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Politik

Israel zieht es vor zu leben

21.04.2008 | 00:26 Uhr

Der israelische Gesandte Ilan Mor im WAZ-Gespräch über das Ansehen seines Landes, das moralische Dilemma im Umgang mit den Palästinensern und die Problemzonen im Verhältnis zu den Deutschen

Ilan Mor: "Was wir brauchen, ist das Gefühl, dass wir nicht alleine sind." Foto: WAZ, Felix Hoffmann

Herr Mor, Sie waren 1992 bis 1996 schon einmal in Deutschland. Hat sich das Land seither verändert?

Mor: Ja, politisch natürlich, aber auch kulturell und gesellschaftlich. Die Deutschen sind heute selbstbewusster, ihre Tabus sind lockerer geworden. Man sieht und liest heute mehr über das Leid der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, zeigt Filme wie "Die Gustloff" und "Die Flucht". Ich habe die Filme natürlich auch gesehen. Ich will aber nicht bewerten, ob das gut ist oder schlecht.

Und Hitler wird in einer Komödie dargestellt. Akzeptiert man das in Israel?

Mor: Es gibt eine Grenze in unserer Bereitschaft, so etwas zu akzeptieren. Aber der Film - von Dani Levy - ist ja gescheitert. Und warum sollen wir uns mit einem Film auseinandersetzen, der meines Erachtens keinen Erfolg hatte? Der "Untergang" ist eine andere Sache. Viele Leute in Israel haben den Film gesehen. Und zu meiner Überraschung ist der Himmel nicht heruntergefallen. Aber Deutschland wird von Israelis eher am Rande verfolgt. Ihre eigene Tagesordnung, nämlich mit der beständigen Bedrohung leben zu müssen, ist wichtiger für sie.

Man erlebt in Deutschland immer wieder antisemitische Ausfälle. Sie auch?

Mor: Ja, das ist ein Teil der Veränderungen in Deutschland. In den 90er-Jahren haben wir viele Hassbriefe bekommen. Anonym, ohne Absender. Heute: mit Absender. Als es den Skandal um den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gab und der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen Rücktritt verlangte, sprach ich mit einem Beamten. Er sagte: "Wie können diese Juden sich in unsere Angelegenheiten einmischen?" Ich antwortete: "Meine Güte, die Juden sind genauso Deutsche wie Sie. Die haben das gleiche Recht, etwas zu fordern."

Sowas ist Antisemitismus. Und zwar nicht von jemandem auf der Straße! Außerdem ist es salonfähig geworden, über die Politik in Israel die Juden zu kritisieren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich darf man Israel kritisieren, aber man muss eine Linie ziehen zwischen berechtigter Kritik und Antisemitismus.

Und wo liegt die?

Mor: Da gibt es den so genannten 3-D-Test. Wenn drei "D" erfüllt sind, dann wissen wir, dass die schmale Grenze zum Antisemitismus überschritten ist: Delegitimierung, Dehumanisierung und doppelter Standard.

Also Israel das Existenzrecht abzusprechen und Israelis als Unmenschen darzustellen. Und doppelter Standard?

Mor: Israel ist eine Demokratie, also betrachtet man es mit anderen Maßstäben als die arabischen Länder. Wir sollen "verhältnismäßig" auf Raketenangriffe reagieren, eine Demokratie soll mit ihren Feinden reden usw.. Dabei wird vergessen, dass ein Terroranschlag auch die Verletzung eines Menschenrechtes darstellt. Unseres Rechts zu leben.

Auch Palästinenser berichten immer wieder von Menschenrechtsverletzungen.

Mor: Ja, es gibt Soldaten, die die Palästinenser schlecht behandeln. Ich bin nicht stolz darauf. Aber das ist ein Preis, der leider Gottes von beiden Seiten bezahlt werden muss. Stellen Sie sich mal vor, ein Terrorist könnte sich frei bewegen, ohne Checkpoints. Sollten wir so jemanden höflich überreden, es nicht zu tun? Die moralischen Entscheidungen, die wir in Israel treffen müssen, sind schlimm. Es sind immer Entscheidungen zwischen Pest und Cholera.

Unter denen das Ansehen des Landes leidet.

