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Bundespräsident

Joachim Gauck und das Verlangen nach einem 'Heiland' im Amt

21.02.2012 | 16:23 Uhr
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem 'Heiland' im Amt
Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Doch es regt sich auch Protest.Foto: dapd

Essen.   Der Protest gegen Joachim Gauck als nächsten Bundespräsidenten deutet auf ein bizarres Anforderungsprofil an den neuen Chef im Schloss Bellevue hin. Schon der Urlaub-bei-Freunden-Präsident Wulff wurde zunehmend zu einer Art 'Papst der deutschen Politik' erhöht. Gauck soll jetzt gar ein Heiliger sein - ein Kommentar.

Ob Joachim Gauck heilende Hände hat, ob er Blinde sehen und Lahme gehen machen kann? Nichts weniger scheint der Anspruch an ihn zu sein, wenn man die zahlreichen Debatten um den designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck aktuell verfolgt.

Schon vor zwei Jahren war Gauck medial in einer Form hinaufposaunt worden, wie man es zuvor nur bei US-Präsident Barack Obama erlebt hatte: "Yes, we Gauck" tönte etwa die "Bild"-Zeitung. Der einstige Stasibehörden-Chef, Bürgerrechtler und Pfarrer von der Ostsee-Küste wurde damals auf einer Woge des öffentlichen Zuspruchs durchs Land getragen - was die Bundesversammlung im Mai 2010 freilich wenig beeindruckte, wo man nach drei Wahlgängen schließlich Christian Wulff als Bundespräsident kürte.

Gauck soll Kanten zeigen ohne anzuecken

Nach Wulffs Absturz, der dem Anspruch der Unfehlbarkeit nicht gerecht wurde, setzt nun nahtlos der nächste Gauck-Höhenflug an: In Umfragen mit höchsten Vertrauenswerten ausgezeichnet , werden an Gauck Hoffnungen und Ansprüche herangetragen, die das Anforderungsprofil des nächsten Bundespräsidenten fast in den Rang eines Heilands heben: Er soll "die Kluft zwischen Politik und Bürgern schließen" und das Vertrauen der Bürger in die Demokratie zurück gewinnen. Zudem soll Gauck wichtige Debatten anstoßen, sein Thema "Freiheit" reiche da aber nicht, er müsse sich mindestens auch als Mahner und Forderer für mehr soziale Gerechtigkeit profilieren.

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Schon im Jahr 2010 wäre Joachim Gauck der Kandidat des Volkes gewesen – diesmal gab am Ende auch die Kanzlerin ihren Segen. Als Konsenskandidat soll der wortmächtige Theologe dem Bundespräsidenten-Amt zu alter Größe verhelfen.

Unbequem soll Gauck jedoch auch noch sein. Mit Blick auf den Gauck-Protest, der sich im Internet entzündet hat , sieht man auf ihn das Kunstück zukommen, Kanten zu zeigen ohne anzuecken. So hat Gauck die Occupy-Bewegung verärgert und es sich mit Aktivisten gegen die Vorratsdatenspeicherung verscherzt. Den Ostdeutschen attestierte Gauck jüngst in Teilen Frust, dem vielfach verhassten Thilo Sarrazin in Anspielung auf dessen umstrittenen Integrations-Verriss "Deutschland schafft sich ab" gar "Mut", für die Linke ist er ohnehin nicht wählbar. So jemand darf doch nicht Bundespräsident sein...

Und es geht im Privaten weiter: Der CSU-Politiker Norbert Geis, Rechts- und offenbar auch Moralexperte der Unionsfraktion, hat Gauck am Dienstag aufgefordert, "seine persönlichen Lebensverhältnisse schnell in Ordnung zu bringen". Aus eigenem Interesse dürfe Gauck keine Angriffsfläche bieten, meint Geis. Worum es geht? Gauck lebt in wilder Ehe mit einer Frau zusammen, ist aber noch verheiratet.

Kann man das noch steigern? Man kann: Im Internet kursiert ein Foto, das Gauck mit Wulff-Freund Carsten Maschmeyer zeigt. Nur ein Schnappschuss - oder gar Beleg für eine unduldsame Nähe zu Wirtschaftsvertretern?

