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Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde

07.06.2010 | 18:36 Uhr
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde

Essen. Fan-Seiten, Twitter-Aktionen, Online-Petitionen: Im Internet wird Stimmung für Joachim Gauck gemacht. Er soll der nächste Bundespräsident werden. Die Kampagne hat nur einen Schönheitsfehler.

Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, das deutsche Wahlrecht wäre nicht so, wie es ist. Den Bundespräsidenten könnte man direkt wählen. Wie den Präsidenten in den USA. Und spinnen wir noch ein bisschen weiter: Nicht Parteien, sondern die Bürger selbst würden sich für „ihren“ Kandidaten einsetzen. Genau das passiert in diesen Tagen tatsächlich im Internet. Plötzlich gibt es eine Kampagne für Joachim Gauck als Bundespräsidenten. Dabei hatte man der sogenannten Netzgemeinde doch immer vorgeworfen, sie sei unpolitisch, wenn es nicht gerade um die klassischen Internet-Themen wie Urheberrecht und Datenschutz gehe.

Seit dem Wochenende fegt ein Kampagne durchs Netz, wie es sie seit „Zensursula“ nicht mehr gegeben hat. Damals protestierten Netz-Aktivisten gegen die von der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen initiierten Netz-Sperren gegen Kinderpornografie. Wichtigster Unterschied: Diesmal ist man nicht gegen eine Person, sondern spricht sich für jemanden aus.

Eine Gruppe auf Facebook mit dem Namen „Joachim Gauck als Bundespräsident“ hatte am Montagnachmittag, fünf Tage nach ihrer Gründung, schon über 8300 Mitglieder. Sie bekunden nicht nur passiv durch Mitgliedschaft ihre Sympathien für Gauck, sondern diskutieren auch über dessen Kandidatur. Darüberhinaus gibt es jede Menge Gauck-Zitate, Videos und Fotos, die Facebook-Nutzer auf die Seite posten. Darunter findet sich auch ein Bild, das einen zunächst stutzig werden lässt: „Liberale für Gauck“ steht da Blau auf Gelb neben dem Kopf von Gauck. Moment mal: Hatte sich die FDP nicht längst für Christian Wulff als Präsidentschaftskandidaten entschieden ?

Marco Biewald, Vorsitzender des FDP-Ortsverbandes Düsseldorf Mitte, hat die Collage auf die Facebook-Seite gestellt und kein Problem damit, dass er sich damit gegen die Spitze seiner Partei richtet: „Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang einer Diskussion“, sagt er. In seiner Partei nehme er eine Stimmung wahr, die mit Joachim Gauck als Bundespräsidenten sehr gut leben könnte . Übrigens war auch der Gründer jener Facebook-Fangruppe, Christoph Giesa, einst Vorsitzender der „Jungen Liberalen“ in Rheinland-Pfalz.

Die weitaus meisten Pro-Gauck-Initiatoren im Netz haben allerdings keinen parteipoltischen Hintergrund. Oft zählen sie aber zu Meinungsführern im Netz, die das Kampagnen-Geschäft gut verstehen. Zum Beispiel Nico Lumma von der Werbeagentur Scholz & Friends. Er hat mit „Wir für Gauck“ eine Online-Petition ins Netz gestellt, die bis Montagnachmittag über 700 Mitzeichner hatte. Eine andere, an den Bundestag gerichtete Petition hatte am Montagnachmittag schon über 2200 Mitzeichner.

Dass im Netz kein Hehl aus den Sympathien für Joachim Gauck gemacht wird, zeichnete sich auch in „Votings“ ab. Auf DerWesten waren am Montag 68 Prozent für Joachim Gauck, Christian Wulff bekam gerade einmal 9 Prozent der Stimmen. Das ist weder wissenschaftlich, noch repräsentativ. Doch es passt zur allgemeinen Stimmung im Netz, das seinen Präsidenten gefunden hat.

