In Duisburg-Marxloh findet Sarrazin Zuspruch
01.09.2010 | 11:29 Uhr 2010-09-01T11:29:00+0200
Duisburg.Thilo Sarrazin hat ein Problem mit Migranten. Und die Sozialdemokratie hat deshalb ein Problem mit Thilo Sarrazin. In Duisburg-Marxloh jedoch, dem Stadtteil in dem viele türkische Einwanderer leben, hat Sarrazin seine Anhänger.
Als Sozialdemokrat ist Thilo Sarrazin nicht mehr tragbar. Diese Ansicht vertreten inzwischen weite Teile der SPD-Basis an Rhein und Ruhr. Vor allem die jüngsten Äußerungen Sarrazins zur Vererbungslehre seien mit den Idealen der Partei nicht vereinbar.
Thilo Sarrazin hat ein Problem mit Migranten. Und die Sozialdemokratie hat deshalb ein Problem mit Thilo Sarrazin. Das ist auch in Duisburg-Marxloh so. Im Stahlarbeitervorort, im Stadtteil der türkischen Brautmodeläden, der immer noch eine der Hochburgen der Revier-SPD ist.
Ja, Sarrazin habe hier Anhänger. In Marxloh gebe es Bürger, vielleicht sogar SPD-Wähler, die den Satz „Deutschland schafft sich ab“ unterschreiben würden. Das wissen Helmut Kanngießer (70) und Manfred Slykers (50). Die beiden sind schon eine halbe Ewigkeit in der Partei.
Marxloh trägt einen Stempel. Den des Ausländer-Stadtteils, den Ghetto-Stempel. Doch „Ureinwohner“ Helmut Kanngießer sieht den Ort nicht in der Existenz-Krise. „Vor fünf Jahren, bevor die ganzen Brautläden kamen, war es hier gespenstisch“, erzählt er. „Da standen Geschäfte leer, da waren Schaufenster zugeklebt. Heute ist wieder Leben im Ort.” Offiziell gilt ein Drittel der Einwohner als Migranten. „Gefühlt ist es jeder Zweite”, sagt Manfred Slykers.
„Der Spruch vom Gen der Juden – das ist völlig neben der Spur”
Vor wenigen Tagen noch hätten die Marxloher Sozialdemokraten ihrem Genossen Thilo Sarrazin sogar eine Chance gegeben, sich zu erklären. Aber das ist nun vorbei. Sarrazin gehört nicht mehr in die SPD, finden Slykers und Kanngießer: „Der Spruch vom Gen der Juden – das ist völlig neben der Spur.”
Noch etwas nehmen sie dem Buchautor übel: „Was der schreibt, bringt uns vor Ort keinen Millimeter weiter. Der klagt nur an, ihn interessiert nicht, wie Migranten integriert werden könnten“, ärgert sich der Ortsvereinsvorsitzende. Dabei macht sich Slykers keine Illusionen. „Es gibt Probleme mit einigen Migranten. Ich glaube, es ist eine Bringschuld der Zuwanderer, die deutsche Sprache zu lernen. Manche müssten sich auch mehr um ihre Kinder kümmern. Darüber muss man reden, auch in der SPD.“
In Marxloh gehe es aber gar nicht so sehr um Einheimische oder Zugewanderte, sondern um Lebensperspektiven. Helmut Kanngießer erinnert sich an eine Zeit, in der ein Job bei Thyssen „so eine Art Lebensstellung war. Um da rauszufliegen, musstest du schon silberne Löffel klauen. Heute herrscht Unsicherheit“.
