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Politik

Jucu jubelt wegen Nokia

18.01.2008 | 21:47 Uhr

RUMÄNIEN. Eine kleine 4000-Seelen-Gemeinde entwickelt sich zum Zentrum internationaler Industrie. Die Menschen sind begeistert.

WIEN. Trauer in Bochum, Jubel in Jucu: "Das ist natürlich ein toller Erfolg für unseren Ort", sagt Bürgermeister Ioan Dorel Pojar zu dieser Zeitung. Seine 4000-Einwohner-Gemeinde ist im ganzen Land bekannt, seit Ministerpräsident Calin Popescu-Tariceanu Ende März letzten Jahres ein Investitionsabkommen mit den Finnen schloss. Seither ist Jucu aus den Schlagzeilen nicht mehr herausgekommen. Zu den Interessenten für weitere Ansiedlungen zählen Lockheed Martin und der japanische Elektronik-Konzern Toshiba.

Das Nokia-Geschäft war als Erstes in trockenen Tüchern: Die Werkshallen stehen, einen Monat früher als geplant. Seit Monatsbeginn beschäftigt der Handy-Hersteller schon 150 Mitarbeiter, alle mit Gymnasial- und fünfzig mit Uni-Abschluss, wie man hier betont. "Hunderte haben vor den Schaltern gewartet", erzählt ein Lokaljournalist. Schon zu Jahresende soll der Beschäftigungsstand auf 1000 und bei voller Kapazität dann auf 3500 steigen. Damit wäre das Werk dreimal so groß wie die Nokia-Produktionsstätte im ungarischen Komarom.

Daniel Don, Direktor des Arbeitsamts von Cluj, erwartet rund um Jucu insgesamt sogar 7500 neue Arbeitsplätze. Den Ausschlag für den Ort soll gegeben haben, dass Nokia in der 18 Kilometer entfernten Kreisstadt zusammen mit der dortigen Universität ein Zentrum für Forschung und Entwicklung aufbauen will, sagt Petre Marius Nicoara, Vorsitzender des Kreisrats von Cluj.

"In Jucu selbst leben heute hauptsächlich ältere Leute", sagt Bürgermeister Pojar. "Die Jungen arbeiten meistens im Ausland." Aber selbst von den Älteren hier hätten "zwanzig oder dreißig" bei Firmen rund um Nokia Anstellung gefunden - beim Wachdienst und der Reinigung. Zwar gehört das Gelände nicht der Gemeinde, sondern dem Kreis. Aber der Haushalt des Ortes werde "jedenfalls auf das Doppelte, vielleicht auf das Dreifache" steigen, freut sich der Bürgermeister: "Und damit auch unser Wohlstand." Kritik an dem Vorhaben gebe es keine - und das obwohl bei voller Kapazität täglich 300 Lkw das Werk verlassen sollen. Auch dass das Dorf am Ufer des Kleinen Somesch mit neuen Wohnblocks für Aussiedler aus dem überfüllten Cluj allmählich zur Vorstadt wird, empfindet Pojar nicht als Nachteil.

Die Umgebung von Cluj gilt als die nächste Boom-Region Rumäniens - nach dem weiter südlich gelegenen Banat rund um Timisoara. Obwohl nur 170 Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt, war die mit 320 000 Einwohnern drittgrößte Stadt Rumäniens von ausländischen Investoren bisher gemieden worden. Grund waren die Spannungen zwischen Rumänen und ethnischen Ungarn, kräftig geschürt vom rechtsradikalen Langzeit-Bürgermeister Gheorghe Funar. Sein Nachfolger Emil Boc, zugleich landesweiter Vorsitzender der aufstrebenden Demokratischen Partei, hat den Spuk beendet und kämpft erfolgreich um Ansiedlungen. Extra für den Handy-Hersteller wird die neue Autobahn bis nach Jucu verlängert - ein Versprechen von Transportminister Ludovic Orban. (NRZ) Emil Boc, der Bürgermeister von Klausenburg (Cluj), äußert sich im NRZ-Interview zu der Ansiedlung von Nokia:

NRZ: Herr Boc - wie haben Sie Nokia überredet, nach Klausenburg zu kommen?

Boc: Abgesehen von der erstklassigen Qualität der Arbeitskräfte hier - Klausenburg hat zehn öffentliche und private Hochschulen. Außerdem sind die Stundenlöhne geringer als irgendwo sonst in Rumänien. Und schließlich haben wir auch einen internationalen Flughafen.

NRZ: Sie haben zwei Jahre lang Geheimverhandlungen mit Nokia geführt?

Boc: Ja

NRZ: Woher kommt das Geld für die Infrastruktur in Ihrem Gewerbepark?

Boc: Ich kann Ihnen versichern, der überwiegende Teil sind lokale und regionale Mittel.

NRZ: Offenbar hat sich aber auch die Zentralregierung in Bukarest mit Millionen- Beträgen ins Zeug gelegt, um die Weltfirma Nokia nach Klausenburg zu holen.

