Immer mehr Arbeitnehmer dopen sich

Jede Menge Tabletten schlucken Arbeitnehmer, um ihre Leistung zu steigern oder Stress abzubauen.
Jede Menge Tabletten schlucken Arbeitnehmer, um ihre Leistung zu steigern oder Stress abzubauen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Männer wollen eher ihre Leistung steigern, Frauen vor allem ihre Stimmung aufhellen: Die Zahl der Berufstätigen, die Psychopharmaka oder Betablocker schlucken, wächst.

Berlin.. Knapp drei Millionen Arbeitnehmer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren haben bereits Erfahrungen mit „Doping“ im Job, um erfolgreicher zu sein oder Stress abzubauen. Die Dunkelziffer liegt Fachleuten zu Folge fast doppelt so hoch. Das ergab eine neue Studie der DAK.

Sie schlucken Demenzmittel, um ihr Gedächtnis zu verbessern, sie nehmen Antidepressiva, um Unsicherheit und Überforderung zu bekämpfen - oder sie versuchen, konzentrierter und leistungsfähiger zu sein, indem sie Medikamente einnehmen, die gegen Bluthochdruck oder ADHS helfen: Mehr als jeder zehnte Berufstätige zwischen 20 und 50 Jahren, so schätzen die Studienautoren die Dunkelziffer, hat bereits zu rezeptpflichtigen Medikamenten gegriffen - ohne krank zu sein.

Die Mehrheit der Befragten erhielt die Medikamente auf Rezept

Für die Doping-Studie werteten die Forscher Patientendaten der DAK aus und befragten zusätzlich 5000 Berufstätige zwischen 20 und 50 Jahren. Anders als erwartet zeigte sich, dass der Medikamentenmissbrauch nicht etwa bei Hochqualifizierten und Führungskräften besonders groß war: Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher und monotoner die Arbeit, desto höher ist offenbar das Risiko für Doping. Auch wer dauernd unter Zeitdruck arbeitet oder im Kundenkontakt ist und deswegen permanent seine Gefühle unter Kontrolle halten muss, greift der Studie zu Folge eher zur Stimmungspille als Menschen, die selbstbestimmter arbeiten können.

Die Mehrheit der Befragten gab an, die Medikamente per Rezept von ihrem Arzt bekommen zu haben, der Rest hatte die Pillen von Freunden oder Verwandten oder aus dem Internetversand. Viele Ärzte seien bereit, ihre Patienten solche Wünsche in Ausnahmefällen zu erfüllen - etwa vor Prüfungen oder Vorstellungsgesprächen, so Studienautor Hans-Dieter Nolting vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES).

Experten warnen vor dem Psycho-Doping: „Ich fühle mich damit vielleicht kurzfristig wacher und fitter“, sagt Klaus Lieb, Psychiater an der Uni Mainz, doch wer langfristig mittels Psycho-Doping über seine Grenzen geht, erhöhe sein Risiko, ernsthaft zu erkranken. Sinnvoller sei es, so die Studienautoren, den Körper durch Sport, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf widerstandsfähig zu machen und Stress durch gute Arbeitsorganisation und Entspannungstechniken zu bekämpfen.