Und Slykers sagt: „Wenn einer mit einem mittelmäßigen Gesamtschulabschluss schon keine Lehrstelle mehr bekommt, dann darf man sich nicht wundern, wenn es im Stadtteil rumort. Das ist das Hauptproblem, nicht Religion oder Kultur.“
Sarrazin torpediere die eigene Partei
Das sehen viele Genossen so. Volkan Baran leitet in Dortmund den Arbeitskreis Migration und spürt „jede Menge Wut im Bauch”, wenn er an Sarrazin denkt. Baran hat persönlich mehr als 80 Migranten für die SPD-Mitgliedschaft angeworben. Sarrazin torpediere mit seinem Auftreten die eigene Partei: „Die SPD steht für Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und nicht für Ausgrenzung.”
„Es ist schon lange nicht mehr erkennbar, dass Thilo Sarrazin sich noch der sozialdemokratischen Grundidee verbunden fühlt”, meint Timo Schisanowski, Juso-Vorsitzender in Hagen. „Das Parteiordnungsverfahren ist völlig gerechtfertigt. Beim Thema Integration muss man seriös bleiben und nicht pseudowissenschaftliche Thesen verbreiten”, bestätigt Sinan Akin von der Projektgruppe Migration der SPD in Gelsenkirchen.
Doch Sven Söhnchen, Migrations-Experte der SPD in Hagen-Eckesey, hofft, dass Sarrazin freiwillig die SPD verlässt, denn: „Ich halte nichts davon, Menschen aus der SPD rauszuklagen, weil sie eine abweichende Meinung haben. Dann müsste man wahrscheinlich viele Verfahren einleiten.”

21:25
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Offenbar gilt eher der Satz Die meisten Politiker haben ein Problem mit der Wirklichkeit.
#43 von holmark , am 01.09.2010 um 13:30
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Mir fällt dazu ein:
Die meisten Politiker halten die Wirklichkeit für kein Problem.
Die meisten Politiker haben keine Probleme in ihrer Wirklichkeit.
Kann beliebig variert werden.
Dazu aber eine - warum auch immer -untergegangene kleine Nachricht.
So um den letzen Tag der Wiedervereinigung - mit der Wulff`schen Aussage:
Der Islam gehört zu Deutschland wie uswusw-
Der Intendant des rbb, Udo Raiter - oder so ähnlich, erzählt im Kollegenkreis folgendes.
Tag Der Deutschen Einheit, 2030.
Der Deutsche Bundes-Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Herr Muhamed Mustafa Ütschlünd, bittet seine Deutschen Landleute, die Rechte der Deutschsprachigen Minderheit zu wahren.
Der Intendant ist meines Wissens - weg vom Fenster.
Ich aber behaupte, dieser Witz ist - spätestens -2037 - Tatsache.
10:11
Mit seinen Thesen zur vererbbaren Dummheit und zur Intelligenz von Völkergruppen hat Thilo Sarrazin für Empörung gesorgt. Ein Humangenetiker erklärt, wie wenig an den Behauptungen dran ist. Professor André Reis ist Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik und nahm in einem Interview vom 20.10.2010 im Stern-online dazu Stellung.
„Stern-online: Sarrazin geht auch davon aus, dass ganze Volksgruppen aufgrund ihrer Gene weniger intelligent sind. Gibt es einen deutschen oder türkischen Volks-IQ?
Reis: Das ist ein ausgemachter Unsinn. Man kann nicht behaupten, dass türkischstämmige Menschen generell dümmer sind. In allen Bevölkerungen findet sich eine Streuung - es gibt kluge Menschen und weniger intelligente. Das ist bei Deutschen nicht anders als bei Türken, Italienern oder Griechen. Allerdings spielen die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen durchaus eine Rolle. Wenn Migranten zu uns kommen, die weniger gute Voraussetzungen hatten, dann ist deren Bildung wahrscheinlich eher gering, wobei Bildung und Intelligenz zusammenhängen.
Stern-online: (...) In einem Interview geht er davon aus, dass alle Juden ein bestimmtes Gen haben. Oder alle Basken.