Das alles ist Ausdruck einer Gauck-Hysterie, die sich möglichst rasch abkühlen sollte. Ob Joachim Gauck ein guter Bundespräsident wird - es wird sich nach dem 18. März zeigen. Wenn Joachim Gauck tatsächlich die vollen fünf Jahre einer Amtsperiode ermöglicht werden sollen, wird es Zeit, aus den Fällen Köhler und Wulff zu lernen. Dazu gehört, es Joachim Gauck zuzugestehen, dass er nicht allen recht machen wird. Und den Anspruch an das Amt des Bundespräsidenten herunterzuschrauben: Er ist nicht der Papst und auch kein Heiliger.

Dagobert Ernst

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Kommentare
22.02.2012
13:00
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von woelly | #41

Wenn das hier so weitergeht, wird das nichts! Denn, Herr Gauck will ja nicht nur Bundesvorbild werden, sondern er kommt ja noch als evangelischer Theloge und Pfarrer daher. Alles und Nichts kann man einem Großteil der deutschen Bevölkerung auch nicht zumuten. Möglicherweise dankt Herr Gauck noch vor der Pseudowahl ab. Hatten wir auch noch nicht!

22.02.2012
10:42
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von Plem | #40

Wer den Freiheitsbegriff völlig unkritisch auch auf die Finanzmärkte ausdehnt, diesen also vollständige Freiheit zugesteht, wer die Proteste gegen die Auswüchse durch die Spekulanten und Hedgefonds als "albern" bezeichnet, wer die Armen dafür verachtet, daß sie seine verquere Auslegung der "Freiheit in Verantwortung" nicht verstehen oder nicht umsetzen können, der kann nur Bundespräsident für die oberen 10 Prozent der Gesellschaft sein. Und wenn Herr Ernst dann in seinem Kommentar verlangt, daß man Herrn Gauck zugestehen soll, daß er es nicht ALLEN recht machen kann, ist das eine Verhöhnung des weitaus größten Teils der Gesellschaft, die sich kaum noch überbieten läßt.

Und ich wiederhole es nochmal: wenn ich eine Predigt hören will, gehe ich in die Kirche. Aber dazu brauche ich keinen arroganten, selbstverliebten Prediger auf dem Präsidentenstuhl - das Bild oben spricht Bände!

22.02.2012
10:00
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von woelly | #39

Alles aus einer Hand, denn Pastor Fliege wird sein Pressesprecher!

22.02.2012
08:42
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von Gievelsbiaerger | #38

Wenn die Umfragewerte nicht in die politische Linie passen, wird kurzerhand" depubliziert":
http://bundes.blog.de/2012/02/20/mdr-loescht-umfrage-77-prozent-joachim-gauck-12861889/

22.02.2012
07:19
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von foxtrott | #37

Es ist doch besser, vor einer Präsidentschaft den Kandidaten zu überprüfen als hinterher dumm da zu stehen.Wer so ein Amt einnehmen will, sollte schon relativ frei von politischer Ideologie, wie zum Beispiel dem Neo-Liberalismus, sein. Gauck ist keine gute Wahl, ach ja, er ist ja gar keine Wahl, er wird uns ja verordnet.Die Einzige, die sich wirklich freuen dürfte letztendlich, das ist Mutti.

22.02.2012
06:49
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von Thomas75NRW | #36

der ewig nörgelnde Deutsche. Ständig auf der Suche im Verborgenen um schmutzige Wäsche zu waschen oder um jemanden ans Bein zu pinkeln.
Wer hier frei von Fehlern ist (der muss sein gesamtes Leben verpennt haben) kann sich ja zur Wahl aufstellen aber da wird sich vermutlich keiner finden.
Also lassen wir uns überraschen und wünschen Herrn Gauck für das Amt des Bundespräsidenten (und nicht des Papstes) alles Gute.

