Im Donbass wird weiter geschossen

Kiew/Donezk..  Schock im ukrainischen Dorf Hornjak. Zwischen den paar grauen sozialistischen Wohnblöcken schlagen plötzlich Grad-Raketen ein. Die meisten Bewohner kommen mit geborstenen Fensterscheiben und einem Schrecken davon. Bisher wähnte man sich hier 20 Kilometer westlich von Donezk außerhalb der Kampfzone zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Rebellen. „Sie schossen uns plötzlich in den Rücken“, heißt es danach im ukrainischen Internet.

Das Dorf befindet sich indes bereits in einem gestern von den pro-russischen „Separatisten“ veröffentlichten Lageplan. Demnach hat sich die Größe des Rebellengebiets rund um die beiden Industriestädte Donezk und Lugansk seit den letzten Minsker Friedensverhandlungen Anfang September in etwa verdoppelt. Dazu sollen bis heute Abend, wenn der nun am Mittwoch in Minsk vereinbarte neue Waffenstillstand in Kraft tritt, neue Gebiete kommen. „Wir müssen mit dem Eroberungsversuch von Debalzewe und Mariupol rechnen“, warnte gestern Mittag Petro Meched, der Kiewer Vizeverteidigungsminister.

Während es gestern rund um die im Frühsommer von ukrainischen Regierungstruppen zurückeroberte Hafenstadt Mariupol ruhig blieb, wurde bei der Kleinstadt Debalzewe erneut heftigst gekämpft. Die einstige 25 000-Einwohnerstadt werde mit Raketen und schwerer Artillerie beschossen, meldete der ukrainische Generalstab. „Der Beschuss ist so intensiv wie in den Tagen zuvor“, hieß es in der Stellungnahme. Ein Armeesprecher berichtete in Kiew von elf getöteten Soldaten und rund 40 Verletzten.

Um den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt wird seit Wochen schon gekämpft. Er ragt auf den ukrainischen Lagekarten wie ein Keil weit zwischen die beiden selbst ernannten separatistischen „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk und schneidet die beiden „Hauptstädte“ verkehrstechnisch entzwei. Für die Versorgung Donezks aus Russland müssen so weite Umwege gefahren werden.

Fiele der Eisenbahnknotenpunkt Debalzewe bis Samstagabend in Rebellenhand, so könnten diese künftig leicht und ungestört auch schwere Waffen an die westliche Frontlinie transportieren. Auch der bisher mit Lkws getätigte Kohlevertrieb im Rebellengebiet würde sich vereinfachen.

Laut den Lagekarten der Rebellen ist Debalzewe bereits völlig eingekreist. In der Stadt sollen sich demnach nur noch das Zentrum und zwei Vororte gegen die Besatzung wehren. Bis zu 8000 ukrainische Truppen sollen sich in dem Gebiet befinden. Sie könnten wie ihre Kameraden im Sommer in Ilowajsk in Massen aufgerieben und gefangen genommen werden.

Doch der ukrainische Generalstab widerspricht den Darstellungen der Rebellen. Ein Kessel von Debalzewe sei reines Wunschdenken, hieß es gestern. „Die wunderschöne Arbeit der ukrainischen Artillerie verhindert eine Umzingelung“, schrieb der Generalstab in einer Presseerklärung. Tatsache ist indes, dass die schwierige Lage der Regierungstruppen Kiew erst richtig an den Minsker Verhandlungstisch gebunden hat.

Trotz des neuen Abkommens, das per Sonntag einen Waffenstillstand bringen soll und die Souveränität der Ukraine in ihren bisherigen Grenzen garantiert, herrscht in Kiew Ernüchterung. Staatspräsident Petro Poroschenko dämpfte gestern die Erwartungen und meinte, er glaube nicht daran, dass die Vereinbarungen wortgetreu eingehalten würden. „Unser Ziel ist, die Kontrolle über Donezk und Lugansk zurückzuerlangen“, goss Regierungschef Arsenij Jazenjuk neues Öl ins Feuer. Die Rebellenwebseite „Noworossija Today“ vermeldete daraufhin prompt Raketenangriffe auf Lugansk und Donezk. Insgesamt dürften gestern bei den Kämpfen über zwanzig unbeteiligte Zivilisten ums Leben gekommen sein.