Jürgen Todenhöfer wirft dem Westen schwere Fehler vor

Mitten im „Kalifat“: Der Journalist  Jürgen Todenhöfer verbrachte zehn Tage mit IS-Kämpfern.
Mitten im „Kalifat“: Der Journalist Jürgen Todenhöfer verbrachte zehn Tage mit IS-Kämpfern.
Foto: Frederic Todenhöfer
Was wir bereits wissen
Jürgen Todenhöfer über den IS und den Konflikt mit Putin. Der Journalist wehrt sich gegen Vorwürfe, sich von Schurken instrumentalisieren zu lassen.

Essen.. Jürgen Todenhöfer (74) polarisiert. Der Journalist und frühere CDU-Bundestagsabgeordnete hat eine eigene Sicht aufs Weltgeschehen. Zuletzt besuchte er das „Kalifat“ der IS-Terroristen. Seine Lesungen aus dem Buch „IS Inside“ locken viel Publikum. Am Mittwochabend spricht er im Audimax der Uni in Essen.

Herr Todenhöfer, welche Botschaft haben Sie für Ihr Publikum?

Jürgen Todenhöfer: Es geht um die Demaskierung des IS-Terrorismus. Ich habe 10 Tage mit IS-Kämpfern gelebt und diskutiert und bin von dieser Reise fassungslos und deprimiert zurückgekehrt.

Was hat Sie so schockiert?

Todenhöfer: Dass viele von denen, die für den IS kämpfen, vorher freundliche, hilfsbereite junge Menschen waren. Und dann wurden sie plötzlich zu gnadenlosen anti-islamischen Killern. Die täglich Dinge machten, die der Koran ausdrücklich verbietet. Sie sind alle völlig fanatisiert. Als hätte man in ihren Köpfen einen Hebel umgelegt.

Woran liegt’s?

IS-Terror Todenhöfer: Diejenigen, die aus dem Ausland zum IS stoßen – zum Beispiel aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich – sind in ihren Heimatländern schlecht behandelt worden, sie fühlten sich diskriminiert. Sie wollen ferner die Ungerechtigkeiten der USA gegenüber den Muslimen im Mittleren Osten rächen. Außerdem glauben sie, an einer weltgeschichtlichen Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse beteiligt zu sein, dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Sie sind immun gegen die Wahrheit, dass der wahre Islam eine liebende, barmherzige Religion ist. Und dass hinter dem IS die bösartige Privatideologie eines Machtmenschen steht.

Wodurch könnte der IS gestoppt werden?

Todenhöfer: Nicht mit den üblichen militärischen Mitteln des Westens. Der IS ist daher weiter auf dem Vormarsch, er betreibt einen Guerrilla-Krieg, manchmal vergleichbar mit dem in Vietnam. Zu stoppen ist er nur mithilfe der Sunniten im Irak. Die wurden durch die irakische Regierung an die Seite gedrängt, haben alles verloren. Sie sehen den IS als kleineres Übel an. Ohne eine nationale Aussöhnung im Irak zwischen Sunniten und Schiiten ist der IS nicht zu stoppen.

Sie haben Assad interviewt und schreiben ein Buch über den IS. Man wirft Ihnen vor, Sie ließen sich von den Schurken dieser Welt instrumentalisieren.

Islamischer Staat Todenhöfer: Diese Kritik ist nicht ganz logisch. Assad und der IS sind Todfeinde. Meine Kritiker müssten sich also schon entscheiden, wer mich instrumentalisiert. Beide- das geht nicht. Bisher hat es allerdings noch niemand geschafft, mich zu instrumentalisieren. Ich beherzige eine einfache journalistische Regel: Mit allen Seiten sprechen, alle Perspektiven aufzeigen. Ohne das kann man sich kein belastbares Urteil bilden. Die Afghanistan-, Irak- oder Syrien-Analyse unserer Leitmedien lag genau deswegen fast immer krachend daneben. Weil sie ihre Informationen nur von einer Seite hatten. Ich habe damals auch mit Führern der Taliban und Vertretern des Saddam-Regimes gesprochen. Obwohl ich sie ablehnte. Wer seine Feinde besiegen will, sollte sie kennen.

Dennoch: Man könnte den Eindruck haben, bei Todenhöfer sind die „Guten“ (USA, der Westen) eher die Bösen, und die „Schurken“ (Terroristen, Despoten, Putin) eher die Guten.

Todenhöfer: Im Irakkrieg waren die USA ja auch wirklich die „Schurken“. Ich habe aber genauso die UdSSR für ihren Einmarsch in Afghanistan kritisiert. Der Westen ist in meinen Augen nicht „böse“, aber er macht große Fehler. In der muslimischen Welt und derzeit auch gegenüber Russland. Ich glaube, wir sollten fairer mit dem Islam und den Muslimen umgehen, und wir sollten weiter das Gespräch mit Putin suchen. Willy Brandt hätte keine Entspannungspolitik machen können, ohne mit dem damaligen Feind Breshnew zu sprechen. Man hat ihm übrigens ebenfalls vorgeworfen, sich von den Sowjets instrumentalisieren zu lassen.