Das aktuelle Wetter NRW 24°C
Politik

Kämpfe in Syrien halten trotz Waffenruhe weiter an

27.10.2012 | 21:04 Uhr
Foto: /AP/Narciso Contreras

Der Versuch, über die Feiertage des islamischen Opferfestes die Waffen in Syrien schweigen zu lassen, ist gescheitert. Nachdem es bereits am Freitag, dem ersten Tag der Waffenruhe, nach Angaben von Aktivisten mehr als 100 Tote gab, gingen die Kämpfe auch am Samstag weiter.

Beirut (dapd). Der Versuch, über die Feiertage des islamischen Opferfestes die Waffen in Syrien schweigen zu lassen, ist gescheitert. Nachdem es bereits am Freitag, dem ersten Tag der Waffenruhe, nach Angaben von Aktivisten mehr als 100 Tote gab, gingen die Kämpfe auch am Samstag weiter.

Der Chef der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdul-Rahman, sagte, die Vereinbarungen zur Kampfpause seien am Freitag bereits nach drei Stunden gebrochen worden. Am Samstagnachmittag meldete die Beobachtungsstelle zudem den ersten Angriff syrischer Kampfflugzeuge seit Beginn der Feuerpause. Bei dem Angriff auf einen Vorort von Damaskus seien acht Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden, hieß es.

Die Londoner Gruppe und Aktivisten vor Ort berichteten zudem von Artillerieangriffen der Regierung auf Stellungen der Rebellen und Kämpfen in verschiedenen Landesteilen. Angriffe und Gefechte gebe es besonders in der nördlichen Provinz Aleppo und im Osten bei Deir el Sur. Aber auch in der Hauptstadt Damaskus und der Stadt Daraa im Süden, in denen es am Freitag Anschläge mit Autobomben gegeben hatte, gingen die Kämpfe weiter.

Autobombe vor Kirche explodiert

Das syrische Staatsfernsehen berichtete, dass die Rebellen in der schon lange umkämpften Stadt Deir el Sur eine Autobombe vor einer syrisch-orthodoxen Kirche gezündet hätten. Nach unbestätigten Behördenangaben sei die Kirche beschädigt worden, es habe aber keine Toten gegeben. Besorgniserregende Nachrichten gab es auch wieder aus der Stadt Aleppo. Am Donnerstag hatten Rebellen triumphierend gemeldet, sie wären erstmals in das von Kurden und Christen bewohnte Stadtviertel Aschrafie vorgedrungen. Damit verletzten sie jedoch laut dem Vorsitzenden der Kurdischen Jekiti Partei, Mohieddine Scheich Ali, eine Vereinbarung. Diese sah vor, die Viertel der kurdischen Minderheit nicht in die Kämpfe einzubeziehen.

In der Folge kam es in der Nacht von Freitag zu Samstag über Stunden zu schweren Kämpfen zwischen Rebellengruppen und Kurden. Nach Angaben der Beobachtungsstelle starben dabei mindestens 19 Rebellen, Kurden berichteten von zehn Gefallenen auf ihrer Seite. Die Angaben ließen sich jedoch nicht von unabhängiger Seite überprüfen. Scheic Ali berichtete der Nachrichtenagentur AP weiter, dass mehr als 100.000 Kurden in dem Viertel lebten und viele im nahegelegenen Stadtteil Scheich Maksud. Zudem seien viele arabische Bewohner Aleppos aus den umkämpften Gebieten in diese bislang sichereren Viertel geflohen.

"Streitigkeiten zwischen unseren Brüdern in der Freien Syrischen Armee und den Kurdischen Volksverteidigungseinheiten", hätten zu den Kämpfen geführt, sagte Scheich Ali. Nach Angaben der Beobachtungsstelle kam es seither zu zahlreichen Entführungen zwischen den Gruppen.

