“, meldet der ukrainische Frontkorrespondent Andrij Tsaplienko sarkastisch auf Facebook. Die Rebellen berichten triumphierend, ukrainische Soldaten würden sich zu Hunderten ergeben. Der russische Präsident Putin vergoss bereits am Dienstag in Budapest Siegerhäme: „Niederlagen sind immer bitter. Besonders wenn du früheren Bergarbeitern und früheren Traktoristen unterliegst.“

Gestern wählte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine dramatische Kulisse für seine Hiobsbotschaft vom Verlust der strategisch wichtigen Stadt Debalzewo. „Heute Morgen haben Streitkräfte und Nationalgarde mit dem organisierten Abzug aus Debalze­wo begonnen“, sagt der Staatschef mit Grabesstimme in einer Ansprache.

Eiskalt ist es auf dem Rollfeld eines Flughafens in Kiew, im Hintergrund heulen die Düsen der Regierungsmaschine. Kurz darauf hebt die Antonow An-74 in Richtung Donbass ab. Es ist für den Staatschef ein bitterer Truppenbesuch im Krisengebiet.

Die Experten in Kiew aber streiten über die Gründe der Niederlage. „Der Kessel von Debalzewo hätten vermieden werde können“, sagt Juri Kasjanow, Aktivist der Gruppe „Armija SOS“. „Ich verstehe nicht, warum dort so viele unserer Soldaten konzentriert wurden. Und warum man sie nicht längst zurückgezogen hat.“

Tatsächlich kündigten die Rebellen schon Mitte Januar an, sie wollten Debalzewo einkesseln. Aber der ukrainische Generalstab hat offenbar übersehen, wie heftig der eigene flaschenförmige Frontvorsprung bei Debalzewo den Feind zu einer Zangenbewegung einlud. „Das war strategische und taktische Feigheit“, schimpft der Politologe Wladimir Firsenko. „Das Oberkommando hatte Angst, die Truppen zurückzunehmen, weil die Hurrapatrioten sie dann als Verräter beschuldigt hätten.“

Zahlreiche Gefangene

Die prorussischen Aufständischen sehen dagegen ein wichtiges Ziel erreicht. Demonstrativ hissen sie ihre Fahne über Debalzewo. Das russische Staatsfernsehen zeigt, wie Dutzende ukrainische Soldaten von Aufständischen abgeführt werden. Ohne Waffen stapfen die Regierungseinheiten durch den schmutzigen Schnee, vorbei an zerschossenen Panzern und Bergen von Geschosshülsen.

5000 bis 8000 ukrainische Soldaten sollen sich in Stadt aufhalten. Einige Einheiten haben sich in kleinen Kampfgruppen zu Fuß zurückgezogen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Unian erreichten gestern 100 bis 150 von 2000 Soldaten der 128. Brigade die eigenen Linien. In der Leichenhalle von Artjomowsk trafen über 20 Särge mit bei Debalzewo gefallenen Ukrainern ein.

Die Schlacht um Debalzewo ist verloren, aber der Krieg ist noch längst nicht vorbei.