Reis: Mit dieser Aussage hat sich Herr Sarrazin meiner Meinung nach disqualifiziert. Da ist er völlig auf dem Holzweg. Es gibt keine genetischen Merkmale, die eine einzelne Bevölkerungs- oder Religionsgruppe charakterisieren. Jeder Mensch hat ungefähr 25.000 Gene und jeder hat wirklich alle. Allerdings gibt es bei jedem Individuum unterschiedliche Varianten dieser Gene, die durch Mutation entstanden sind. Wobei, wie gesagt, ein Deutscher und ein Türke sich diesbezüglich mehr gleichen können als zwei Deutsche. Es gibt also so wenig ein Türken- oder Juden-Gen wie es ein Franken- oder Bayern-Gen gibt. Zwar können einzelne Merkmale wie blaue Augen oder rote Haare auf Varianten dieser Gene zurückgeführt werden, allerdings reicht das nicht aus, um zum Beispiel zu sagen, jemand der rothaarig ist, ist ein Ire. Hier sind die Menschen genauso wenig auf Gene reduzierbar wie bei der Intelligenz.
Stern-online: Warum halten sich so absurde, wissenschaftlich längst überholte Thesen wie die, dass bestimmte ethnische Gruppen angeblich weniger intelligent sind als andere?
Reis: Der Versuch, immer wieder wertende Eigenschaften im Vergleich zwischen Bevölkerungsgruppen in die Diskussion einzubringen, ist ein andauerndes Problem. Vielleicht verleitet die Tatsache, dass es äußerliche Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen wie Haut- oder Haarfarbe gibt, zu dem Kurzschluss, dass dann auch die Intelligenz unterschiedlich sein müsste. Allerdings sind das reine Vorurteile. Die sinnvolle Konsequenz aus der durch das Sarrazin-Buch erneut angestoßenen Integrationsdebatte müsste eigentlich sein, dass wir zugewanderte Menschen stärker fördern müssen, wenn dies nötig ist. Und nicht diskriminieren.“
Die letzte Frage des Sternreporters war, warum sich so absurde, wissenschaftlich längst überholte Thesen heute noch Menschen zueigen machen. Genauer gesagt Thesen, die nicht weiteres darstellen als einen Sozialdarwinismus, der zur herrschenden Lehre während des Faschismus in Deutschland wurde. Und mit den katastrophalen Konsequenzen endete und nicht nur zur Ausgrenzung von Minderheiten führte, sondern auch zu deren systematischen Vernichtung. Nun dient der pseudowissenschaftliche Ansatz Sarrazins der Begründung seiner Einschätzung von Migranten und sozial ausgegrenzter Gruppen im Jahr 2010. Zur sarrazinschen Abstammungslehre, zu der sich ein Herr Steinbrück (SPD) nicht offen bekennen will, hält ihn nicht davon ab, den folgenden aufgewärmten faschistoiden Theorien über eine verfehlte Integration die Stange zu halten? Denn gerade die geistige und „unwerte“ Ausstattung der Migranten und zudem eine unterstellte Integrationsunwilligkeit, lässt jedes Integrationsprojekt scheitern. Dabei ist es in jedem Staat so, dass die kulturelle Identität ein wichtiges Bindeglied unter Bevölkerungsgruppen bildet. Bloß hier in Deutschland wird sie als Gegenargument gegen Migranten verwandt. Und es ist im Eigentlichen die Angst vor dem Fremden, die Angst vor der Überfremdung des Deutschtums, das seinerzeit auch im Faschismus in der Hetze gegen „Anders-Artige“ eine Rolle spielte. Wie verkommen sind diese Mensch eigentlich, die diesem Sozial-Terroristen Sarrazin, das Wort reden?
Im Übrigen ist es kaum vermittelbar, warum die WAZ in Stasi-Manier Leserkommentare ohne Begründung zensiert und damit das Recht zur freien Meinungsäußerung mit Füßen tritt!
01:37
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12:27
Zur Lage in Marxloh hier eine weitere Perspektive:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/428#/beitrag/video/1128426/Integration-in-Deutschland
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