Boc: Diese Beteiligung ist geringer als die Aufwendungen der lokalen und regionalen Instanzen. Außerdem möchte ich klarstellen, dass keinerlei EU-Geld in dies Projekt geflossen ist.

NRZ: War Ihnen während der Verhandlungen bewusst, dass mit dem Umzug des Unternehmens nach Klausenburg Tausende Arbeitnehmer in Bochum ihren Arbeitsplatz verlieren?

Boc: Sehen Sie - Nokia ist schon von Finnland nach Deutschland gezogen, um Gewinn zu machen. Jetzt haben sie sich entschieden, von Deutschland nach Rumänien zu ziehen, um einen noch größeren Gewinn zu machen. Und wer weiß - vielleicht werden sie in einigen Jahren wieder woandershin ziehen! Das ist die Marktwirtschaft, wie sie die EU uns so ans Herz gelegt hat.

NORBERT MAPPES-NIEDIEK

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Kommentare
27.01.2008
15:04
Jucu jubelt wegen Nokia
von Ivanfi | #3

Wir sehen es, wir fühlen es, wir wissen es (viel besser als irgend jemand auf der Welt) wir sind der Nabel der Welt!
Es ist schon merkwürdig und dreist, wie andere Länder, wie Finnland (vertreten durch die Nokia AG) oder Rumänien (in der EU mit Deutschlands Gnade, vertreten durch unseren Agenten Verheugen) ohne uns zu fragen, ohne unseren lieb gewordenen Lifestyle zu berücksichtigen (all min!) hinterrücks und hinterhältig Dinge planen, die ihnen nicht zustehen, weil wir nicht gefragt worden sind.

Wie kommt überhaupt eine Firma, wie Nokia dazu, wachsen und gedeihen, im internationalen Wettbewerb billiger und besser als fernöstliche Handys sein zu wollen, und dabei den heiligen deutschen Boden zu verschmähen?
Sollen sie doch aus Finnland, Schweden, USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, aus diesen bösen, unbelehrbaren Ländern mit der Atomkraft die Produktion abziehen, da helfen wir noch gerne nachzutreten!

Nein, es gibt keine rationelle Erklärung für solche Unverschämtheiten. Wir haben doch mit sooo vielen Fördergelder Nokia geschmiert, diese aus den Ärmeln geschüttet, wofür Rumänien 50 Jahre hätte sparen müssen. Nein, bei diesem Verhalten von Nokia können wir nicht so tun als ob nichts geschehen, schweigen, die Zunge abbeißen, die Lippen zunähen, nein, unsere Zeus-Blitze, unseren geballten Zorn müssen wir drohend und vernichtend zeigen, sowohl Nokia als Rumänien eine schmerzliche Lektion bis in den jüngsten Tag erteilen, die sie nie vergessen werden.

Vernichtet alle Nokia-Handys auf deutschem Boden! Meidet Geschäfte, die Nokia anzubieten wagen! Bemalt ihre Schaufenster: „Ich bin ein Verräter, weil ich Nokia-Handys anbiete“. Ebay wirft Nokia-Produkte aus den Angeboten heraus, Touristen aus dem Ausland ist es verboten mit Nokia-Handys in der Öffentlichkeit zu telefonieren. Wir müssen sehr rasch nicht nur ein gentechnikfreies, sondern vielmehr noch Nokia-freies Land werden. Gaststätten, öffentliche Gebäude, Fleischer, Bäcker, Klempner stellen stolz, in gesundem Wettbewerb ereifernd ihre Schilder auf: „Nokia-freier Raum“.
Unser hoch verehrter Herr Minister Seehofer, mit seinem etwas untraditionellen Familienleben zeigt es uns als Anti-Nokia-Aktivist an vorderster Front, unerschrocken und „Handy-Tod“-es mutig, wie man dem Feind begegnet: er ist ab sofort Nokia-Handy-frei und genießt die unerwartete Bodensee-Stille zum Ersten mal in seinem Leben. Sieh’ mal an, wie aus der Not eine Tugend werden kann…..

24.01.2008
15:48
Jucu jubelt wegen Nokia
von Harry herrmann | #2

7 Milliarden Nettogewinn zeigen, daß Profite keine Arbeitsplätze sichern. Mit 3 00 Euro kann man weder in Rumänien noch in Bochum leben. Deshalb freuen wir uns über die Solidaritätsschreiben aus Rumänien zur Unterstützung der Bochumer Kollegen, die es nämlich gibt. Es sind nämlich nicht Rumänen, die hier Arbeitsplätze klauen, sondern die Nokia-Kapitalisten.

18.01.2008
18:43
Jucu jubelt wegen Nokia
von Dachsbau34 | #1

....das ist lupenreine Demokratie. Arme Leute verrecken oder zu Alkoholikern werden lassen. Sich selbst ohne Maß das Ganze Land (Rohstoffe) unter den Nagel reissen. Aber die Hauptsache ist, sie rauchen nicht. Ha, ha, ha...

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