Das Ganze hat Geschichte. Als Ursula von der Leyen als Präsidenschaftskandidatin ins Spiel gebracht wurde, war das alte Feindbild wieder da. Im Mikroblogging-Dienst Twitter wurde sie unter dem Schlagwort „#notmypresident“ (nicht mein Präsident) abgelehnt. Daraus wurde nach Gaucks Kandidatur bald “#mygauck“. Wer einen Tweet mit diesem Schlagwort abschickt, taucht mit seinem Twitter-Bild (Avatar) in einem Mosaik auf. Zusammen ergeben sie ein Porträt Gaucks. Bis Montagnachmittag hatten 2500 Twitter mitgemacht. Die Stimmung für Gauck und gegen Wulff ist so stark, dass ein TAZ-Blogger schon von einem „Sommermärchen“ träumte. Ob die Kampagne das Netz verlässt, ist aber noch völlig offen.

Und sie hat einen Schönheitsfehler: Das Volk wählt bei uns den Präsidenten nicht direkt.

Marc Hippler



Kommentare
23.06.2010
05:17
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von Herold Schincke | #24

Meiner auch nicht !!!!!!!!!!!!!!
.
.

10.06.2010
19:17
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von junges deutschland | #23

Mein Liebling ist dieser Opa nicht !!!!!!!!!!!!!!!!!!!

08.06.2010
10:31
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von Hans Werner | #22

Deutschland muß sparen. Weg mit dem Posten.

08.06.2010
10:28
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von MHR | #21

@20: wahrscheinlich sind Sie tatsächlich so naiv, dass Sie auch die allseits beliebten früheren Bundespräsidenten von Weizsäcker und Rau nicht für Karrieristen halten. Letzterer hat nur ganz zufällig, aber dafür sehr frühzeitig eine Heinemann-Tochter geheiratet, um die Weichen in seiner politischen Zukunft richtig zu stellen...

08.06.2010
10:19
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von KarlK | #20

Wulff ist ein farbloser Karrierist. Ein Mann der als Nachwuchspolitiker gegen einen altersschwachen Kanzler rebelliert imponiert nicht. Der hat nur verstanden wie man sich in die Köpfe einbrennt. Er hat noch nicht mal begriffen, das die graue Maus am anderen Ende des Tisches Propaganda von der Picke auf gelernt hat. Die hat verstanden wie man sich mit den alten Mächtigen verbündet ohne von denen mit in den Schmutz gezogen zu werden. So etwas konnte man bis dahin aber auch nur in totalitären Regimen lernen.

Nein Wulff ist eine ähnliche Bankrotterklärung wie von der Leyen.

Gauck ist ein Mann der in Deutschland wieder eine dringend benötigte vernünftige Diskussionskultur installieren kann.

Daher ist nur er bei der bestehenden Auswahl der einzig sinnvoller Kandidat.

08.06.2010
09:56
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von MHR | #19

So sehr mir Herr Gauck imponiert, bin ich doch für die Wahl von Christian Wulff. Für ihn spricht gerade seine politische Erfahrung. Dies gilt erst recht nach dem bedauerlichen Rücktritt des Seiteneinsteigers Köhler, der ebenso wie Herr Gauck nur Spitzenbeamter war.

Und trotz seiner parteipolitischen Bindung ist Herr Wulff kein Polarisierer, so dass er als Bundespräsident glaubhaft für alle Deutschen stehen könnte. Es stimmt auch nicht, dass er völlig farb- und konturlos wäre: schon als junger Politiker ist er gegen die von Helmut Kohl angedachte Amnestie für Parteispender aufgestanden. Und in Niedersachsen ist er bei den Wahlen als junger Außenseiter gegen gestandene Politiker angetreten und hat dabei Stehvermögen und Willen gezeigt.