22.02.2012
06:21
Nich ein Verlangen nach, sondern die Behauptung er sei ein Heiland, steht zur Debatte
von findling | #35

Die unsägliche Lobhudelei über den großartigen Kanditaten, den ja auch "Der Westen" betrieben hat, stand und steht im Vordergrund, und auch der erzeugte Eindruck, als hätte jemals ein Bundespräsident die Verhältnisse der Republik bestimmt und deshalb sei das Amt von Bedeutung.
Diese Lobhudelei war dermaßen eskaliert und irrational, so dass der Eindruck entstand, dieser Mann müsse ein Heiliger sein, der Wunder wirken könne.

Von Menschen mit gesunden Menschenverstand hätte mang dies aber nicht erwarten können und dahin hätte sich der Kommentator wenden sollen.
Gauk ist ene ganz normale Flasche, wie viele andere auch, und etwas anderes hätte man dem Publikum auch nicht erzählen brauchen.

22.02.2012
05:29
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von kadiya26 | #34

Ich denke, Gauck sollte sich einfach nicht wählen lassen. Nicht, weil er das Amt nicht führen könnte. Sondern weil in diesem komischen Land zurzeit eine Stimmung herrscht, die es niemandem ermöglicht, Bundespräsident zu werden. Es sei denn, er hätte bisher auf dem Mond gelebt.
Fest steht: Egal, welche Person zur Wahl stünde, es würde immer ein Haar in der Suppe gefunden. Also wäre es besten, wenn sich niemand mehr an den Pranger "Bundespräsidentschaft" stellte.
Punkt aus Mickymouse.

22.02.2012
03:19
"Liberales Netzwerk"
von Timmy | #33

Gauck ist seit 2003 Kuratoriumsmitglied der Stiftung "Liberales Netzwerk".

»Das Ende 1996 zunächst als eingetragener Verein gegründete Liberale Netzwerk ist eine FDP-nahe Vereinigung mit gut 500 Mitgliedern, die sich auf die Organisation von Veranstaltungen konzentriert, auf denen neoliberal orientierte Größen aus Politik und Wirtschaft zu Wort kommen.Etwa 10 Prozent der Mitglieder sind auch Mitglieder der FDP. (...)

(...) Weitere Gremienmitglieder haben oder hatten Beziehungen zur Friedrich-Naumann-Stiftung, Stiftung Marktwirtschaft, Ludwig-Erhard-Stiftung, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Hayek-Gesellschaft/Friedrich August von Hayek Stiftung, Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), Institut der deutschen Wirtschaft (IW)und zum Wirtschaftsrat der CDU.

Wie die meisten neoliberalen Netzwerke diffamiert auch das Liberale Netzwerk staatliche Maßnahmen zum Schutz der schwachen Marktteilnehmer (Arbeitnehmer, Verbraucher, Rentner, Arbeitslose) als staatliche Bevormundung, (

1 Antwort
Teil 2
von Timmy | #33-1

Wie die meisten neoliberalen Netzwerke diffamiert auch das Liberale Netzwerk staatliche Maßnahmen zum Schutz der schwachen Marktteilnehmer (Arbeitnehmer, Verbraucher, Rentner, Arbeitslose) als staatliche Bevormundung, (...)«

http://www.lobbypedia.de/index.php/Liberales_Netzwerk

22.02.2012
00:20
Joachim Gauck und das Verlangen nach einem Heiland im Amt
von grundwissen | #32

Fortsetzung: Mit der Bemerkung von Claudia Roth, dass Gauck dem Amt des Bundespräsidenten wieder Glanz (und Gloria) verleiht, scheinen sich die Grünen auch für nichts zu schade zu sein. Das Votum für den Kosovokrieg, für Kriegseinsätze in Afghanistan, für eine Hinhalte-Taktik zum Weiterbetrieb von Kernkraftwerken bis zum Quartalsende des Jahrhunderts zeigt nur, wie weit sich diese Partei von ihren Wurzeln und Forderungen entfernt hat. Fehlt nur noch, dass sie im Verbund mit dem gläubigen Pastor aus den Ostgebieten den Kreationisten freien Eintritt in ihr Parteileben garantieren.

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