„Im schwärzesten Loch der Hölle“

Damaskus..  Der Generalsekretär der Vereinen Nationen, Ban Ki Moon, fand drastische Worte. Das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk in Syrien gleiche einem „Todeslager“. Die etwa 16 000 Menschen, unter ihnen mindestens 3500 Kinder, seien gefangen „im schwärzesten Loch der Hölle“. Ban warnte vor dem „Abschlachten Unschuldiger“ und sagte in der Nacht zum Freitag: „Wir können nicht einfach danebenstehen und zusehen, wie sich ein Massaker ausbreitet.“

Diese Hölle liegt acht Kilometer vom Stadtzentrum der syrischen Hauptstadt Damaskus entfernt. Nach Jarmuk flüchteten im Jahr 1948 Palästinenser vor dem ersten arabisch-israelischen Krieg. Anfangs lebten sie in Zelten, bald wurden Häuser gebaut, und Jarmuk unterschied sich kaum noch von anderen Stadtteilen. 160 000 Menschen lebten dort. Es gab Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Cafés.

Als vor vier Jahren der syrische Bürgerkrieg begann, gerieten die Palästinenser zwischen die Fronten. Zuerst verwandelte sich ihr Viertel in eine Trümmerwüste, jetzt in eine Todeszone. Die meisten Bewohner sind geflohen, aber immer noch sitzen dort Tausende fest, seit Anfang April die Terrormiliz des „Islamischen Staats“ (IS) Jarmuk überrannte und dabei zahlreiche Männer enthauptete. 90 Prozent des Lagers sollen sie mit der Hilfe weiterer Verbündeter kontrollieren.

Fassbomben auf das Viertel

Aus der Luft wird das Viertel, in dem sich die IS-Truppen jetzt verschanzen, von Assads Truppen angegriffen. In den vergangenen Tagen warfen Armeehubschrauber Fassbomben auf die letzten Reste der Häuser ab.

Die Bewohner seien „menschliche Schutzschilde“ für den IS, sagt Chris Gunness, Sprecher des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNWRA). Ihre Lage sei „jenseits von menschlich“. Das Viertel ist nach seinen Worten vollständig abgeriegelt, die schon zuvor katastrophale Versorgung komplett zusammengebrochen. Es gibt keine Medikamente, keinen Strom, kein Wasser, nichts zu essen. Das Komitee vom Internationalen Roten Kreuz (IKRK) warnt davor, dass die Eingeschlossenen ohne rasche Hilfe verdursten und verhungern könnten. Bisher durften keine IKRK-Mitglieder ins Lager.

Die Eroberung durch die IS-Terrormiliz erinnert die Weltöffentlichkeit wieder an das Leid der Menschen, das schon viel länger andauert. Für die bewaffneten Islamisten bedeutet es den weitesten Vorstoß in die syrische Hauptstadt, die vom Bürgerkrieg bisher weitgehend verschont geblieben war. Dafür haben sie sich dieses Mal mit der Nusra-Front zusammengetan. Zuvor hatte der IS den Al-Kaida-Ableger noch bekämpft.

Die palästinensischen Flüchtlinge waren schon kurz nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Bedrängnis geraten. Jahrzehntelang hatte der Vater des heutigen Präsidenten Assad die „Volksfront zur Befreiung Palästinas-Generalkommando“ (PFLP-GC), die auch für Anschläge in Israel verantwortlich ist, finanziert und in Jarmuk regieren lassen. Als in Syrien die Proteste gegen Assad begannen, wurde auch in Jarmuk gegen die Kontrolle der PFLP und Assad protestiert. Als diese Demonstranten 2011 das PFLP-Hauptquartier in Jarmuk niederbrannten, wurden 14 Menschen erschossen. Das trieb viele Palästinenser ins Lager der Assad-Gegner. Sie schlossen sich den Rebellen der „Freien Syrischen Armee“ an. Die Antwort kam schnell. Seit 2012 ließ der bedrängte Machthaber Jarmuk umstellen und immer wieder bombardieren. Trotzdem behielten die Rebellen die Oberhand, kontrollierten zeitweise drei Viertel des Lagers.

Von der Versorgung abgeschnitten

Systematisch schnitt das Assad-Regime die Bevölkerung von Jarmuk nun von der Versorgung ab. 2013 gab es die ersten Hungertoten; angeblich waren es mehr als 130. Damals ging ein Foto um die Welt: Nach Monaten war es der UNO gelungen, zu den Palästinensern nach Jarmuk vorzudringen und Lebensmittel zu verteilen. Tausende hungernde Menschen standen Schlange zwischen den Ruinen ihrer Häuser. Nun ist es ausgerechnet Assad, der sich anschickt, Jarmuk aus den Händen der IS-Terroristen zu befreien.