Was hier in den Medien und der Netzgemeinde abläuft, ist aus meiner Sicht eine erneute Kampagne gegen die Bundeskanzlerin und nichts anderes. Das Verhalten der Medien seit dem Start der schwarz-gelben Koalition hat nichts mehr mit objektiver Kritik zu tun (die in der Tat dringend geboten wäre). Vielmehr ist die Einseitigkeit und Verbissenheit der Berichterstattung schier unerträglich - dies hat wohl auch Herr Köhler so gesehen.

Und so sehr es mich grundsätzlich freuen würde, gegen den erklärten Willen der LINKEN den für unwählbar gehaltenen Gauck in das höchste Staatsamt zu wählen, spricht eben die völlige (sachlich nicht gerechtfertigte) Ablehnung von dieser Seite letztlich gegen Herrn Gauck. Er hat als Leiter der Gauck-Behörde wertvolle Arbeit geleistet, die damit aber erledigt ist und nicht in der Funktion als Bundespräsident fortgesetzt werden sollte. Letzteres würde nämlich spalten und nicht einen.

08.06.2010
09:50
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von Meinungssager | #18

Gauck ist die bessere Wahl.
Sollte die Mehrheit der Wahlberechtigten das auch so sehen, bekommen wir in absehbarer Zeit
eine neue Regierung, dann hat sich schwarz/gelb erledigt.

08.06.2010
08:52
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von Stoefi | #17

Ich lese aus einigen Meinungen heraus, dass nach unserer Verfassungswirklichkeit, die auf dem Grundgesetz fußt, ein parteiunabhängiger Präsident gewählt werden müßte.

Das ist mir ganz neu. Nach meiner Erinnerung waren alle früheren Präsidenten wie Heuss (FDP) oder Scheel (FDP) oder Heinemann (SPD) oder Rau (SPD) oder Lübke (CDU) oder Köhler (CDU) usw. usw. zunächst Mitglieder einer politischen Partei, über deren Ticket sie ja auch in die Ämter gelangten.

Es war also eigentlich niemals anders. Nur:
Nach der Wahl sollten die Präsidenten Ihr Amt neutral ausüben. Das ist ihnen ja auch gelungen.

Natürlich kann man Herrn Gauck für den besseren Mann halten. Der Meinung könnte ich mich anschließen, obwohl mich seine ehrliche Meinung vom 20.03.2010 auf der Leipziger Buchmesse nun etwas ratlos macht. Dort hatte er doch unter Hinweis auf sein hohes Alter die Übernahme eines Hauptamtes in der Evangelischen Kirche ausgeschlossen; er sei lediglich für Ehrenämter zu haben.

Das mag ein Kandidat für das Bundespräsidentenamt anders sehen - aber ein Hauptamt ist das doch auch, oder?

08.06.2010
07:51
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von LewBronstein | #16

Ein schöner Liebling der Netzgemeinde, ein Gewinnler der Konterrevolution, der Menschen aus gnadenloser persönlicher Rachsucht im Stile eines Hexenjägers verfolgt !
Naja, da die Herren Inquisitoren sowieso alles Pfaffen waren........

08.06.2010
07:44
Joachim Gauck ist Liebling der Netzgemeinde
von corado | #15

Herr Gauck ist neutral und überparteilich. Das fürchtet eine Regierung. Es ist ein Witz, wer in Deutschland den Präsidenten wählt. Alle macht geht vom Volke aus! Und dabei darf ich mir doch wohl selbst aussuchen dürfen wer mich und das Land, in dem ich lebe, nach aussen hin repräsentiert?
Hat die Verfassung da vielleicht einen kleinen, aber wirkungsvollen Denkfehler, den die, die die die Verfassung ändern könnten, nicht korrigieren wollen?
Wenn das Volk den Präsidenten nicht wählen darf, wieso haben wir ihn überhaupt? Dann können wir uns auch die Zeit vor November 1918 zurückwünschen, da durfte das Volk den Repräsentanten auch nicht wählen. Aber der war über lange Jahre dann aber im Amt und meist auch fähig.

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