Japan auf dem Radar des internationalen Terrorismus

Tokio..  Japan ist tief geschockt. Die Nachricht von der Ermordung des japanischen Journalisten Kenji Goto löste gestern Entsetzen in einer Nation aus, die sich jahrzehntelang als pazifistisch verstanden hat. Mit einem Schlag wurde jetzt vielen Japanern bewusst, dass ihr Land nun plötzlich auch auf dem Radar des internationalen Terrorismus steht. Für andere war es nur eine Frage der Zeit, wann Japan die Konsequenzen einer Politik zu spüren bekommt, die ein stärkeres Engagement des Landes und eine offensivere Außenpolitik vorsieht.

In einem der ins Internet gestellten Videos des IS warf die Terrormiliz Japan die Teilnahme an einem „Kreuzzug“ vor. Damit, so meint der Nahost-Experte Akira Usuki von der Nihon Joshi Universität, sei Japans Außenpolitik gemeint, seit der damalige Ministerpräsident Junichiro Koizumi im zweiten Golfkrieg nicht kämpfende Soldaten der Selbstverteidigungsstreitkräfte zur Unterstützung des Sicherheitspartners USA im „Krieg gegen den Terror“ in den Irak entsandt hatte. Tatsächlich strebt Japan schon seit längerem eine offensivere Orientierung der Außenpolitik an.

In den vergangenen Jahren hat Japan sein Militär nicht nur in immer größerem Umfang in UN-Missionen einbinden lassen, sondern auch zur logistischen Unterstützung des globalen Kampfes gegen den Terrorismus in den Indischen Ozean und den Irak entsandt.

Der amtierende Regierungschef Abe will nun einen Schritt weitergehen und die militärische Rolle Japans ausbauen; er nennt das „proaktiven Pazifismus“. Dazu gehört eine Lockerung des jahrzehntelangen Verbots von Waffenexporten ebenso wie eine Neuinterpretation der pazifistischen Verfassung, damit Japan künftig in Konflikten an der Seite von Verbündeten, namentlich der USA, kämpfen kann. Welche Konsequenzen diese Politik haben kann, zeigt nach Meinung von Experten die Ermordung der Geiseln durch die Terrormiliz IS. Es bleibe abzuwarten, ob die japanische Bevölkerung angesichts des schockierenden Schicksals der Geiseln bereit sei, Abes außenpolitischen Kurs mitzutragen.