Mor: Ja, das Ansehen Israels in der Welt ist nicht so gut. Aber manchmal ziehen wir es eben vor, am Leben zu bleiben, statt beliebt zu sein. Meine Aufgabe ist es, das zu erklären. Sehen Sie, was wir brauchen, ist eine gewisse Sympathie, die uns zeigt, dass wir nicht alleine sind. Wenn wir nicht mehr das Gefühl hätten, geächtet zu sein, könnte unsere Politik mutiger sein. In dem Moment, wo auch die arabische Welt uns anerkennt und als gleichberechtigt akzeptiert, werden Sie sehr überrascht sein, wie weit Israel bereit ist, mit den Palästinensern zu gehen.

Das Interview fasste Achim Beer zusammen.

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Kommentare
11.07.2009
11:53
Israel zieht es vor zu leben
von thomas-62 | #23

@Broganda, Zitat: Wenn ich Ihren bzw. Herr Mors Standpunkt also auf den Punkt bringen soll: sollte sich Israel entscheiden, auch zu Selbstmordattentaten zu greifen, dann dürfe man Israel dafür nicht kritisieren. Mit anderen Worten: man solle nicht erwarten, daß Israel nur einen Deut besser agiert als palästinensische Terroristen. Das ist tatsächlich Ihre Meinung?

Sie unterstellen bzw. konstruieren Dinge, die nicht gesagt worden sind. Daß Israel eben gerade nicht per Selbstmordattentaten agiert, ist ein Teil dessen, was wir demokratische Standards und auch einen entsprechenden Ausdruck unserer Kultur nennen. Anderherum: Wenn Sie verlangen, daß Israel sich nicht militärisch gegen Terror von Mächten verteidigen dürfe, deren Grundsatzdokumente die Vernichtung dieses Staates beschlossen hat und denen die Menschenrechte (oder was sie eben dafür halten) nur insofern nicht egal sind, als sie sich propagandistisch gegen diesen Staat ausschlachten lassen, dann ist das sehr klar und eindeutig ein (nicht nur) von Ihnen aufgerichteter doppelter Standard, denn das Recht auf Selbstverteidigung hat nun mal jeder Staat, zumal dann, wenn er demokratisch legitimiert ist.

27.04.2008
14:01
Blockierter Kommentar.
von D. | #22

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

24.04.2008
13:34
Israel zieht es vor zu leben
von Brodaganda | #21

@Thomas Bonczek:
Richtig, ja. Aber weiter unten haben Sie formuliert, daß Herr Mor unter anderem folgender Aussage verhalten gegenübersteht, diese also ablehnt:

[...] von euch allerdings, einer Demokratie nach westlichem Vorbild könnte man mehr erwarten [...]
(auf den in diesem Zusammenhang relevanten Punkt gekürzt)

Herr Mor sagt damit also aus, er möchte NICHT, daß man von Israel mehr erwartet als von palästinensischen Terroristen. Das ist ein klarer Widerspruch zu Ihrer Eingangsaussage: Israel hat sich wohl an demokratischen Standarts zu messen. Also wie nun?

24.04.2008
12:28
Israel zieht es vor zu leben
von Thomas Bonczek | #20

@Broganda:
Absolut nicht, aber dies hätten Sie ja schon meinem ersten Satz entnehmen können.

24.04.2008
11:56
Israel zieht es vor zu leben
von Andreas Mühlmann | #19

@Bonczek
Was Sie als Weisheit bezeichnen, ist nichts als die aufmerksame Beobachtung der Tätigkeiten des Zentralrats, der m. E. seinen Namen ändern sollte in Zentralrat der Juden in Israel. Schließlich kann man kann sich nicht als Vertretung der deutschen Juden verstehen, indem man ständig Stellung bezieht zu Befindlichkeiten israelischer Juden. Hier in Deutschland spielt die Musike, und es ist ja nun nicht so, dass es keine Anlässe gäbe, zu denen man Stellung in diesem Lande beziehen sollte und könnte. Will man jedoch gehört werden, sollte man den Anspruch, deutsche Juden zu vertreten auch ernst nehmen. Oder eben den Namen seiner Organisation ändern.

23.04.2008
20:25
Israel zieht es vor zu leben
von Axel Steffen | #18

Es ist schon etwas seltsam, darüber in Deutschland zu diskutieren, ob die iraelische Nation sich richtig verhält, wenn sie zu militärischen Mitteln greift, um sich gegen den durch die Selbstverwaltungsbehörden geförderten bzw. geduldetenTerror der Palästinenser zu wehren.

