Jeder Vierte unter 14-Jährige war schon Opfer von Cyber-Mobbing

Die meisten Schulkinder haben Smartphones – sie vereinfachen das schnelle Mobbing.
Die meisten Schulkinder haben Smartphones – sie vereinfachen das schnelle Mobbing.
Foto: iStock
In Deutschland ist jeder Vierte unter 14-Jährige schon Opfer von Mobbing im Internet geworden. Justizminister Heiko Maas ist alarmiert.

Berlin.. „Du bist hässlich. Eine dumme Schlampe. Niemand will Dich hier. Töte Dich. Hau ab.“ Täglich erhält eine 14-Jährige solche Beschimpfungen auf ihrer Facebook-Seite. Der Absender ist unbekannt. Das Mädchen verzweifelt.

Eine 41-Jährige ist länger krank. Plötzlich tauchen von ihr Fotos am Strand auf. Die Bilder machen in einer WhatsApp-Gruppe ihrer Kollegen die Runde. Nur schwer kann sie beweisen, dass diese Bilder alt sind. Ihre Glaubwürdigkeit ist dahin, der Ruf ruiniert.

In den sozialen Netzwerken werden längst nicht nur Freundschaften gepflegt. Es wird beschimpft, gedroht, verleumdet, gehänselt und beleidigt. Ob peinliche Fotos und Videoclips oder plumpe Schimpfworte – Mobbing im Internet ist weltweit auf dem Vormarsch. „Jeder vierte junge Mensch unter 14 Jahren war in Deutschland bereits Opfer von Cyber-Mobbing“, sagt Catarina Katzer, die Leiterin des Instituts für Cyberpsychologie und Medienethik (Köln). Dabei trifft es keineswegs nur Kinder und Jugendliche. „Auch immer mehr Erwachsene sind diesem Phänomen hilflos ausgesetzt. Cybermobbing droht zur Zeitbombe des Internets zu werden.“

International gibt es noch keine flächendeckende Hilfe

Umso wichtiger ist es deshalb, dieser Verletzung von Persönlichkeitsrechten entschieden entgegenzutreten. „Doch weder in Deutschland noch international gibt es flächendeckende Hilfesysteme oder ausreichende Präventionsmaßnahmen in Schulen“, nennt Katzer ein Ergebnis der Studie „Digital Risks Survey“ im Auftrag der Versicherung ARAG. Erstmals wurden 64 führende Wissenschaftler aus Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Spanien und den USA zu ihrer Einschätzung des Phänomens befragt, um daraus Ideen für einen besseren Schutz der Opfer abzuleiten.

Das Phänomen ähnelt sich in allen Ländern. Für Mobbing im Internet wird vor allem das Smartphone benutzt, es wird damit zunehmend zur digitalen Waffe – der „Smart Weapon“. Ob jung oder alt, alle Generationen knipsen vermehrt Fotos von sich in privaten Situationen. Die „Generation Selfie“ macht sich durch ihre Selbstpräsentation damit schneller zum Opfer.

Täter und Opfer werden immer jünger

Sowohl Täter und Opfer werden immer jünger, da die Versorgung mit Smartphones oder der Zugang zu Tablets manchmal schon im Grundschulalter beginnt. Schnell werden Fotos versendet. Jugendliche überschätzen dabei oft ihre Fähigkeiten im Umgang mit den neuen Medien. Risiken werden unterschätzt. „So schicken Mädchen ihrem Freund ein aufreizendes Foto, das dieser dann aber ungefragt auf Facebook postet“, erzählt Katzer. Die Persönlichkeitsrechte sind schnell verletzt.

Generell stellen die Wissenschaftler einen Mangel an Empathie fest – also an Einfühlungsvermögen. Viele Mobber sehen sich gar nicht als Täter, haben nicht im Blick, welche Schäden sie mit ihren Postings anrichten. Dass sie mit ihren hässlichen Kommentaren sensible Seelen verletzen, Menschen in psychische Krankheiten oder schlimmstenfalls sogar in den Tod treiben.

Justizminister und Familienministerin erkennen Problem

„Cybermobbing ist ein sehr ernsthaftes gesellschaftliches Problem, das viel zu lange verharmlost wurde. Cyberattacken hinterlassen besonders bei Kindern und Jugendlichen schwerwiegende Folgen“, sagt auch Justizminister Heiko Maas. Deutschland habe deshalb zumindest den strafrechtlichen Schutz der Opfer von Cybermobbing verbessert. So macht sich seit 2015 auch strafbar, wer Bilder anderer in hilflosen Situationen zeigt. „Es reicht allerdings nicht aus, Cybermobbing allein mit den Mitteln des Strafrechts zu bekämpfen. Große Bedeutung haben präventives Handeln, etwa verlässliche Alterskontrollen, funktionierende Moderationskonzepte und Meldesysteme.“ Das Bundesfamilienministerium plädiert vor allem für „einfach auffindbare und vor allem wirksame Melde-, Rat- und Hilfeangebote für Kinder und Jugendliche. Hier sehen wir auch die Anbieter in der Pflicht, diese vorzuhalten und bereits vorhandene Maßnahmen zu verbessern. Im Rahmen der Novellierung des Jugendmedienschutzes prüfen wir derzeit Möglichkeiten, Anbieter die sich hier vorbildlich verhalten, zu unterstützen.“

In Haupt- und Grundschulen wird am wenigsten getan

Auch die Wissenschaftler sehen in einer umfassenden Prävention den Schlüssel für mehr Schutz. Allerdings reichen ihnen die Maßnahmen in deutschen Schulen nicht. Sie seien unzureichend. Insbesondere an Haupt- und Grundschulen werde am wenigsten getan. Dabei schneidet Großbritannien hinsichtlich der Vorsorge an Schulen im internationalen Vergleich noch am besten ab, gefolgt von den Niederlanden, den USA und Norwegen. Deutschland landet im Mittelfeld. Schlusslichter sind Spanien, Italien und Polen.

Grundsätzlich müssten nicht nur die Schulen, sondern auch die Anbieter sozialer Netzwerke stärker in die Pflicht genommen werden. Vorbilder sind dabei Großbritannien und Norwegen. Beide Länder haben seit Jahren umfangreiche Präventionsprogramme in den Schulen aufgelegt. Wichtig sei es, dass die Jugendlichen den Umgang mit dem Netz begreifen, so die Sozialpsychologin Katzer: „Was passiert mit mir, wenn ich mich im Netz bewege? Wie verändert sich mein Leben, wenn ich online bin? Was tue ich anderen mit meinen Nachrichten an?“ Schon die Lehrer müssten im Studium in der Sache ausgebildet werden. In den Schulen sollten Beraterteams eingerichtet werden, die bei Onlineproblemen Hilfe geben und notfalls einschreiten können. Aber auch im Geschäftsleben gibt es erheblichen Nachholbedarf, so die Studie: „Dort gibt es bislang in keinem Land ein ausgeprägtes Präventionsmanagement.“

Die Anbieter im Internet sind ebenfalls gefordert, stärker gegen Mobbing vorzugehen. Filtersysteme gegen Hassattacken seien eine Möglichkeit. Konkret fordert Katzer die Einführung eines SOS-Buttons „Mobbing-Alarm“ in den sozialen Netzwerken, der deutlich erkennbar ist. Sobald sich jemand belästigt fühle, sollte er darauf klicken können, um sofortige Hilfe bei den Anbietern zu erfragen, wir er sich gegen mögliche Attacken wehren kann. „Wenn man Mobbing reduzieren will, sind alle in der Pflicht“, ist Katzer überzeugt: „Die Bildung, die Politik und die Industrie.“

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