Bislang versuchten die Kurden in Syrien großteils einen Mittelweg zwischen den Rebellen und dem Regime zu verfolgen. Einige Gruppen waren neutral, andere bezogen Stellung. Die Kurden bilden mit 10 bis 15 Prozent der 23 Millionen Einwohner die größte Minderheit im Land. Die meisten leben in einer nordöstlichen Provinz nahe der Grenze zur Türkei, aber es gibt auch große kurdisch dominierte Viertel in Aleppo und Damaskus. Die zuvor oft marginalisierte Volksgruppe wurde seit Beginn des Konflikts von den Rebellen wie vom Regime umworben.

Die Kurden beklagten lange ihre Diskriminierung. Das Assad-Regime verweigerte ihnen die Anerkennung als Syrer und erklärte, sie seien nur Flüchtlinge aus der Türkei oder dem Irak. Kurz nach Beginn des Aufstandes bürgerte Assad dann 200.000 Kurden ein. Zudem vermied das Militär den Einsatz tödlicher Gewalt bei Protesten von Kurden.

Kurden herrschen über Nordostprovinz

Aber auch eine etwaige neue Herrschaft der überwiegend sunnitischen Rebellen wird von viele Kurden skeptisch gesehen. Die größte Oppositionsgruppe im Exil, der Syrische Nationalrat, wählte wohl auch deswegen mit Abdelbaset Sieda einen Kurden an die Spitze. Die Kämpfer der kurdischen Partei der Demokratischen Union PYD sichern weite Teile des Nordostens. Sie ist mit der PKK verbunden, die für ein unabhängiges Kurdistan in der Türkei kämpft.

Zuvor war erhofft worden, die Waffenruhe während der höchsten islamischen Feiertage könnte ein Schritt zur Beendigung des Konfliktes sein. Der seit 19 Monaten dauernde Bürgerkrieg hat nach Zählung der Aktivisten bereits mehr als 35.000 Todesopfer gefordert, zudem sollen Zehntausende verschleppt worden sein.

© 2012 AP. All rights reserved

dapd

Facebook
Kommentare
Umfrage
Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

 
Aus dem Ressort
Städte wollen Spielautomaten komplett aus Kneipen verbannen
Spielsucht
Im Kampf gegen die Glücksspielsucht sehen die Städte die Bundesregierung stärker in der Pflicht: Der Deutsche Städtetag fordert ein konsequentes Verbot von Geldspielgeräten in Gaststätten. Auch Verbraucherschützern geht die Neuauflage der Spielverordnung nicht weit genug.
Kleine Parteien in NRW legen zu - nur die Piraten schrumpfen
Parteien
Seit der Bundestagswahl geht es bei den beiden Volksparteien in Nordrhein-Westfalen wieder abwärts mit den Mitgliederzahlen. Dafür verbuchen viele "kleine" Parteien seit einem Jahr Zuwachs. Nur eine von ihnen bricht zwei Jahre nach ihrem Boom regelrecht ein: die Piraten.
"Den Krieg im Osten der Ukraine gäbe es nicht ohne Russland"
Schriftstellerin
Traumatische Kriegserlebnisse von Kindern hält Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch "Die letzten Zeugen" fest. im Interview spricht die weißrussische Schriftstellerin über Krieg und Frieden - und die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt.
Libyen stürzt ins Chaos - Deutschland zieht Diplomaten ab
Lybien
Die Situation in Libyen gerät außer Kontrolle. Die Flughäfen der Hauptstadt Tripolis können nicht mehr genutzt werden. Trotzdem reisen wegen heftiger Kämpfe immer mehr Ausländer ab. Der Einschlag einer Rakete in ein Benzindepot in Tripolis löste einen Großbrand auf. Es droht eine Katastrophe.
Viele bildungsferne Familien nehmen lieber Betreuungsgeld
Herdprämie
Ein Jahr nach Einführung des Betreuungsgeldes wird die Kritik an der Familienleistung lauter: Die Zahlungen halten offenbar vor allem Zuwandererfamilien und bildungsferne Eltern davon ab, ihre Kinder in die Kita zu schicken. Das ergab eine Studie des Deutschen Jugendinstituts und die der Dortmund.