Bildungswüste Ruhrgebiet
Initiative will Chancengleichheit für die Hinterhöfe
12.03.2010 | 13:25 Uhr 2010-03-12T13:25:00+0100Essen. In der Metropole Ruhr gibt es 20 Hochschulen. „Max Planck” und „Fraunhofer” forschen hier, Stiftungen fördern kluge Köpfe. Die Metropole schmückt sich damit . Von ihrer der Bildung abgewandten Seite ist selten die Rede: von Kindern, die nicht richtig sprechen lernen, von Jugendlichen, die nicht „ausbildungsfähig” sind.
Von ihnen gibt es viele in der Metropole Ruhr. Viel mehr als im Rest von NRW oder im Rest der Republik. Das reißt am Ende noch das ganze Ruhrgebiet runter, meint eine „Initiative für Bildung und Frühförderung”. Sie fordert die Kommunen und das Land auf, sich endlich mehr um die Benachteiligten zu kümmern und alle Kinder „zwischen 0 und 10 Jahren” besser zu fördern. Es geht, etwas überspitzt, um „Chancengleichheit auch für die Hinterhöfe”.
Hinter der Initiative stehen das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Uni Duisburg-Essen, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und das Zentrum für Regionalforschung (Zefir). Sie glauben, dass es erstens ein Recht auf gute Bildung für alle gibt und zweitens, dass wir wegen der vielen „Abgehängten” an der Ruhr auf einen erheblichen Fachkräftemangel zusteuern.
„Hier leben die Bildungsverlierer”, sagt Alfons Kunze von der GEW. „Die Sprachstandsfeststellung 2009 hat gezeigt: In den Kernstädten des Ruhrgebiets hat jeder dritte Vierjährige Förderbedarf. In Duisburg, Gelsenkirchen und Oberhausen sind es sogar noch mehr.” Ende 2008 erreichte das Thema Bildungsförderung an der Ruhr schon einmal höchste Aufmerksamkeit. Damals trafen sich im Gelsenkirchener Musiktheater 550 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Sie wollten eine „Bildungsregion Ruhr2018“ auf den Weg bringen, sie wollten die „Ewigkeitslasten des Bergbaus“ in den „Ewigkeitsnutzen von Bildung“ verwandeln. Geschehen ist seitdem offenbar wenig.
Im Gegenteil: Viele der Zahlen die das Zentrum Zefir zusammengetragen hat, schockieren: Im Ruhrgebiet gibt es mehr arme Kinder als im Bundesschnitt: 24 Prozent statt 16 Prozent der unter 15-Jährigen leben von Sozialgeld. Viel weniger Kinder finden einen Kita-Platz, sogar die Säuglingssterblichkeit ist ein Drittel höher. Das Problem ist schon lange bekannt. Es gibt einen gemeinsamen Plan der Städte, bis zum Ende des Steinkohle-Bergbaus im Jahr 2018 ein wesentlich höheres Bildungsniveau zu erreichen. Bisher blieb es beim frommen Wunsch.
„Die Kommunen können das gar nicht stemmen, die sind ja praktisch insolvent”, sagt DGB-Landesvorsitzender Guntram Schneider zur WAZ. „Nur das Land könnte diese Investitionen ermöglichen”, sagen die Väter und Mütter der „Bildungsoffensive Ruhrgebiet”. Investitionen in die Köpfe würden sich am Ende doppelt auszahlen. Wer nicht investiere, zahle doppelt und dreifach drauf.
Auch Sybille Stöbe-Blossey vom Institut IAQ sieht das Ruhrgebiet auf dem Weg in eine Qualifizierungskrise: „Die Schere zwischen Qualifikationsniveau und Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt öffnet sich immer weiter. Es droht eine Gleichzeitigkeit von Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit.
Völlig unverstäandlich ist nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW, dass das Land derzeit die so genannten „Sozialindexstellen“ an den Grundschulen um 20 Prozent kürzt. Das sind zusätzliche Lehrerstellen, die vorrangig Grundschulen in sozialen Brennpunkten zugewiesen werden. Schon früher seien diese Stellen für Vertretungsunterricht zweckentfremdet worden. Nun aber werde würde auch noch gekürzt, ärgert sich Norbert Müller, Vize-Landesvorsitzender der GEW.
Bildungsförderung, da sind sie sich einig, müsste eigentlich schon während der Schwangerschaft beginnen. „Wir müssen die Kinder und ihre Familien früh erreichen. Wir brauchen eine Förderkette von 0 bis 10 Jahren”, sagt Sybille Stöbe-Blossey. Mit genügend Kita-Plätzen, Beratungszentren und mehr als ein paar Euro fünfzig für die Sprachförderung von Vierjährigen.
0mitdiskutieren