Man bedenke doch bitte, dass SPD - und CDU - Innenminister unlängst noch den Bundeswehr-Einsatz im Inland legitimieren wollten, um die Terrorgefahr hier in Deutschland bekämpfen zu können.
Inwieweit Herr Schäuble und vormals Herr Schily damit richtig liegen, kann ich nicht wirklich beurteilen.

Nichtsdestotrotz gilt:
Eine Demokratie, die sich nicht gegen Radikale verteidigt, ermuntert nur zu noch mehr Gewalt und ist letztendlich zum Untergang verdammt.
Und dafür liefert die deutsche Geschichte den besten Beweis.

23.04.2008
18:44
Israel zieht es vor zu leben
von Brodaganda | #17

@Thomas Bonczek:
Wenn ich Ihren bzw. Herr Mors Standpunkt also auf den Punkt bringen soll: sollte sich Israel entscheiden, auch zu Selbstmordattentaten zu greifen, dann dürfe man Israel dafür nicht kritisieren. Mit anderen Worten: man solle nicht erwarten, daß Israel nur einen Deut besser agiert als palästinensische Terroristen. Das ist tatsächlich Ihre Meinung?

Aber wie passt das mit dem israelischen Stolz zusammen, die einzige Demokratie im nahen Osten zu sein? Den könnte man doch dann unter diesen Umständen knicken, oder nicht?

23.04.2008
17:45
Israel zieht es vor zu leben
von Thomas Bonczek | #16

@Broganda;

Israel hat sich wohl an demokratischen Standarts zu messen, doch was sind demokratische Standarts? Der Verzicht auf Selbstverteidigung wird wohl kaum unter diesen Begriff fallen. Leider begreifen dies einige Friedensbewegte in Europa nicht. Viele Individuen aus dem linken Spektrum neigen zu ähnlichen Ansichten und verklären zudem jegliche palästinensische Terroraktion zu einem Ausdruck des nationalen Freiheitskampfes. Meist werden eben in diesen Kreisen, in denen nicht der Hauch einer Vorstellung davon existiert, was es bedeutet in Ashqelon oder Sderot zu leben, Forderungen nach Verhältnismäßigkeit laut. Neben seiner strategisch militärischen Ebene wird dem Begriff Verhältnismäßigkeit eine entwicklungspolitische Ebene hinzugefügt; Gewalt ist zur Verfolgung politischer Ziele ausserhalb demokratischer Rechtsstaaten üblich, innerhalb dieser jedoch nicht. auf Basis dieser Feststellung wird den Israelischen Militär(re)aktionen die Legitimation entzogen. Das der Terror seitens der Hamas verwerflich ist fällt nicht in den Blickpunkt. Aus dieser Geisteshaltung resultiert der immer wieder erhobene Vorwurf gegen Israel den ich hier mal salop formulieren möchte:
Von den Palästinensern erwartet man es ja nicht anders, von euch allerdings, einer Demokratie nach westlichem Vorbild könnte man mehr erwarten, ihr treibt sie ja förmlich in den Terrorismus.
Das Israel und Herr Mor als dessen Gesandter solchen Positionen verhalten gegenüberstehen, wird wohl niemanden überraschen.

@ Andreas Mühlmann

woher haben sie diese Weißheit?

23.04.2008
14:25
Israel zieht es vor zu leben
von Brodaganda | #15

Müsste nicht doppelte Standards heißen, daß man Israel nur an den Standards messen darf, die man auch an jedes anderen demokratischen Land anlegt? Anders ergibt das für mich keinen Sinn. Schließlich ist Israel - zurecht - stolz darauf, ein demokratisches Land zu sein.
Verstehe ich es recht, daß Herr Mor das anders sieht? Israel möchte sich explizit nicht an den Standards der Demokratie messen lassen??

23.04.2008
11:28
Israel zieht es vor zu leben
von Andreas Mühlmann | #14

Der geforderte Rücktritt von Oettinger durch den Zentralrat war durchaus berechtigt, da er in diesem Fall die deutschen Juden vertrat. Leider ist dies ein Einzelfall, denn der Zentralrat vertritt meist die Juden in Israel und hat sich damit seine Existenzberechtigung als deutsche Organisation schon lange verspielt.

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