Im Wartezimmer von Europa
23.12.2008 | 08:40 Uhr 2008-12-23T08:40:00+0100Brüssel. Seit Mitte November leben Hunderte von illegalen Immigranten in einer Brüsseler Sporthalle – und träumen von einem besseren Leben. Viele von ihnen sind schon seit Jahren ohne feste Bleibe. Auf Papiere ihres Gastlandes und Legalisierung warten sie oft vergeblich.
Wenn sich Alberto nachts schlafen legt, sind rund 300 Menschen mit im Raum. Er hat einen Platz am Fenster, seine Matratze liegt auf dem Parkettboden – direkt unter einem Basketballkorb. „Ich hatte einen Traum“, sagt der 33-Jährige. „Ich dachte, in Europa lebt man besser.“
15 Jahre Warten
Alberto sitzt auf einer Decke in seiner neuen Bleibe: der Sporthalle der Freien Universität Brüssel (ULB). Der Ecuadorianer ist als Tourist nach Belgien eingereist und geblieben. Das ist 15 Jahre her. Seitdem wartet er darauf, dass sein Leben beginnt. Und alles, was er dafür braucht, ist ein Stück Papier. „Aber es gibt immer nur Versprechen.“
Im März hatte sich die neu formierte belgische Regierung darauf geeinigt, die Legalisierung der Immigranten abhängig zu machen von einer „dauerhaften lokalen Verankerung“. Eine klar definierte Regelung gibt es aber bis heute nicht für die „Sans-papiers“.
Protestaktionen
Papierlose – so nennen sich die Einwanderer, die kein Aufenthaltsrecht im Land haben und dennoch hier leben. 100.000 sollen es sein. Immer wieder machen sie durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam. Im Mai hatte eine Gruppe von 150 Sans-Papiers eine Beginenkirche in Brüssel besetzt und trat in einen mehrwöchigen Hungerstreik. Im August besetzte eine Gruppe Asylbewerber mehrere Baukräne in der Stadt. Doch verbessert hat sich die Situation der meisten bislang nicht.
„Wir sind hier eingesperrt ohne Papiere“, sagt Assan, 30. Der Marokkaner hat ein rotes Tuch um den Oberarm gebunden – eine Art Kapitänsbinde. Jede Gruppe, Nation, Gemeinschaft in der Halle hat einen Repräsentanten. Die Regeln sind: Keine Drogen, kein Alkohol, kein Streit in der Halle.
Am 5. Januar muss die Halle frei sein
Doch es gibt häufig Unruhe. Viele sind frustriert vom Stillstand, müde vom Nichtstun. Und jetzt drängt die Uni auch noch auf ein Ende der Besetzung. Am 5. Januar soll der Sportbetrieb wieder laufen. Dann müssen die Papierlosen erneut weiterziehen – irgendwohin. Für viele geht das seit Jahren so.
„Sie müssen lernen, gemeinsam für ihre Sache zu kämpfen. Nur so erzeugen sie Druck auf die Politik“, sagt ein Soziologiestudent der ULB, der sich Z. nennt. Das sei jedoch schwierig, weil die Zuwanderer zwar ein gemeinsames Ziel hätten; doch zwischen den Immigranten liegen buchstäblich Welten. 15 Nationen sind hier versammelt, sagen die einen. Es sind 40, sagen andere. Assan sagt: „Wir repräsentieren Europa. Ich lebe seit 11 Jahren hier.“
Schwarzarbeit
Die Papierlosen drängen ins Licht der Öffentlichkeit. Sie wollen zeigen, wie viele im Schatten leben müssen – ohne legale Arbeit, Wohnung oder Krankenversicherung. Viele arbeiten schwarz – für 20, 25 Euro am Tag, auf dem Markt, im Restaurant. „Sie sind moderne Sklaven“, sagt Z., der Student. „Ohne Rechte. Denn schwarz arbeiten heißt nicht wirklich Arbeit haben.“
Die Ministerin für Asyl und Migration, Annemarie Turtelboom, lässt dagegen in einem Interview verlauten: „Wenn jemand durch die Hintertür in meine Wohnung kommt, sich in meinen Sessel setzt und nach dem Hausschlüssel fragt, dann sage ich: nein! Ich möchte die Hintertür schließen.“
Alberto aus Ecuador hat keine Hoffnung mehr.„Aber was kann ich tun? Ich muss weitermachen, für meine drei Kinder.“ Nur für den kleinsten Sohn, 5 Jahre alt, muss Alberto nicht mehr kämpfen. „Er hat den belgischen Pass.“ Er ist Europäer – auf dem Papier. Noch weiß er nicht, wie wertvoll das ist.

14:49
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
08:13
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.